VonSteven Mickschschließen
Der Fachdienst „Frühintervention beim Glücksspiel“ in Frankfurt versucht seit zehn Jahren den verantwortungsbewussten Umgang mit Glücksspiel zu fördern. Und er hilft, wenn die Sucht längst überhand genommen hat.
Das Thema Sportwetten bereitet Veit Wennhak, Leiter des Fachdienstes „Frühintervention beim Glücksspiel“ in der Evangelischen Suchtberatung Frankfurt, große Sorgen. Nicht, dass er das Ganze verteufelt – der 52-Jährige hat selbst schon mal gewettet. Doch die steigende Zahl der Anbieter und die zunehmende Werbung, die immer häufiger auch Minderjährige adressiert, seien problematisch. „Die zunehmende Zahl der Anbieter wird dazu führen, dass mehr mit dem Wetten anfangen. Das wird uns in den nächsten Jahren stärker beschäftigen“, sagt Wennhak.
Die Verlockung und damit Gefahren der Sportwetten seien groß. Man könne Taschengeldbeträge wetten, es gehe um den Lieblingssport und man habe Ahnung davon oder glaube das zumindest. England und Frankreich hätten seit Jahren Probleme mit Sportwetten und verstärkt mit in diesem Segment zockenden Jugendlichen. Während Länder wie Italien oder Spanien restriktiver bei der Einschränkung von Glücksspielwerbung sind, gibt es in Deutschland keine Werbeverbote. Wennhak wäre froh, wenn es hier alsbald Beschränkungen gäbe. „Ich hoffe, dass es schneller geht, als etwa damals beim Tabak.“
Der Suchtberater ist seit der Gründung des Fachdienstes „Frühintervention beim Glücksspiel“ vor zehn Jahren dabei. Damals sah man bei der Evangelischen Suchtberatung den Bedarf für ein Präventions- und Beratungsangebot für junge Menschen bis 25 Jahre in Frankfurt. Großes Thema damals wie heute: Sportwetten von unter 18-Jährigen. Das Beratungsangebot ist das einzige in Frankfurt geblieben. Es wird vom Drogenreferat der Stadt gefördert. Die Fördersumme ist allerdings zu gering, um alle Kosten zu decken. Den Fehlbetrag gleicht der Evangelische Regionalverband Frankfurt und Offenbach als Träger der Suchthilfeberatung aus.
Wennhak ist sozusagen der Fachdienst. Er kümmert sich um alle Angebote. Diese bestehen aus drei Säulen: der Beratung, der präventiven Arbeit an Schulen sowie der aufsuchenden Arbeit in den Jugendhäusern. In Schulen und Jugendeinrichtungen geht es um die frühestmögliche Aufklärung und Hinweise auf Risiken, aber vor allem darum, den Fachdienst bekannt zu machen. So dass die jungen Menschen wissen, wo sie Hilfe finden können.
In der Regel kommen die Betroffenen aber nicht von selbst zur Beratung. Meist sind es Angehörige, die Hilfe suchen, etwa weil das Kind ins Portemonnaie der Eltern gegriffen oder das Sparschwein der Schwester geplündert hat. Etwa 100 Menschen berät der Fachdienst pro Jahr. Jene, die kommen, haben meistens schon zu viel Geld ausgegeben und stecken in finanziellen Schwierigkeiten. Wennhak kennt Menschen, die 700 Euro für Rubbellose ausgegeben oder 30 000 Euro am Tag verwettet haben.
Das Problem mit der Glücksspielsucht sei, dass man sie sehr gut verheimlichen könne. Alkohol, Tabak oder illegale Drogen bewirken häufig Verhaltensänderungen oder können gerochen werden. Ob jemand zockt, sei kaum wahrnehmbar. Oft erst dann, wenn es zu Geldproblemen kommt oder wenn stetiges Verlieren zu Depressionen oder anderen Belastungen führt.
Statistisch fällt das Glücksspiel etwa in der Frankfurter Mosyd-Studie kaum ins Gewicht. Im jüngsten Bericht aus dem Jahr 2021 lag der Anteil von wöchentlich spielenden Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren bei drei Prozent. 2010 waren es 13 Prozent. Verharmlosen sollte man das Thema deswegen aber nicht: In Deutschland sind laut aktuellen Studiendaten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung rund 430 000 Menschen von einem problematischen Glücksspielverhalten oder einer Glücksspielsucht betroffen.
Seien die Glücksspiele früher eher terrestrisch gewesen, so Wennhak, findet heute ein Großteil im Internet statt. Wetten per App, „Einarmige Banditen“ im virtuellen Casino oder Online-Pokern – längst lässt sich alles mit dem Smartphone spielen. Doch auch das analoge Angebot sei weiterhin ein Faktor. Zwar nehme die Zahl der Spielhallen in Frankfurt ab, doch die Zahl der Kneipen, Cafés oder Shisha-Bars mit Glücksspielautomaten eher zu.
Die Umsätze der Anbieter im deutschen Glücksspielmarkt lagen 2021 bei etwa zehn Milliarden Euro. Bund und Länder verzeichnen entsprechende Steuereinnahmen. Wennhak fordert, dass zehn Prozent der Steuereinnahmen für die Präventionsarbeit ausgegeben werden. Bisher sind es in Hessen etwa fünf Prozent.
Der Fachdienst sitzt im Evangelischen Zentrum Am Weißen Stein, Eschersheimer Landstraße 565-567 in Frankfurt, Tel. 069/53 02 307.

