Am 9. November 1938 und danach zerstörten Schlägertrupps im NS-Staat Synagogen und jüdische Geschäfte, mehr als 1300 Juden starben. Die Zeiten waren anders als heute. Und doch fühlen sich viele Jüdinnen und Juden erinnert.
Berlin/Fulda - Die Synagoge von Fulda in der Straße Am Stockhaus, die damals Judengasse heißt, ist vor der Pogromnacht das Zentrum des religiösen Lebens der jüdischen Gemeinde. Es ist ein großer Bau mit hohen Mauern und halbrunden Fenstern. Im April 1937 leben etwa 850 Juden in der Stadt. Mehr und mehr werden aber auch sie Opfer von Angriffen, die im Novemberpogrom 1938 ihren traurigen Gipfel erreichen.
Pogromnacht vor 85 Jahren: Weshalb die Situation heute anders ist
Am 9. und 10. November werden jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört – und auch die Synagoge fällt dem Wahnsinn zum Opfer. Unter dem Kommando des SS-Mannes Otto Grüner wird sie niedergebrannt. Die Feuerwehr wird alarmiert, schützt jedoch hauptsächlich die angrenzenden Häuser. Zurück bleibt eine Ruine, die Anfang 1939 abgerissen wird. Das, was damals in Fulda passierte, war im ganzen Reich zu beobachten. Überall wurden Synagogen und jüdische Geschäfte zerstört.
Die vielen antisemitischen Vorfälle in Deutschland seit dem Angriff der Hamas auf Israel schüren bei Jüdinnen und Juden Angst. Als Unbekannte Davidsterne auf Häuser jüdischer Berliner malten, fühlten sich viele an das öffentliche Markieren der NS-Zeit erinnert. Nach einem versuchten Brandanschlag Mitte Oktober auf eine Synagoge in Berlin-Mitte sagte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Gideon Joffe: „85 Jahre nach der Reichspogromnacht sollen in Deutschlands Hauptstadt Synagogen wieder brennen.“ Ist es tatsächlich wieder so weit? Gibt es diese historische Parallele?
Wir haben die Spitzen der Politik auf unserer Seite. Aber das Gefühl der Bedrängnis der jüdischen Gemeinschaft ist trotzdem da.
„Ja und Nein“, sagt der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. „Ja, es war ein Brandanschlag auf eine Synagoge, der historische Traumata anspricht und das ist real. Nein, denn 1938 war das Ganze ein staatlich gelenktes Pogrom. Davon kann heute in Deutschland Gott sei Dank keine Rede sein. Von politischer Seite gibt es heute ganz klare Stellungnahmen für Israel und für jüdisches Leben in Deutschland, von staatlicher Seite gibt es bestmöglichen Schutz für jüdische Einrichtungen. Das macht den wesentlichen Unterschied.“
Dieser Unterschied ist real – das sieht auch der Gemeindevorsitzende Joffe so. „Die äußeren Rahmenbedingungen sind natürlich nicht vergleichbar mit 1938“, sagt er. „Wir haben die Spitzen der Politik auf unserer Seite. Aber das Gefühl der Bedrängnis der jüdischen Gemeinschaft ist trotzdem da.“ Der deutsche Staat, der Antisemitismus den Kampf angesagt hat, schafft es nicht immer, dies für alle glaubhaft einzulösen.
Progrom in Zahlen
1300 Menschen wurden getötet.
1400 Synagogen sind in der Nacht zerstört worden.
7000 Geschäfte wurden überfallen.
30.000 Juden wurden in Konzentrationslager verschleppt.
(Quelle: Deutsches Historisches Museum).
Die antijüdische Gewaltwelle 1938 hatten die Nationalsozialisten lange angebahnt – die Diskriminierung, Entrechtung und Verfolgung von Juden begann sofort nach der Machtübernahme 1933. Anlass war dann offiziell das Attentat des 17-jährigen Herschel Grynszpan auf den deutschen Botschaftsrat Ernst Eduard vom Rath in Paris am 7. November. Hintergrund dieser Tat wiederum war die Deportation von 17 000 polnischen Juden an die deutsch-polnische Grenze, darunter Grynszpans Eltern. Vom Rath starb am 9. November an seinen Verletzungen.
Die Spitze der NSDAP – versammelt in München in Erinnerung an den gescheiterten Hitler-Putsch vom 8. November 1923 – gab daraufhin das Startsignal. „Auf Grund des Attentats gegen den Leg. Sekr. v. Rath in Paris sind im Laufe der heutigen Nacht – 9./10.11.38 – im ganzen Reich Demonstrationen gegen die Juden zu erwarten“, telegrafierte SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich unter der Dachzeile „Blitz, dringend, sofort vorlegen!“ an alle Dienststellen.
Video: 9. November: Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht
Der SS-Mann gab detaillierte Anweisungen, nach welchen Regeln diese sogenannten Demonstrationen ablaufen sollten, „zum Beispiel Synagogenbrände nur, wenn keine Brandgefahr für die Umgebung ist“ und „Geschäfte und Wohnungen von Juden dürfen nur zerstört, nicht geplündert werden“. Würden diese Vorgaben eingehalten, seien „die stattfindenden Demonstrationen von der Polizei nicht zu verhindern, sondern nur auf die Einhaltung der Richtlinien zu überwachen“.
Natürlich ist die Lage heute in der Bundesrepublik anders, das sagt auch Jonah Sievers, der Rabbiner der Synagoge Pestalozzistraße. Aber auch er sieht vor allem in den mit Davidstern markierten Häusern etwas Neues, Erschreckendes. Er weiß von einem Fall, bei dem das Zeichen direkt neben dem Klingelschild eines jüdischen Bewohners angebracht war. Die Botschaft sei: Wir wissen, wo du wohnst, du bist hier nicht sicher.
„Diese Herausstellung von Juden, diese öffentliche Markierung erinnert einen an Zeiten, die eben doch mit dem 9. November zu tun haben“, sagt Sievers. „Sie sind natürlich nicht parallel. Aber die Symbolik und das, was es bewirken soll, das ist identisch. Und das wird diesen 9. November sicher zu einem anderen machen als die Jahre davor.“
Der Rabbiner selbst trägt nach eigenen Worten nur noch selten in der Öffentlichkeit Kippa, um Anfeindungen aus dem Weg zu gehen. „Man muss vorsichtig sein, man darf nicht naiv sein“, sagt Sievers.