VonGregor Haschnikschließen
Zuwachs um 0,2 Prozent / Erster Anstieg seit viertem Quartal 2021
Die Reallöhne in Hessen sind nach Angaben des Statistischen Landesamtes in Wiesbaden seit langer Zeit wieder gestiegen, aber nur leicht: Im zweiten Quartal dieses Jahres nahmen sie im Vergleich zum Vorjahresquartal durchschnittlich um 0,2 Prozent zu. Zwar wurden die Nominallöhne – Bruttomonatsverdienste und Sonderzahlungen – in dem Zeitraum im Schnitt um 6,6 Prozent erhöht und damit so stark wie seit Beginn der Statistik im Jahr 2007 nicht, jedoch stiegen gleichzeitig die Verbraucherpreise um gut sechs Prozent.
Seit dem vierten Quartal 2021 waren die Reallöhne wegen der hohen Inflation teils stark gesunken, in den letzten drei Monaten des Jahres 2022 zum Beispiel um 4,9 Prozent. Zuletzt wirkte Zuwachs bei den Nominallöhnen – im ersten Quartal 2023 etwa um 6,5 Prozent – der Teuerungsrate zunehmend entgegen, so dass der Lohnverlust auf 1,3 Prozent verringert wurde.
Um den Reallohn zu ermitteln, werden der Nominallohn- und der Verbraucherpreisindex ins Verhältnis gesetzt. Für Letzteren beobachtet das Landesamt die Preisentwicklung von rund 650 Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte kaufen.
DGB: Tarifbindung stärken
Die Inflationsrate misst die Veränderung des Index gegenüber dem Monat des Vorjahres. Sie lag 2022 teilweise bei zehn Prozent, durchschnittlich bei acht Prozent und war so hoch wie seit der Ölkrise 1973 nicht mehr. In diesem August legten die Preise im Vergleich zum Vorjahresmonat um sechs Prozent zu, wie das Landesamt mitteilte. Energie und Lebensmittel sind mit einem Plus von 10,2 beziehungsweise 8,5 Prozent weiterhin die größten Preistreiber.
Als wesentliche Ursachen für den nun etwas höheren Reallohn nennt das Amt die Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro zum 1. Oktober 2022, niedrigere Teuerungsraten und die Inflationsausgleichsprämie. Letztere führte der Bund ein, um die die Inflation abzufedern. Nicht alle Beschäftigten profitieren davon. Es handelt sich um eine freiwillige Leistung der Arbeitgeber:innen, die diese zwischen dem 26. Oktober 2022 und dem 31. Dezember 2023 steuer- und abgabenfrei zahlen können, bis zu 3000 Euro.
Laut Statistischem Landesamt fielen die jüngsten Steigerungen im Dienstleistungsbereich am höchsten aus, mit einem Plus von 7,7 Prozent bei den Nominallöhnen. Im produzierenden Gewerbe lag der Wert bei 3,4 Prozent. Differenziert nach dem Stundenumfang verzeichneten die Statistiker:innen bei geringfügig Beschäftigten mit 8,9 Prozent das größte Nominallohnplus im vergangenen Quartal, bei Teilzeitbeschäftigten waren es 8,5 Prozent und bei Vollzeitarbeitenden 6,2.
Der DGB Hessen-Thüringen teilte auf FR-Anfrage mit: „Es ist zu begrüßen, dass nach einer so langen Talfahrt bei der Entwicklung der Reallöhne erstmals wieder ein kleines Plus zu verzeichnen ist.“ Allerdings müsse die Gesamtentwicklung seit Ende 2021 im Auge behalten werden, die sich durch einen „erheblichen Lohnverlust“ auszeichne. Dies sei vor allem für kleine und mittlere Einkommen problematisch, die Einbußen kaum auffangen können und in der Regel nicht über Reserven verfügen. Nach Ansicht des DGB würde gerade auch im unteren Einkommensbereich eine Steigerung der Tarifbindung helfen. Denn dort, wo ein Tarifvertrag gelte, seien die Löhne höher.
