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Dass der Rhein-Main-Verkehrsverbund die Tarife erhöhen wird, war ein offenes Geheimnis. Doch die Pläne stellten frühere Anpassungen in den Schatten.
Update vom Dienstag, 6. Juni, 11.34: Die angekündigte Preissteigerung beim Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) zieht deutliche Kritik nach sich. Der Fahrgastverband Pro Bahn nennt die Kostensteigerung „vollkommen inakzeptabel“, die RMV-Tarife seien ohnehin schon „viel zu teuer“. Die Erhöhung der Ticketpreise, die RMV-Geschäftsführer Knut Ringat vor einigen Wochen angekündigt hatte, werfe einige Fragen auf.
Die Kosten für die RMV-Apps, die in der Entwicklung mehrere Millionen Euro gekostet hätten, sowie die Einnahmeausfälle durch das Chaos mit den Wasserstoff-Zügen auf der Taunusbahn wären vermeidbar gewesen und dürften nicht auf die Fahrgäste abgewälzt werden, fordert der Fahrgastverband.
Es stelle sich zudem die Frage, ob durch die Preiserhöhungen überhaupt mehr Geld eingenommen werden könne. Die Preise für reguläre Monatstickets seien beispielsweise höher als das 49-Euro-Ticket. Ab mehr als drei Tagen im Monat lohne sich auch schon das 49-Euro-Ticket. „In logischer Konsequenz zur Einführung des Deutschlandtickets müssten die Einzelfahrscheine und Tageskarten beim RMV eigentlich günstiger werden. Dabei stellt auch die nur gelegentliche Nutzung des ÖPNV einen wichtigen Faktor dar“, sagte der hessische Pro Bahn Landesvorsitzender Thomas Kraft gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.
In einem Punkt stimmte Kraft RMV-Geschäftsführer Ringat allerdings zu: Das Land Hessen beteilige sich bei weitem nicht ausreichend an der Finanzierung des ÖPNV.
Drohende Unterfinanzierung als Argument: Historische RMV-Tariferhöhung steht bevor
Erstmeldung vom Mittwoch, 31. Mai, 17.43: Frankfurt – Angedeutet hat sich eine saftige Preissteigerung für die Tickets im öffentlichen Nahverkehr schon vor Monaten. Jetzt steht eine Zahl im Raum, die sämtliche Erhöhungen der Vergangenheit in den Schatten stellen würde: Der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) will dem Aufsichtsrat vorschlagen, die Tarife vom 1. Januar an um durchschnittlich 8,2 Prozent anzuheben.
Geschäftsführer Knut Ringat argumentiert mit einer drohenden Unterfinanzierung. Die finanziellen Herausforderungen beträfen zu einer Hälfte die Kostensteigerungen, zur anderen die verkehrs- und klimapolitisch gewünschte Angebotsausweitung. Der Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN), zu dem ein kleiner Teil Hessens gehört, hat seine Tarife bereits zu Jahresbeginn um 8,83 Prozent angehoben. Der RMV-Aufsichtsrat berät darüber im Juni. In dem Gremium haben alle Gesellschafter eine Stimme - von Kommunen über Landkreise bis zum Land.
Auswirkungen von Deutschlandticket auf Einnahmen ungewiss
Nach Ringats Darstellung gibt es viel nachzuholen. Zum einen wegen der sogenannten Vorratsbeschlüsse des Aufsichtsrats aus den Jahren 2017 und 2019 für eine kontinuierliche Tarifpreisanhebung um jährlich 1,5 Prozent bis 2023. Die Kostenexplosion als Folge der Pandemie und des Ukrainekriegs war seinerzeit noch nicht absehbar. Das hatte bereits im vorigen Jahr zu zwei Tariferhöhungen geführt. Zum anderen wegen der Finanzierungsunsicherheiten beim Deutschlandticket vom nächsten Jahr an. Konkret geht es um die Mindereinnahmen, die über die zugesagten 3 Milliarden Euro von Bund und Ländern hinausgehen.
Die Verkehrsverbünde stochern diesbezüglich im Nebel. Sie wissen nicht, wie sich das 49-Euro-Ticket auf ihre Einnahmen auswirkt. Wie der Name schon sagt, ist das Deutschlandticket bundesweit gültig und an vielen Verkaufsstellen der Republik erhältlich. Bis zum 10. Mai wurden alleine im RMV rund 220 000 Deutschlandtickets verkauft, mehr als 120 000 Tickets von neuen Kundinnen und Kunden, der Rest ist von den wesentlich teureren Zeitkartenabonnements auf die günstigere Variante umgestiegen.
„Besonders freut mich, dass so viele Menschen, die bisher gar nicht oder mit Einzelfahrscheinen mit Bus und Bahn unterwegs waren, zum Flatrateticket greifen“, ließ Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) am Mittwoch in einer RMV-Bilanz zum Deutschlandticket wissen. „Wir sehen daran: Flexible Mobilität zu einem bezahlbaren Preis ist attraktiv, auch für diejenigen, die ansonsten bisher selten den öffentlichen Nahverkehr genutzt haben.“
Deutschlandticket
Seit 1. Mai gibt es die bundesweit gültige Abo-Monatskarte für Nah- und Regionalverkehr für 49 Euro. Als Handyticket ist sie direkt verfügbar, sonst mit mehreren Tagen Vorlauf.
Das optionale Semesterticket -Upgrade kommt zum 1. Juni.
Das Jobticket gibt es entweder bundesweit oder mit RMV-Mitnahmeregelung. Bislang sind ein Drittel der 540 Jobticket-Firmenpartner im RMV zum Deutschlandticket gewechselt. jur
www.rmv.de/deutschlandticket
Tariferhöhung im ÖPNV: Verkehrsministerium im Gespräch mit RMV
Eine Erfahrung, die Hessen auch mit anderen Flatrateangeboten wie dem Schüler- oder Seniorenticket gemacht habe. „Darum habe ich exakt das auch beim Deutschlandticket so erwartet“, sagte Al-Wazir. Knapper fiel die Antwort des Ministeriums auf Fragen der Frankfurter Rundschau zu den von Ringat vorgeschlagenen Tarifsteigerungen aus: „Wir haben die Äußerungen von Professor Ringat zur Kenntnis genommen und sind hinsichtlich der Tarife im Gespräch mit dem RMV.“
Der Ministeriumssprecher weist auf eine Pressemitteilung vom Jahresanfang hin, wonach Hessen im Doppelhaushalt für die Jahre 2023 und 2024 die „Rekordsumme“ von insgesamt 2,77 Milliarden Euro für den öffentlichen Nahverkehr zur Verfügung stellt. Mit weiteren 27 Millionen Euro soll in den beiden Jahren der „Hessenpass mobil“ für Menschen mit geringem Einkommen finanziert werden, das Ausflugsticket für Schulklassen mit jährlich 2,2 Millionen Euro.
Jakob Migenda, Landesvorsitzender der Linken, forderte die im Aufsichtsrat vertretenen Landkreise und kreisfreien Städte auf, gegen die Preiserhöhung zu stimmen und Druck auf die Landesregierung für eine bessere Finanzierung zu machen. „Diese hohe Fahrpreiserhöhung soll die Kosten für den unterfinanzierten ÖPNV gezielt den ärmsten Fahrgästen aufbürden und ist vollkommen unsozial.“ (Jutta Rippegather)
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