Auszeichnung

„Wenn wir dafür kämpfen“ - Point-Alpha-Preis für frühere litauische Staatspräsidentin Dalia Grybauskaitė

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Der Stiftungsratsvorsitzende der Point Alpha Stiftung, Stefan Heck (links), und der Präsident des Kuratoriums Deutsche Einheit, Christian Hirte, überreichen den Point-Alpha-Preis an die ehemalige litauische Staatspräsidentin Dalia Grybauskaite.
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Die frühere litauische Staatspräsidentin Dalia Grybauskaitė ist am Sonntag für ihr Engagement um die europäische Integration und die internationalen Beziehungen Litauens mit dem Point-Alpha-Preis ausgezeichnet worden. In Richtung Russland fand die 68-Jährige deutliche Worte.

Point Alpha - Zum 15. Mal ist am Sonntag, 16. Juni, vor rund 300 Zuschauern der Point-Alpha-Preis verliehen worden, zum ersten Mal hält ihn eine Frau in ihren Händen: Dalia Grybauskaitė. Bisherige Preisträger waren zudem in der Regel Persönlichkeiten, die sich in der Zeit der deutsch-deutschen Teilung für ein geeintes Deutschland und Europa eingesetzt haben, darunter etwa Helmut Kohl und die Bürgerrechtsbewegung.

Point-Alpha-Preis für frühere litauische Staatspräsidentin Dalia Grybauskaitė

Nun würdigt der Point-Alpha-Preis erstmals eine Frau, die insbesondere in den vergangenen zwei Jahrzehnten unermüdlich für ein starkes Europa gekämpft hat - und für ein Litauen, das sich fest in die westlichen Bündnisse integriert hat.

Der frühere Staatsminister für Europa, Michael Roth, spricht bei der Verleihung des Point-Alpha-Preises 2024 an die ehemalige litauische Staatspräsidentin D. Grybauskaite.

In ihrer eindringlichen Rede zog Grybauskaitė Parallelen zwischen der historischen Bedeutung des Point Alpha und der aktuellen geopolitischen Lage in Europa. Sie erinnerte daran, dass dieser Punkt einst die deutsche Nation und die ganze Welt trennte und dass der neue Krieg in Europa erneut die Schrecken der Vergangenheit in Erinnerung rufe. Nach Russlands Annexion der Krim 2014 habe Litauen versucht, seine Partner in der EU aufzuwecken: „Man hat mir kaum zugehört.“ Den Krieg in der Ukraine hätten die Litauer als einen Krieg gegen sich selbst verstanden. Mittlerweile sehe auch die EU Russland als Bedrohung, zugehört werde aber auch jetzt nicht wirklich.

Dieser Ort ist ein Zeugnis dafür, dass alles gut sein kann und wird – wenn wir es wirklich wollen und wenn wir dafür kämpfen.

Dalia Grybauskaitė

„Frieden setzt sich nicht durch, indem man aufgibt und etwas abgibt, sondern dass man mit starker Hand agiert“, sagte Grybauskaité. Die Litauer würden wie die Ukrainer kämpfen, sollte es zu einem Angriff Russlands kommen, versicherte sie. Litauen habe keine Angst, auch wenn nur 40 Kilometer von der Landesgrenze entfernt Nuklearsprengköpfe Russlands stationiert seien.

Egal, was in den kommenden Jahren in der Welt geschehe, es werde vor allem auch auf Deutschland ankommen: „Wir scherzen manchmal, dass Deutschland die Geldbörse der EU ist. Aber in Zukunft wird Deutschland auch Vorreiter für die Sicherheit in der EU sein müssen.“ Europa dürfe vor Russland nicht zurückweichen. „Wenn man Entschlossenheit zeigt, dem Feind entgegenzutreten, dann bekommt er keine Möglichkeit, ein Land einzunehmen. Und wir werden kämpfen.“ Für ihre klaren Worte erhielt die Politikerin stehende Ovationen.

Zur Person

Die litauische Politikerin Dalia Grybauskaitė, geboren 1956, war bis Mai 2009 als Kommissarin für Finanzplanung und Haushalt der Europäischen Union zuständig. Bei den Wahlen am 17. Mai 2009 wurde sie als erste Frau in das Amt der litauischen Staatspräsidentin gewählt. Nach zwei Amtszeiten übergab sie 2019 das Amt an Gitanas Nausėda.

Schon in ihrer Zeit als EU-Haushaltskommissarin genoss Grybauskaité ein hohes Ansehen als zielstrebige und willensstarke Krisenmanagerin. Während ihrer Zeit als Staatspräsidentin machte sie sich neben großem Geschick beim Überwinden einer schweren Wirtschaftskrise insbesondere auf diplomatischem Parkett einen Namen als Brückenbauerin, indem sie zwischen Litauens europäischen Nachbarländern und Russland mit klarer Strategie vermittelte und sich stets für die Wahrung des Friedens auf europäischen Boden einsetzte.

In seiner frei formulierten Laudatio lobte Michael Roth, ehemaliger Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, Grybauskaitės unermüdlichen Einsatz für ein starkes und vereintes Europa. Er hob ihre Rolle während ihrer Amtszeit von 2009 bis 2019 hervor, insbesondere nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim 2014. Die Politikerin habe schon früh gewarnt, die Verteidigungsausgaben erhöht, die Ukraine militärisch unterstützt und dazu beigetragen, dass sich die NATO der imperialistischen Politik Russlands stärker widmete.

Michael Roth: „Ich entschuldige mich für das Weghören, das Verheimlichen, das Verschweigen“

Dabei sei dies eine Zeit gewesen, in der es in der EU keinen Konsens gegeben und man stattdessen auf Gespräche gesetzt habe. Es sei ein großer Fehler gewesen, die Warnungen aus den baltischen Staaten nicht ernst genommen zu haben, sagte Roth. „Ich entschuldige mich für das Weghören, das Verheimlichen, das Verschweigen und das arrogante Darüber-Hinweggehen.“ Grybauskaité, - im Übrigen wie Putin Inhaberin des schwarzen Gürtels in Karate –  sei hingegen Wortführerin in NATO und EU gewesen, wenn es um eine klare Sprache gegenüber Moskau ging. Für seine Rede erhielt Roth lautstarken Applaus.

Die ehemalige litauische Staatspräsidentin Dalia Grybauskaite spricht, nachdem ihr der Point-Alpha-Preis überreicht wurde.

Christian Hirte, Präsident des Kuratoriums Deutsche Einheit, betonte Litauens Rolle und Verantwortung als NATO-Mitglied in der aktuellen geopolitischen Lage, vergleichbar mit der historischen Bedeutung Point Alphas während des Kalten Krieges. Die nächsten Jahre würden politisch Verantwortlichen viel abverlangen: „Völkischem Wahn, menschenfeindlichen Tendenzen, autokratischen Fantasien ist entschieden entgegenzutreten.“ Dafür brauche es Staatsmänner und -frauen, die die Errungenschaften von Freiheit, Frieden und Demokratie bewahren.

Point-Alpha-Preis

Der Point-Alpha-Preis, benannt nach dem historischen Ort der ehemaligen innerdeutschen Grenze, wird in der Regel jährlich an Persönlichkeiten vergeben, die sich in besonderer Weise um die Einheit und Sicherheit Europas verdient gemacht haben. Er wird vom Kuratorium Deutsche Einheit vergeben und ist mit einem Preisgeld von 25.000 Euro dotiert.

Die ersten Preisträger im Jahr 2005 waren George H. W. Bush, Michail Gorbatschow und Helmut Kohl. Zuletzt erhielt 2023 die Internationale Paneuropa-Union die Auszeichnung

Zu Beginn hatte Dr. Stefan Heck, Stiftungsratsvorsitzender der Point Alpha Stiftung, die Gäste begrüßt. Weitere Grußworte sprachen Mark Weinmeister, Regierungspräsident des Regierungspräsidiums Hessen, sowie Dr. Thomas Maier, Ministerialdirigent in der Thüringer Staatskanzlei.

Die Veranstaltung wurde von zahlreichen Gästen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft besucht, darunter Bundestagsabgeordneter Michael Brand (CDU) und dem Gründungsvater der Point-Alpha-Gedenkstätte, Berthold Dücker. Das Bundespolizeiorchester Hannover umrahmte die Veranstaltung musikalisch.

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