VonJörg Paulusschließen
Kommt es zu Starkregen, werden im Frankenberger Stadtteil Haubern regelmäßig Straßen und Grundstücke überspült. Jetzt starten Einwohner einen erneuten Hilferuf.
Haubern – Der Frankenberger Stadtteil Haubern (Kreis Waldeck-Frankenberg) ist immer wieder von Hochwasser und Starkregen betroffen. Immer wieder laufen Unmengen an Wasser aus dem Feld ins Dorf oder treten über die Ufer des Lengelbachs. Immer wieder müssen Anwohner und Feuerwehr Sandsäcke und andere Schutzmaßnahmen errichten, um Gebäude vor dem Wasser zu schützen.
Ende Juni gab es nach Unwetter wieder Hochwasser in Haubern, Anwohner aus der Straße Kleegrund haben sich danach mit einem Hilferuf an die HNA gewandt: „Schon wieder hieß es Land unter. Fast jedes Jahr im Juni dieselbe Situation, nur dass es gefühlt von Jahr zu Jahr extremer wird. Die Situation ist für die Anwohner nicht mehr tragbar“, schreiben sie in einer Mail an die Redaktion.
Bewohner in Haubern befreien nach Starkregen ihr Hab und Gut vom Schlamm
„Innerhalb weniger Minuten konnten die Äcker oberhalb der Häuser kein Wasser mehr aufnehmen, die Gräben waren zu und so suchte sich die Masse aus Schlamm und Wasser ihren Weg durch die Gärten. Häuser, Keller, Garagen liefen voll“, berichtet Katharina Noll über das Unwetter vom 27. Juni. „Die Verzweiflung der Anwohner war fast nicht mehr zu übertreffen. Eine Anwohnerin rief bei der Stadt an und bat darum, jemanden zu schicken, um ihr Haus zu retten. An anderer Stelle wurden Familienangehörige angerufen und gebeten, früher nach Hause zu kommen, weil es alleine nicht mehr zu schaffen war, das Hab und Gut vor dem Schlamm zu befreien.“
Es habe stundenlang gedauert, alles aufzuräumen und die Straße vom Schlamm zu befreien. „Zu schaffen ist das Ganze nur durch Nachbarschaftshilfe und Unterstützung der örtlichen Feuerwehr“, sagt Katharina Noll.
Zwei Tage später folgte das nächste Unwetter. Schon am Nachmittag hätten die Bewohner Schutzwalle errichtet, Sandsäcke gestapelt und Autos aus den gefährdeten Garagen gefahren. Mitten in der Nacht sei dann die nächste Schlammwelle die Straße hinunter in die Gärten geschwappt, erneut sei das Wasser in Garagen und Einfahrten gelaufen. Weil der getrocknete Schlamm kaum zu beseitigen sei, habe man noch in der Nacht versucht, alles wegzuschippen.
„Es kann nicht mehr so weitergehen, die Anwohner brauchen dringend Hilfe“, schreibt Katharina Noll. „Im Kleegrund herrscht eine tolle Gemeinschaft, jeder hilft jedem, aber die Kräfte sind am Ende. Die Angst schlägt langsam in Hilflosigkeit um, dagegen muss dringend etwas getan werden. Es geht hier um des Hab und Gut, um Existenzen.“
Stadt Frankenberg sieht „verschiedene Faktoren“ und bietet Hilfe an
Mit ihrem Hilferuf an die HNA möchten die Anwohner im Kleegrund in Haubern „die Stadt anstoßen, endlich aktiv zu werden“. Die HNA hat sich in der Sache an die Stadtverwaltung gewandt, Pressesprecher Florian Held hat folgendes geantwortet:
„Zunächst ist es aus meiner Sicht wichtig, klar zwischen Hochwasser und Starkregenereignis zu unterscheiden. Von Hochwasser spricht man in der Regel nur, wenn Bäche und Flüsse über ihre Ufer treten und Bereiche überschwemmen, die sonst nicht mit Wasser bedeckt sind. Hochwasser kann unterschiedliche Ursachen haben, darunter eben auch Starkregen. Was jetzt in Haubern für Probleme gesorgt hat, waren entsprechend die Folgen eines Starkregenereignisses.“
Der Pressesprecher erläutert, dass durch den fortschreitenden Klimawandel Wetterextreme wie Starkregen zunähmen, es falle dann lokal viel Niederschlag in kurzer Zeit. Die Auswirkungen habe man in Haubern wiederholt gesehen. „Verschiedene Faktoren führen dort dazu“, sagt Held: „Zum einen trägt die geografische Ausgangslage dazu bei. Oberhalb des Kleegrunds und bis nahe an die Bebauung liegen abschüssige Flächen, die zudem landwirtschaftlich genutzt werden.
Die dort gepflanzte Mais-Monokultur hat zudem einen ungünstigen Einfluss. Mais steht in Reihen, mit viel unbedecktem Boden. Mais wurzelt auch nicht tief, sodass der Boden bei Starkregen oberflächig abgeschwemmt wird. Das Wasser schießt bei Starkregen nahezu ungebremst über die Oberfläche und schließlich vom Feld auf die Straßen. Das Entwässerungssystem ist auf diese extremen Wasser- und Schlammmassen nicht ausgelegt.“
Sedimentrückhalte sollen bei Starkregen Wassermassen regulieren
Über das Abwasserwerk sei zuletzt ein zusätzliches Einlaufbauwerk errichtet worden. Das habe bei solchen Extremwetterlagen bisher aber nur einen bedingten Effekt, weil die Wasser- und Schlammmassen weiter unten im Ort relativ schnell zu einer Überlastung des Abwassersystems führten.
Noch in diesem Jahr sollen zwei Sedimentrückhalte gebaut werden sowie kleinere Verbreiterungen der Lengel im Teichgelände, teilt die Stadt mit. Die Genehmigungen und die Finanzierung dafür seien bereits vorhanden. Die Sedimentrückhalte sollen im Starkregenfall dafür sorgen, dass weniger Wasser mit der Lengel in den Ort fließt beziehungsweise dass es langsamer fließt. So soll die Verrohrung im Ort und damit insgesamt das Abflusssystem insgesamt entlastet werden. Dann könne mehr Wasser, auch aus dem Kleegrund, durch den Regenwasserkanal abgeführt werden.
„Mittel- und langfristig kann die Flurbereinigung dazu beitragen, Lösungen für die Themen Entwässerung beziehungsweise Nutzungsart der Flächen zu liefern“, sagt Florian Held. „Hier sind wir aber auch auf andere angewiesen. Die Verwaltung nimmt hier eine Vermittlerrolle ein, spricht mit Vertretern der Landwirtschaft, auch den betroffenen Flächenbewirtschaftern, anderen Behörden und Anliegern.“
Und der Pressesprecher ergänzt, dass Hauseigentümer grundsätzlich verpflichtet seien, im Rahmen des „Möglichen und Zumutbaren, geeignete Vorsorgemaßnahmen zum Schutz vor nachteiligen Hochwasserfolgen und zur Schadensminderung zu treffen“ (§ 5 Abs. 2 Wasserhaushaltsgesetz). „Maßnahmen könnten sein, Gebäudeöffnungen durch Dammbalken oder druckwassersichere Türen und Fenster hochwassersicher zu machen“, schreibt Held und berichtet:
„Auf Bitte der Anwohner im Kleegrund wurde über die Stadt ganz aktuell eine Erstberatung zu Objektschutzmaßnahmen durch das Planungsbüro WAGU durchgeführt. WAGU hat bereits die Lengelrenaturierung geplant und fachlich begleitet. Laut Unterer Wasserbehörde werden private Objektschutzmaßnahmen allerdings nicht gefördert. Der städtische Betriebshof und die Feuerwehr helfen wie zuletzt aber natürlich im Akutfall bei der Schadensbegrenzung.“ (Jörg Paulus)
„Ziemlich unangenehm“: In Kassel und Nordhessen wird das Wetter „so richtig tropisch“.


