- VonThomas Schmidschließen
Wie viele Kommunen rüstet sich auch Frankfurt nur allmählich für zunehmende Notlagen
Man hört, wenn es für Menschen zu heiß ist in Frankfurt. Mit jedem Tag mehr einer Hitzeperiode schrillen mehr Sirenen von Krankenwagen durch die Stadt, wird der Andrang in Hausarztpraxen größer. Die Sommer sind zur Gefahr geworden – vor allem für Säuglinge und Alte. Die Messreihen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) liefern die nüchternen Zahlen zu dem, was alle spüren, was Gesundheitspolitiker in Berlin wie in den Kommunen alarmiert.
4500 Menschen sind in Deutschland 2022 unmittelbar durch Hitzeeinwirkung gestorben, schätzt das Robert-Koch-Institut. Eine im Fachmagazin „Nature Medicine“ veröffentlichte Studie geht sogar von fast 8200 direkten Toten aus. Auffallend ist, dass trotz immer heißerer Sommer es früher in Hitzesommern mehr Todesopfer gab. Gut möglich, mutmaßen Mediziner, dass sich die Mitteleuropäer im Verhalten bereits gut angepasst haben. Die Politik hinkt hinterher.
Vor fünf Tagen erst hat die Bundesregierung den Entwurf für ihr Klimaanpassungsgesetz beschlossen, Kommunen arbeiten an Hitzeaktionsplänen; Hessen hat einen landesweiten mit der dringenden Empfehlung, die Stadte und Gemeinden sollten auf ihre Begebenheiten ausgerichtete Maßnahmen treffen, um die Menschen zu schützen.
Umweltwissenschaftlerin Saskia Buchholz, beim DWD für städtische Klimaanpassung zuständig, begrüßt all das – und macht auf grundlegende Mängel aufmerksam. „Generell gilt, wir brauchen mehr Bäume, insbesondere Laubbäume“, sagt sie. „Jeder Quadratmeter, der nicht versiegelt ist, ist wichtig wegen der Starkregenereignisse. In Frankfurt spielen auch die Frischluftschneisen eine große Rolle, die nachts Luft aus dem Taunus in den Frankfurter Norden führen können.“ Baut man diese Schneisen zu, nehmen sogenannte Tropennächte, bei denen es wärmer bleibt als 20 Grad, zu. Seit 2015 gab es fünf Jahre mit mindestens zehn Tropennächten in der Frankfurter Innenstadt, das aktuelle Jahr gehört dazu. „Diese hohen Zahlen sind in den 30 Jahren zuvor noch nie aufgetreten“, sagt Saskia Buchholz.
„Unser Klimawandel-Aktionsplan ist fertig“, sagt Frankfurts Klimadezernentin Rosemarie Heilig (Grüne). In einem Faltblatt und auf dem Internetportal der Stadt wird auf kühle Orte wie Brunnen und Einkaufspassagen hingewiesen, und „die Zahl der Trinkbrunnen soll von 17 auf 50 erhöht werden“, Städtische Dächer und Fassaden sollen begrünt werden, Privatbesitzer erhalten dafür Förderungen von bis zu 50 000 Euro, so Heilig. „Wir werden auch die Hitzeinseln bepflanzen. Der Paul-Arnsberg-Platz ist fertig, der Riedbergplatz in Arbeit, der Atzelbergplatz kommt als nächstes.“
Diese Maßnahmen beruhen auf Vorgaben des hessischen Hitzeaktionsplans. Doch die Strategien, wie sie Frankfurt, Offenbach und andere Städte online gestellt haben, verdeutlichen: Über Aufklärung zu Verhaltensweisen wie ausreichend trinken und wenig überraschende Empfehlungen etwa an Kitas und Seniorenheime, reichlich Getränke überall bereitzustellen, kommen sie kaum hinaus. „In Deutschland ist Frankfurt in Sachen Hitzeschutz nicht schlecht, etwa im vorderen Drittel der Kommunen“, sagt die Umweltmedizinerin Henny Annette Grewe von der Hochschule Fulda. Allerdings sei Deutschland insgesamt viel schlechter auf die Hitze vorbereitet als etwa Frankreich. „Dort gibt es schon seit 2004 verbindliche Regeln. So müssen alle Altenheime mindestens einen großen klimatisierten Raum haben. „Wenn man keine Klimaanlage hat, sollte man wenigstens die Fenster verschatten“, sagt Grewe. Dieser Tage forderte auch die Linken-Fraktion im Römer eigens gekühlte Aufenthaltsräume. Jeder Stadtteil sollte mindestens zwei davon haben. Als Beispiel nannten die Linken Barcelona, wo man solche Räume stets in zehn Fußminuten erreichen könne, ganz gleich, wo man gerade sei. Blickt man auf den Lageplan der kühlen Orte in Frankfurt, fällt auf, dass es in der Innenstadt reichlich gibt, in den Stadtteilen aber wenige bis gar keine.
Frankfurt gilt beim DWD als Wärmeinsel. Auf der Webseite kann man den Unterschied zwischen den Messstationen in Frankfurt vergleichen. Demnach war es im Westend in den vergangenen 13 Monaten um zwei bis drei Grad wärmer als am Flughafen.