Steigende Pflegekosten

Fast 4000 Euro fürs Pflegeheim: Eigenanteil von Frau aus Vellmar hat sich deutlich erhöht

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Die Kosten in der Pflege explodieren. Michael Moog aus Vellmar berichtet von seiner Mutter. Die Kosten ihrer vollstationären Pflege sind in zehn Monaten um 1300 Euro gestiegen.

Kassel – Durch den Tod ihres Ehemanns im Juni 2022 konnte die Mutter von Michael Moog nicht mehr allein in ihrem eigenen Haus bleiben. „Meine Mutter ist noch ganz gut zu Fuß, aber mein Vater war der Kopf in der Familie. Sie vergisst nun immer mehr Dinge. Wir haben zunächst versucht, meine Mutter in einem Seniorenheim in Kassel unterzubringen“, sagt Moog.

Doch damit war seine Mutter überfordert, nach zwei Wochen hat die Familie den Wohnversuch abbrechen müssen. Die Suche nach einem Pflegeheim begann – die Mutter von Michael Moog bekam Pflegestufe 3 zugeteilt, bei ihr wurde eine beginnende Demenz festgestellt.

Die Pflegekosten explodieren: Der Eigenanteil für die vollstationäre Pflege steigt immer weiter. Unser Symbolbild zeigt eine Bewohnerin in einem Pflegeheim.

Pflege-Ärger in Baunatal: „Das war erst mal ein Schock“

„Ich weiß, dass es schwer ist, ein vernünftiges Heim zu finden, in dem die Bewohner gut beaufsichtigt, beschäftigt und betreut werden. Durch Empfehlung kamen wir an das Marie-Behre-Heim in Baunatal-Guntershausen“, sagt er. Auch lag das Heim relativ nah an Moogs Wohnort.

Im April wurden wir über die Gesamtkosten informiert, die rückwirkend seit 1. November zu zahlen waren. Das war erst mal ein Schock.

Michael Moog

Seine Mutter zog im Oktober 2022 zur Kurzzeitpflege ein, ab November konnte sie vollstationär aufgenommen werden. „Die uns mitgeteilten Kosten lagen für die Pflegestufe 3 bei 98,17 Euro täglich – die Kosten, die über die Pflegeversicherung abgerechnet werden, abgezogen.“

Im Februar 2023 habe Moog dann eine Mitteilung der Heimleitung erreicht, dass derzeit Verhandlungen über neue Pflegevergütungen liefen, was eine Steigerung der Eigenleistungen für die Heimbewohnerinnen und Bewohner mit sich bringe. „Im April wurden wir über die Gesamtkosten informiert, die rückwirkend seit 1. November zu zahlen waren. Das war erst mal ein Schock“, sagt Moog, der die Preissteigerungen in drei großen Ordnern voller Dokumente und Rechnungen nachweisen kann.

Der Eigenanteil seiner Mutter stieg für die Grundleistungen von rund 2450 Euro auf etwa 3335 Euro monatlich – die täglichen Kosten sind von 98,17 Euro auf 131,58 Euro gestiegen. Ende Juni dieses Jahres habe Moog ein erneutes Schreiben erhalten: Die pflegebedingten Aufwände inklusive Unterkunft und Verpflegung werden zum 1. August erneut erhöht.

Das sagt die Heimleitung

„Die steigenden Pflegekosten haben verschiedene Hintergründe. Auf der einen Seite stehen die gestiegenen Energie- und Lebensmittelkosten, die einen sehr großen Einfluss auf die Pflegekosten genommen haben. Die Personalsituation, mit welcher alle Einrichtungen kämpfen, hat ebenfalls große Auswirkungen“, teilt eine Sprecherin der Einrichtungsleitung des ASB Wohnen und Pflege Lohfelden mit. Im Zuge der Kostenerhöhung habe man das Gespräch mit Bewohnenden und Angehörigen gesucht. „Hier fallen die Reaktionen sehr unterschiedlich aus. Einige sind enttäuscht und wütend, doch es wird uns auch Verständnis entgegengebracht.“

Gestiegene Heimkosten brauchen Ersparnisse auf

„In den Dokumenten wurde auch gleich eine neue Tabelle beigefügt, die den Eigenanteil um weitere knapp 450 Euro monatlich auswies.“ Moog listet die einzelnen Kostenpositionen auf. Es kommen zusammen: Pflegekosten in Höhe von 3692 Euro, eine zusätzliche Betreuungs- und Aktivitäts-Pauschale von 105 Euro, Geld für Frisör und Fußpflege, sonstige Kosten für Kleidung und Kosmetikprodukte.

Das ergibt einen Eigenanteil von 3897 Euro. Hinzu kommen 1262 Euro, die die Pflegekasse bei Pflegestufe 3 übernimmt. „Die gesamten Kosten für ein Pflegeheim betragen also 5159 Euro. Dazu kommen weitere Behandlungen, wie Ergo- oder Physiotherapie“, sagt Moog.

Michael Moogs Mutter erhielt zwar im Juli 2023 eine Renten- und Pensionserhöhung. Aber viel Entlastung gebracht habe das nicht.

„Wir haben uns gefreut, dass damit die Kosten der Eigenleistungen besser gedeckt wären. Weit gefehlt, denn die gestiegenen Heimkosten verlangen noch mehr von den Ersparnissen meiner Mutter.“ Auch die staatliche Entlastung für Pflegebedürftige sei „ein Witz gegenüber den immensen Steigerungen der Kosten“.

Die Eigenanteile zur Pflege seiner Mutter seien von November 2022 bis August 2023 also monatlich um mehr als 1300 Euro gestiegen. Dem gegenüber stehen laut Moog eine Renten- und Pensionserhöhung von rund 100 Euro und eine Erhöhung des staatlichen Zuschusses von fünf Prozent der Pflegekosten – das entspreche 63 Euro monatlich.

„Pflegebedürftigkeit wird zum Armutsrisiko“: Verband der Ersatzkassen Hessen (VDEK) über hohe Pflegekosten

Auch die halbjährliche Auswertung des Verbandes der Ersatzkassen (VDEK) vom Juli 2023 zeigt einen erneuten Anstieg der finanziellen Belastung für Pflegebedürftige in Pflegeheimen. Fragen und Antworten dazu an den hessischen Landesverband.

Wie setzen sich die Kosten für eine stationäre Pflege zusammen?

Die Eigenbeteiligung, die Pflegebedürftige für einen Platz in einer stationären Pflegeeinrichtung zahlen müssen, setzt sich aus Unterkunft und Verpflegung, Investitionskosten und den pflegerischen Kosten zusammen, teilt der VDEK mit. Vor allem dabei erfolgte eine Steigerung:

Der Betrag wuchs um mehr als 37 Prozent – obwohl sich die Pflegekassen seit Anfang 2022 durch eine gesetzliche Neuregelung mit einem nach Aufenthaltsdauer gestaffelten Leistungszuschlag von 5 bis 70 Prozent an den Pflegekosten beteiligen.

„Die Pflegekassen werden in diesem Jahr bundesweit mehr als vier Milliarden Euro für die Zuschüsse ausgeben, dennoch liegt der Eigenanteil für Pflegebedürftige, die bis zu zwei Jahre im Pflegeheim sind, bereits deutlich höher als vor ihrer Einführung“, sagt eine Sprecherin. Ende 2021 habe der Eigenanteil für alle Pflegebedürftigen in Hessen bei 882 Euro gelegen.

Warum steigt der Eigenanteil so extrem an?

Grund für die starke Erhöhung sei vor allem die seit September 2022 geltende Tariftreue-Regelung, wonach das Pflegepersonal mindestens nach Tarif zu vergüten ist und diese Kosten eins zu eins in den Pflegesatz eingepreist werden müssen.

„Aber auch für Unterkunft und Verpflegung mussten Pflegebedürftige in Hessen wegen der gestiegenen Lebensmittelpreise knapp sieben Prozent mehr als im Vorjahr zahlen“, sagt die VDEK-Sprecherin.

Wie viel zahlen Pflegebedürftige in Hessen?

Die durchschnittlichen finanziellen Eigenbeteiligungen von hessischen Pflegebedürftigen in Pflegeheimen seien im Zeitraum von Juli 2022 bis Juli 2023 stark gestiegen, zeigt eine Auswertung des VDEK. Die höchsten Mehrkosten im Vergleich zum Vorjahr haben aber Pflegebedürftige im ersten Jahr ihres Heimaufenthalts.

„Hier stiegen die monatlichen Kosten innerhalb eines Jahres um 384 Euro auf durchschnittlich 2503 Euro im Monat, das sind 18,1 Prozent mehr als im Vorjahr“, teilt der VDEK mit. Pflegebedürftige, die bereits ein bis zwei Jahre im Heim verbringen, müssen 2251 Euro im Monat (plus 16,3 Prozent und 315 Euro) zuzahlen.

Wer bereits mehr als zwei Jahre im Pflegeheim verbrachte, muss durchschnittlich 1998 Euro monatlich (plus 14,0 Prozent und 245 Euro) aufbringen, und Pflegebedürftige mit einer Aufenthaltsdauer von mehr als drei Jahren zahlen 1683 Euro im Monat (plus 10,4 Prozent und 159 Euro).

Was passiert, wenn jemand die hohen Kosten nicht tragen kann?

„In Fällen, in denen Pflegebedürftige oder ihre Angehörige die Kosten nicht übernehmen können, übernimmt der Sozialhilfeträger die Restkosten, die nicht von der Pflegekassen und den Pflegebedürftigen, beziehungsweise ihren Angehörigen getragen werden können“, sagt die Sprecherin. Dabei sei eine Einzelfallbetrachtung notwendig.

Wo kann man sich über Pflegekosten beraten?

Unter pflegelotse.de finden sich online Angaben zu Lage, Größe, Kosten und Qualität der Einrichtungen. Grundlage seien die Qualitätsprüfungen der Medizinischen Dienste und des Prüfdienstes der privaten Krankenversicherungen. Der Pflegelotse biete Informationen zu rund 1180 stationären Pflegeeinrichtungen und 1350 ambulanten Pflegediensten in Hessen.

Wie entwickeln sich die Pflegekosten weiter?

Claudia Ackermann, Leiterin vom VDEK Hessen, sagt: „Der finanzielle Eigenanteil für Pflegebedürftige und deren Angehörige steigt kontinuierlich weiter. Oftmals wissen diese nicht, wovon sie den Eigenanteil bezahlen sollen. Pflegebedürftigkeit wird so immer mehr zum Armutsrisiko.“

Dabei sei die Soziale Pflegeversicherung mit dem Ziel gegründet worden, genau das zu vermeiden. „Eine faire Bezahlung und die Sicherstellung einer angemessenen Personaldecke sind wichtige Maßnahmen, die aber finanzierbar bleiben müssen. Die Beitragszahlenden können das alleine nicht stemmen.“

Sind finanzielle Entlastungen in Sicht?

Die durch das Pflegeunterstützungsgesetz ab Januar geltende Erhöhung der Zuschläge durch die Pflegekassen werde den Trend nur kurzfristig abmildern, sagt Ackermann:

„Wir brauchen eine Lösung zur nachhaltigen Entlastung der Pflegebedürftigen, die aber nicht allein auf dem Rücken der Beitragszahler lasten darf. Hier steht auch das Land in der Verantwortung, die Investitionskosten zu übernehmen.“ Dies alleine würde die Pflegebedürftigen in Hessen monatlich um 510 Euro entlasten. Auch sei eine Pflegereform dringend notwendig.

Rubriklistenbild: © Jens Büttner/dpa

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