Netzausbau

Unterirdische Stromautobahn geplant

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So sehen die Erdkabel-Baustellen aus, die der Übertragungsnetzbetreiber Amprion auch im Kreis Groß-Gerau einrichten wird.
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Rhein-Main-Link heißt die Stromtrasse, die unter der Erde durch den Kreis Groß-Gerau und das Hessische Ried laufen soll. Nun wurden die Vorschlagsrouten für die Erdkabel vorgestellt.

Höchstspannungsleitungen oben und unten – das erwartet die Bürger und Bürgerinnen in ein paar Jahren im Kreis Groß-Gerau. Bis 2026 soll dort das Projekt Ultranet umgesetzt sein, bei dem Wechselstrommasten mit Gleichstromkabeln bestückt werden, um große Mengen Strom von den Windparks im Norden nach Süddeutschland zu führen. Das gleiche Ziel verfolgt auch das Projekt Rhein-Main-Link. Allerdings handelt es sich dabei um unterirdische Stromleitungen, die voraussichtlich im Jahr 2033 dann ebenfalls von Nord nach Süd durch den Landkreis führen. Am Dienstagabend gab es in Riedstadt Infos für die Bevölkerung zu dem Erdkabel-Vorhaben und der Vorschlagstrasse.

Vier Gigawatt Windstrom liefert der 600 Kilometer lange Rhein-Main-Link in den Großraum Frankfurt, weitere vier Gigawatt in die Regionen Groß-Gerau und Bergstraße. Rein rechnerisch könnten so acht Millionen Menschen mit Strom versorgt werden, erklärte Amprion-Pressesprecher Jonas Knoop beim Bürgerinfomarkt in Riedstadt. Doch allein die Industrie und die großen Rechenzentren werden bis 2037 rund 5,5 Gigawatt Strom benötigen.

Der Trassenvorschlag

Vier Erdkabelverbindungen sollen beim Projekt Rhein-Main-Link bis zu acht Gigawatt Windstrom von der Nordseeküste ins Rhein-Main-Gebiet transportieren.

Zwei Übertragungsleitungen enden im Main-Taunus-Kreis – in Kriftel und in Hofheim-Marxheim. Die beiden anderen werden bis ins hessische Ried und nach Bürstadt (Kreis Bergstraße) geführt.

Die vorgeschlagene Trasse für Letztere führt östlich an Wiesbaden vorbei, ein Stück weit parallel zur A3. Bei Delkenheim wird die A66 unterquert, bei Hochheim die A671 sowie der Main. Zwischen Bischofsheim und Ginsheim-Gustavsburg müssen die Erdkabel unter der A60 durchgeführt werden. Die Vorschlagstrasse führt dann östlich an Trebur und westlich von Riedstadt vorbei sowie östlich von Crumstadt, Biebesheim, Gernsheim und Groß-Rohrheim, liegt dabei immer zwischen der A67 und der B44. Zwischen Bürstadt und Biblis muss die B44 gequert werden. ann

Wo genau die Erdkabel im Kreis Groß-Gerau eingegraben werden, steht noch nicht fest

Zwei nebeneinander liegende Kabelsysteme mit je drei dicken Gleichstrom-Erdkabeln sollen durch den Kreis Groß-Gerau führen; das eine endet in Bürstadt, das andere irgendwo im Hessischen Ried - der Endpunkt wird noch eruiert. Baubeginn soll 2028 sein. Dann heben Bagger 1,80 Meter tiefe Gräben aus, in die Leerrohre verlegt werden. Später werden die Erdkabel eingezogen, die in Teilstücken von 1200 Metern Länge angeliefert und über Muffen verbunden werden.

Wo genau die Kabelgräben gebuddelt werden, steht noch nicht exakt fest. Bislang hat der Übertragungsnetzbetreiber Amprion nur ein Trassenband von 250 Metern Breite entwickelt. „Die Gräben müssen 5,50 Meter breit ausgehoben werden, die Bedarfsfläche beträgt rund 40 Meter, weil der ausgehobene Boden auch gelagert werden muss und temporäre Baustraßen erforderlich sind“, so Knoop.

Stromfluss in den Erdkabeln erwärmt den Boden im Kreis Groß-Gerau

Die abgetragenen Bodenschichten werden separat zwischengelagert, bis die Leerrohre verlegt sind, und werden dann wieder in die Kabelgräben verfüllt. Danach ist dort wieder landwirtschaftliche Nutzung möglich. Die Landwirte bekommen Entschädigungen nach dem Bodenwert der Grundstücke – für den Natureingriff an sich, für den Flurschaden durch Bautätigkeit und für die Eintragung der Dienstbarkeit ins Grundbuch.

Allerdings erwärmt sich dort, wo die Erdkabel verlegt sind, der Boden. Wie stark, wird seit Mai 2022 bei einem dauerhaften Monitoring der Alegro-Erdkabelleitung im Raum Aachen gemessen: „1,3 Grad in 1,20 Metern Tiefe, 0,8 Grad in 60 Zentimetern Tiefe“, erklärt Sebastian Koschel, Referent für Umweltplanung. An der Erdoberkante gebe es aber keine nennenswerte Erwärmung. Laut Amprion hat das Monitoring keine negativen Einflüsse auf die landwirtschaftlichen Erträge ergeben..

Konverteranlagen sind nötig, um den in den Erdkabeln fließenden Gleichstrom wieder in Wechselstrom umzuwandeln.

Hessischer Bauernverband übt Kritik am Vorrang der Erdverkabelung

Zwei Konverteranlagen – 20 bis 25 Meter große Hallen mit Transformatoren – sind nötig, um den Gleichstrom in Wechselstrom umzuwandeln. Wo sie gebaut werden, ist noch nicht klar. „Wir haben 22 Standorte identifiziert, von denen dann fünf bis sechs präferiert werden sollen“, sagte Jonas Knoop. Beim Bürgerinfomarkt machten Anwesende auf den einstigen Flugplatz zwischen Biblis und Einhausen aufmerksam, wo mit nicht mehr genutzten Funkanlagen schon Infrastruktur vorhanden sei. Amprion ist auch mit RWE im Gespräch, weil auch das AKW-Gelände eine Option sein könnte.

Der Hessische Bauernverband bezeichnet den gesetzlich verankerten Erdkabelvorrang aus landwirtschaftlicher Sicht als „nicht tragbar“. Wertvolle Ackerflächen müssten geschützt werden. Bei Freileitungen seien die Eingriffe in den Boden deutlich geringer.

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