VonVolker Niesschließen
Gab es bei der Massage von drei Frauen in einem Wellness-Hotel im Landkreis Fulda im Oktober 2021 und im August 2022 sexuelle Übergriffe des Masseurs auf die Frauen oder nicht? Diese schwierige Frage muss seit Dienstag das Amtsgericht Fulda klären.
Fulda - Bei einer Massage kommen sich zwei Menschen sehr nah: Der oder die Massierte liegt fast nackt auf einer Liege. Manchmal sind die Augen bedeckt, so dass er nicht einmal sieht, was passiert. Zeugen gibt es in aller Regel nicht. Das macht die Aufklärung der Vorwürfe gegen einen 27 Jahre alten Masseur und Physiotherapeuten aus dem Landkreis Fulda so schwierig. Ganz adrett – schlank, sportlich, im dunkelblauen Anzug und mit schwarzen Schuhen –, so erschien der Angeklagte am Dienstag, 1. August, vor Richter Rainer Jahn.
Sexuelle Übergriffe im Hotel? Masseur aus Kreis Fulda vor Gericht
Die ersten beiden Übergriffe soll es laut Anklage der Staatsanwaltschaft Fulda im Oktober 2021 gegeben haben. Opfer seien zwei heute miteinander verheiratete Frauen aus Duisburg gewesen, die einen Wellness-Urlaub in dem Hotel gebucht hatten. Das erste Opfer, eine 34 Jahre alte Physiotherapeutin, schilderte ihre Sicht der Umstände der Massage so: Zunächst habe sie sich bäuchlings auf die Massageliege gelegt. Sie sei nur mit einem Einmal-Slip bekleidet gewesen, wie er bei Massagen üblich ist.
Die Massage dauerte 40 Minuten. Sie habe ohne Besonderheiten begonnen. Der Masseur und die Massierte hätten sich unterhalten. Doch nach ihrer Schilderung strich der Masseur dann mit seiner Hand die Innenseiten ihrer Oberschenkel hoch und kam sehr nah an ihren Schambereich heran. Fünf- bis sechsmal hätten die Bewegungen der Hand an ihren intimsten Stellen geendet. „Das war ein unangenehmes Gefühl. Aber ich dachte: Das stehe ich durch“, sagte sie als Zeugin.
Bei der Massage vor zwei Jahren drehte sie sich dann auf den Rücken. Der Bikinibereich im Brust- und Beckenbereich war mit Handtüchern abgedeckt. Der Masseur setzte seine Arbeit fort. „Seine Streichbewegungen gingen über den gesamten Bauch. Einige Male endeteten die Bewegungen am Handtuch. Doch dann glitt seine flache Hand zwei- oder dreimal in die Hose hinein. Die Hand kam auf dem Intimbereich zu liegen“, erklärte die 34-Jährige. „Ich habe Stopp gesagt und seine Hand weggewischt. Er fühlte sich ertappt“, sagte die Frau.
Nach dem Übergriff war ich verwirrt, geschockt, eingeschüchtert und verschreckt.
Kurze Zeit später endete die Massage. Die Frau stellte den Masseur nach ihrer Darstellung nicht zur Rede – sondern gab ihm noch fünf Euro Trinkgeld. Diesen ungewöhnlichen Abschluss einer ungewöhnlichen Massage erklärte die Frau so: „Ich war verwirrt und geschockt, eingeschüchtert und verschreckt.“ Weil sie sich in einem Ausnahmezustand befunden habe, habe sie auch ihre Partnerin nicht gewarnt, die zwei Stunden später von demselben Masseur behandelt wurde.
Die 23 Jahre alte Fachinformatikerin war laut Anklage das zweite Opfer des Masseurs. Die Frau sagte aus, sie habe schon vor der Massage ein ungutes Gefühl gehabt, nachdem sie ihre Partnerin gesehen hatte: „Meine Frau hat nichts gesagt, aber ihr war anzusehen, dass mit ihr nicht alles okay war.“
Zwei frühere Fälle
Zwei Amtsgerichte in der Region haben Fälle untersucht, die ähnlich gelagert waren wie der Fall jetzt vor dem Amtsgericht Fulda.
Im Februar 2012 verurteilte das Amtsgericht Fulda einen 35 Jahren alten Masseur aus Künzell zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätze à 20 Euro, weil er im November 2010 einer Frau beim Massieren während eines Hamam-Bades mehrmals unter den Slip und in den Intimbereich gefasst hatte. Der Angeklagte hatte nach Überzeugung des Gerichts bei einer Seifenschaummassage, bei der die Kunden lediglich mit einem Einmal-Slip bekleidet sind, mindestens dreimal mit dem Finger in die Scheide der Frau gefasst. Er bestritt dies vor Gericht vehement.
Im Januar 2023 verurteilte das Amtsgericht Gelnhausen einen 44 Jahre alten Masseur aus Gelnhausen zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 20 Euro. Das Gericht zeigte sich überzeugt, dass er eine 43 Jahre alte Frau am Busen massierte und dabei onanierte, während sie die Augen geschlossen hatte. Das Opfer war nach eigenen Angaben seit dem Vorfall in psychologischer Behandlung. Der Angeklagte bestritt die Tat. Die Staatsanwaltschaft hatte Freispruch beantragt, das Amtsgericht hatte hingegen keine Zweifel an der Schuld des Angeklagten.
Die 23-Jährige berichtete, der Masseur habe die Massagekabine ohne anzuklopfen betreten, als sie gerade völlig nackt gewesen sei. Der Masseur habe sich zurückgezogen und sei wiedergekommen, als sie bäuchlings auf der Liege lag – nur mit einem Einmal-Slip bekleidet. Er habe ihre Oberschenkel massiert und sei dabei an den Innenseiten immer näher an ihren Intimbereich gekommen.
Sie habe sich auf den Rücken gelegt. „Da strich er mit der Hand über meine Brüste. Ich habe die Bewegungen nicht gezählt, aber sie waren so oft, dass es kein Missverständnis oder ein unabsichtliche Berührung gewesen sein konnte“, sagte die Informatikerin. Wenig später habe er ihren Bauch massiert und sei mit der Hand ein- oder zweimal in den Slip gekommen. Die Hand sei dort kurz liegen geblieben. Die Zeugin räumte ein: „Protestiert habe ich nicht. Ich war mich unsicher über die ganze Situation.“
Der Angeklagte, ein examinierter Physiotherapeut ohne Vorstrafen, wies die Vorwürfe als komplett unwahr zurück. Er habe die Frauen zu keiner Zeit unsittlich berührt. Er habe weder ihre Brüste berührt noch sei er mit der Hand in ihre Slips geraten. „Ich habe eine Sportmassage mit Mentholöl durchgeführt. Wäre ich wirklich in einen intimen Bereich gelangt, dann wären sie von der Liege gesprungen, so sehr hätte das gebrannt.“
Nach Zwischenfällen in Wellnesshotel im Landkreis Fulda: Masseur vor Gericht
Bei der Massage sei es zu keinem Zeitpunkt zu einer Missstimmung oder Beschwerden gekommen, sagte der Angeklagte. Die 34-Jährige habe sich sogar für die Massage bedankt: „Ich kann mir die Vorwürfe nicht erklären – obwohl ich mir 1000 Gedanken darüber gemacht habe“, sagte er.
Über einen dritten Fall muss das Gericht zu einem späteren Zeitpunkt verhandeln. Eine Frau aus dem Raum Marburg, die mit ihrem Mann das Hotel besucht hatte, wirft dem Masseur vor, er habe ohne ihre Zustimmung mehrfach ihren Busen berührt. Der Angeklagte weist die Beschuldigungen zurück. Die Verhandlung wird fortgesetzt.
