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Die Schwälmer Weißstickerei wurde ins Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Welche Chancen der Titel bietet, wollen wir heute hinterfragen.
Schwalm – Die Schwalm hat ein reiches Erbe, das es zu erhalten gilt. Das sehen nicht nur die vielen professionellen und ehrenamtlichen Akteure, die sich Handwerkskunst und Kulturgut verschrieben haben, so.
Auch das Kultusministerium schätzt den Wert der Schwälmer Weißstickerei als überragend ein – am Mittwoch wurde bekannt, dass die feine Nadelarbeit, die kaum noch Menschen beherrschen, in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturguts aufgenommen wurde.
Nur insgesamt drei Einträge gibt es mit hessischem Bezug. Damit hat der regionale Brauch die Chance, auch in eine weltweite Liste aufgenommen zu werden. Die Unesco-Kommission koordiniert das Auswahl-Verfahren für die deutsche Liste.
Kaum junge Interessenten für die Stickerei
In der Schwalm und in Nordhessen ist die Begeisterung über den Titel groß: Autorin und Stickerin Luzine Happel (Eschwege) hat sich zunächst allein ans aufwendige Antragsverfahren gemacht. Ihr Ziel: „Die Schwälmer Weißstickerei erhalten und weiter entwickeln.“
Seit Jahrzehnten knüpft die 73-Jährige weltweite Kontakte zu Stickerinnen, ist von der Einzigartigkeit der Handwerkskunst überzeugt. Und sie bedauert, dass die Technik in Vergessenheit gerät. Kaum Jüngere interessierten sich.
Dabei gab es in den 1980er-Jahren einen regelrechten Boom. Die Landfrauenvereine boten flächendeckend Kurse an, die Arbeiten mit Leinen und feinem Garn waren gefragt, es gab viele Ausstellungen zum Thema.
Heute ist es schwieriger, an Materialien zu kommen
„Um die Jahrtausendwende kam das Interesse völlig zum Erliegen“, berichtet Happel. Die Stickerinnen seien älter geworden, könnten die Arbeit – die für Hände und Augen durchaus anspruchsvoll ist – nicht mehr ausführen.
Luzine Happel begann ihre Kenntnisse in Büchern niederzuschreiben, im eigenen Verlag publizierte sie die Schriften, ein eigener Blog kam hinzu, den sie bis heute aktuell hält. Es werde jedoch auch immer schwieriger, die Materialien zu bekommen. Leinenwebereien stürben aus, auch die Auswahl an Garnen nehme ab: „Die Nachfrage ist nicht mehr da.“
Nach der Antragstellung suchte Happel weitere Unterstützer für ihr Projekt, denn laut den Vorgaben musste auch ein Träger genannt werden. Den fand die Eschwegerin schließlich im Schwälmer Heimatbund, den sie mit ins Boot holte.
Die Technik muss in in ihrer Heimat weiter entwickelt werden
Dass es mit der Aufnahme ins Verzeichnis tatsächlich klappte, kann Luzine Happel noch gar nicht richtig glauben: „Der Titel hat Potenzial“, sagt sie und berichtet schon vor ersten Gesprächen mit dem Nationalmuseum Nürnberg und dem Landfrauenverband Hessen. „Im Ausland ist die Schwälmer Weißstickerei stark nachgefragt, aber jetzt muss die Technik hier in ihrer Heimat weiter entwickelt werden.“
Auch im Dorfmuseum Holzburg weiß man um den Wert der Stickereiarbeiten. „Ich freue mich riesig, dass die Aufnahme in das Verzeichnis gelungen ist“, sagt Kulturanthropologin und Museumsleiterin Heidrun Merk, die ihre Recherchen zum Thema erst kürzlich in einer Broschüre (Stich für Stich Spitze) veröffentlichte.
Ihr Museum beherbergt etwa 40 Exemplare Schwälmer Weißstickerei, einige sind Teil einer Dauerausstellung. Insbesondere die Werke von Anna Elisabeth Grein (Willingshausen) hätten eine große „Fangemeinde“, die jedoch beklage, dass der Handarbeit das Aussterben drohe. Die Technik an sich sei auch überregional immer wieder auf großes Interesse gestoßen, berichtet die Kulturschaffende, die vormals in Seligenstadt tätig war.
Weißstickerei ist älter als die Schwälmer Tracht
Immerhin gebe es Versuche der Weiterentwicklung, hier sei Luzine Happel ein Vorbild: „Das ist allein ihr Verdienst.“ Frauen, die die Stickerei noch beherrschten, trügen sie an neuen Leinenblusen, „also modern“.
Lange galt sie nur als Teil der Tracht. Dabei sei die Weißstickerei nachweislich älter als die Tracht. Ähnliche Arbeiten seien in Klöstern entstanden, als Altar- und Grabtuch gebe es christliche Bezüge. In der Schwalm war die Weißstickerei gefragt als Aussteuerware, auf Bett- und Tischwäsche.
Alexandra Thielmann habe in ihrer Werkstatt in Willingshausen bis zu ihrem Tod 1966 die Technik als künstlerische Form weiterentwickelt. Heidrun Merk berichtet von einem kürzlichen Filmdreh in Willingshausen, in dem auch Thielmann-Schülerinnen zu Wort kommen. Die Museumsleiterin möchte versuchen, ihn demnächst in Holzburg zu zeigen.
Schwälmer Heimatbund sieht sich als Ansprechpartner und will Kontakte ausbauen
Auch der Schwälmer Heimatbund war in den Antrag beim Kultusministerium involviert, berichtet der Leiter des Museums der Schwalm, Wilfried Ranft. „Wir haben die Chance, die Kultur der Schwälmer Weißstickerei zu erhalten und weltweit bekannter zu machen“, sagt er.
Schließlich sei das Museum der wesentliche Ansprechpartner für die Handwerkskunst, man erhoffe sich neue Impulse, eine weitere Vernetzung. Und: „Dass Jüngere kommen“, bestätigt der Museumsleiter.
Man habe sich nach der Bekanntgabe des Kultusministeriums bereits darauf verständigt, Kontakte zwischen Gruppen herzustellen, die Weißstickerei noch beherrschen. „Das ist eine Aufgabe, ein funktionierendes Team zu bilden“, sagt der Museumsleiter.
Sonderführungen und Kurse sind in Planung
Jeweils mittwochs sei nachmittags ein Angebot geplant, bei dem ein Ansprechpartner speziell zur Weißstickerei im Museum sei. Mit Elisabeth Stübing, die die Nadelarbeit beherrscht, sollen wieder verstärkt Kurse ins Portfolio wandern. Auch Sonderführungen sind in Planung.
„Natürlich erhoffen wir uns insgesamt eine größere Nachfrage“, erklärt Ranft. Wie viele Exponate zur Stickkunst das Museum der Schwalm besitzt, vermag Ranft nicht zu sagen. „Zwei Schwälmer Schränke sind voll, außerdem zeigen wir die Stücke in zwei Räumen des Museums.“
Die ältesten Arbeiten stammten aus dem 17. Jahrhundert, etwa ab 1630 habe sich die Weißstickerei kontinuierlich entwickelt, besonders in der Schwalm. Warum, das ließe sich schwer sagen. Es gebe kaum schriftliche Zeugnisse oder Dokumentationen. (Sandra Rose)




