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Ein Veranstaltungs-Experte übt scharfe Kritik an einigen Aufbauten auf dem Hessentag: Die Sicherheit sei nicht gewährleistet. Nun reagieren Stadt und Landkreis.
Update vom 23. Mai, 18.59 Uhr: Auf die schweren Vorwürfe eines Veranstaltungs-Experten bezüglich mangelnder Sicherheit auf dem Hessentags-Gelände haben nun auch die Kreisverwaltung des Schwalm-Eder-Kreises und die Stadt Fritzlar reagiert. Der Kreis hat die Überprüfung verschiedener Bauwerke angeordnet.
Stadt Fritzlar: „Nehmen Kritik ernst.“ - Statiker und Fachfirma prüfen Bauwerke
Die Stadt Fritzlar nehme die Kritik von Marten Pauls sehr ernst, sagt Michael Brückmann, Hessentagssprecher der Stadt. Am Donnerstagabend fand noch eine Ortsbegehung am Gelände statt, um die beanstandeten Gerüste zu überprüfen. „Ohne dem Ergebnis vorgreifen zu wollen, geht die Stadt Fritzlar davon aus, dass es sich um technisch einwandfreie Gerüstsysteme handelt, die auch sonst im Außenbereich und im öffentlichen Raum eingesetzt werden“, so Brückmann.
Die technischen Beschreibungen lägen vor und der ordnungsgemäße Aufbau wurde durch eine Fachfirma aufgestellt, die diese Systeme ständig verleiht. Die Stadt prüfe mit einem Statiker und der Fachfirma die Türme und werde, wenn notwendig, zusätzliche Befestigungssysteme anbringen.
Hessentag Fritzlar: THW sieht keine Gefahr bei Pontonbrücke
Während Pauls Vorhaltungen in Sachen Türme und Tore detailliert seien, sehe dies bei den anderen Punkten anders aus: Der Treffpunkt Hessen sei nicht anders gestaltet als in Pfungstadt, erläutert Brückmann. Bei der Überprüfung habe es keine Auffälligkeiten gegeben.
Auch sehe das THW keine Gefahr für die Nutzung der Brücke, so Brückmann. „Es wurde alles getestet, es gibt keine Bedenken“, fügt er an. Jedoch gebe es auf dem Gelände keine 100-prozentige Barrierefreiheit. Es sei nicht von der Hand zu weisen, dass Menschen mit Handicap ein Problem haben könnten, zu allen Veranstaltungsorten zu gelangen, sagt Stadtsprecher Brückmann. Zu dem Ergebnis der Ortsbegehung werde sich die Stadt am Freitag äußern.
Hessentag in Fritzlar: Landkreis ordnet Überprüfung an
Die Untere Bauaufsichtsbehörde des Schwalm-Eder-Kreises hat aufgrund der Hinweise von Marten Pauls, einem Experten für Veranstaltungssicherheit, angeordnet, dass die Stadt Fritzlar die möglichen statischen Mängel im Bereich der Gerüsttürme auf dem Hessentagsgelände überprüft. Dabei gehe es um die Standsicherheit, die ein Prüfsachverständiger für Statik abklären müsse.
Temporärbauten wie Orientierungstürme und Beschilderungsbrücken seien baugenehmigungsfrei – sofern Gerüste der Regelausführung verwendet werden, erklärt Stephan Bürger, Pressesprecher des Kreises. Die Verantwortung liege daher zunächst beim Betreiber, beziehungsweise Aufsteller.
Die aufgebauten Zelte wurden durch die Bauaufsicht des Landkreises geprüft und abgenommen. „Dort wurde besonders auf Einhaltung von Fluchtgelegenheiten geachtet sowie die Standfestigkeit der Zelte“, so Bürger. Ob durch den beauftragten Messebauer nicht zugelassenes Material für den Innenausbau verwendet wurde, sei dem Kreis nicht bekannt. Für die Sicherheit der Behelfsbrücke und für die Barrierefreiheit sei nicht der Landkreis, sondern vielmehr die Stadt zuständig.
Erstmeldung: Fritzlar – Gibt es beim Hessentag in Fritzlar gravierende Sicherheitsmängel? Diesen Vorwurf erhebt Marten Pauls, Fachplaner für Veranstaltungssicherheit aus Hamburg. Er gehört zum Beispiel mit seinem Unternehmen zu dem Personenkreis, der 2023 für die Sicherheit beim Hessentag in Pfungstadt zuständig war und nach eigenen Angaben bereits bundesweit für Sicherheitskonzepte zahlreicher Veranstaltungen beauftragt wurde.
Kurz vor Hessentags-Eröffnung: Fachplaner wendet sich wegen angeblicher Sicherheitsmängel an Bauaufsicht
Seine Kritik am Aufbau des Hessentages erreichte die Stadt Fritzlar und auch die Bauaufsicht des Schwalm-Eder-Kreises am gestrigen Donnerstag zu dem wohl ungünstigsten Zeitpunkt überhaupt: einen Tag vor dem Start des Hessentages. Während auf dem Festgelände und entlang der Hessentagsstraße die Arbeiten für den Aufbau auf Hochtouren laufen und die Bauaufsicht des Landkreises die Zelte und Gerüste überprüft, bezweifelt Marten Pauls eben genau deren Sicherheit.
Aktuelle Infos zum Hessentag
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Vorwurf: Sparkurs beim Hessentag in Fritzlar geht zulasten der Sicherheit
„Die Stadtverwaltung weist gern darauf hin, den Hessentag in Fritzlar so günstig wie möglich durchzuführen“, so Pauls. Allerdings geschehe das in Fritzlar zulasten der Sicherheit. Er nennt als Beispiel Baumaterialien, die für den Eventeinsatz nicht zugelassen seien, dennoch in Fritzlar verwendet wurden. Von diesen gingen erhebliche Gefahren für Besucher und Mitarbeiter aus. „Dieses Material ist in der Anschaffung günstiger als die offiziell zugelassenen“, sagt Pauls. „Aber: Wer billig einkauft, bekommt auch eine billige Ausführung.“ Er habe die Bauaufsicht des Landkreises aufgefordert, den Sachverhalt zu prüfen und für Abhilfe zu sorgen.
Gerüste
Bei seiner Besichtigung der Aufbauarbeiten rund um den Hessentag ist Pauls aufgefallen, dass die auf dem gesamten Hessentagsgebiet verteilten Orientierungstürme und die Beschilderungsbrücken im Publikumsbereich nicht erlaubt seien. Diese seien ohne Zulassung für diesen Zweck errichtet worden. „Und sie können auch nicht ausreichend ballastiert werden“, sagt Pauls im HNA-Gespräch. Damit sei keine ausreichende Standfestigkeit gegeben.
Darüber hinaus seien diese Bauten ohne Potenzialausgleich errichtet worden. „Es besteht möglicherweise Lebensgefahr im Umfeld jeder dieser Anlagen.“ Denn diese könnten bei starkem Wind umstürzen, befürchtet Pauls. Es handele sich dabei nämlich um Baugerüste und nicht um spezielle Veranstaltungsbauten. Sie stehen im öffentlichen Raum und nicht auf einer Baustelle. So bestünden die Tower und Tore aus „Layher Blitzgerüsten“, die für diesen Zweck weder geeignet noch zugelassen seien. Die allgemeine bauaufsichtliche Zulassung lege den Einsatzzweck fest: Das Gerüstsystem dürfe demnach nur als Arbeits- und Schutzgerüst genutzt werden.
Standsicherheit
Pauls wird noch deutlicher: „Die für den Ballast eingebauten U-Rahmentafeln aus Holz haben im besten Fall eine Belastbarkeit von 300kp/qm. Die Rahmentafeln auf den zwei Quadratmetern Gerüstfeld tragen einen 1,2 Tonnen schweren Betonblock und sind somit um 100 Prozent überlastet“, betont er. Zwar habe der Gerüstbauer mittig eine Stütze untergestellt und damit das Biegen der Tafeln verhindert, das größte Problem ergebe sich aber bei Belastung um den Kipppunkt. Denn dadurch werde das gesamte System um den Kipppunkt angehoben und die Unterstützung der Tafeln verliere ihre Wirkung. Dem gesamten System fehle somit der Nachweis der Standsicherheit bei höheren Windstärken, kritisiert er.
Türme und Tore
An diesen Türmen und Toren seien außerdem Beleuchtungseinrichtungen und Kamerasysteme montiert worden, die über Netzspannung versorgt werden.
Laut Norm müssten alle metallene Strukturen, an denen Veranstaltungstechnik montiert werde, mit einen sogenannten Schutzpotentialausgleich versehen werden, sagt Pauls. Doch der habe zum Zeitpunkt seines Rundgangs gefehlt.
Und das, obwohl ein Teil der an diesen Bauten montierten elektrischen Geräten bereits Strom geführt habe. „Die Bauten stehen so ohne weitere Absicherung im öffentlichen Raum und sind jedermann zugänglich“, sagt Pauls.
Er betont: „Der Stadtverwaltung sollten die technischen und rechtlichen Grundlagen für den Materialeinsatz bekannt sein und damit Kenntnis bestehen, dass diese Anlagen so nicht für den Publikumsverkehr freigegeben werden dürfen.“
Barrierefreiheit
Ziel sei es, dass der Hessentag barrierefrei, mindestens aber barrierearm zu sein hat. Diese Auflage des Landes Hessen gelte für jede Ausrichterstadt. Doch davon sei das Gelände in Fritzlar weit entfernt, sagt Pauls. Er geht davon aus, dass versäumt worden sei, den Boden in den Ederauen ausreichend vorzubereiten und zu schützen.
Nun hätten die anhaltenden Regenfälle für aufgeweichte Böden und eine schlammige Landschaft gesorgt. „Holzhackschnitzel und Schotter wurden ausgiebig auf dem Boden verteilt, da kommt niemand mehr mit einem Rollstuhl drüber.“
Brücke
„Nicht kindersicher“, nennt der Sicherheitsexperte den Aufbau der Zusatzbrücke über die Eder. „Das Geländer lässt zu viel Raum, da können Kinder in die Eder stürzen“, sagt er mit Blick auf die Pontonbrücke.
Messebau
Und auch beim Messebau zeigt er Mängel auf: „Beim Treffpunkt Hessen gibt es keine ausreichenden Brandschutzmaßnahmen“, so Pauls. „Der Messebau in den Zelten entspricht nicht den geltenden Normen“, meint Pauls. (Maja Yüce)
Das Kiffen auf dem Hessentag wurde vom Bürgermeister untersagt - ein Eilantrag gegen diese Entscheidung wurde nun vom Kasseler Verwaltungsgericht abgewiesen.

