Hohe Belastung

Sommergrippe geht um: Ärzte-Chef über volle Praxen und fehlende Medikamente

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Trotz bestem Wetter hat die Sommergrippe viele erwischt. Woran das liegt, wie voll die Praxen sind und wie viele Corona-Fälle es derzeit gibt, erklärt GNO-Chef Ralph-Michael Hönscher.

Fulda - Zwar gibt es in der warmen Jahreszeit weniger Erkältungskrankheiten als im Winter, aber trotzdem haben Hausarztpraxen auch im Sommer alle Hände voll zu tun.

Sommergrippe: Experte über volle Praxen und Medikamentenmangel

Das sei allerdings nichts Ungewöhnliches: „Wir haben jedes Jahr die Sommergrippe, das ist keine richtige Grippe, aber ein Überbegriff für eine Erkältung. Sie tritt auf, zum Beispiel, weil man sich durch die Klimaanlage verkühlt hat. Wir neigen dazu, uns im Sommer dünn anzuziehen. Wenn wir schwitzen und danach ist es kalt, dann ist das Stress für unseren Körper“, sagt Ralph-Michael Hönscher, Vorsitzender des Gesundheitsnetzwerks Osthessen (GNO).

Hinzu kommt, dass Menschen oft zu wenig trinken und die Schleimhäute dadurch austrocknen. „Auch das ist nicht zu unterschätzen“. Und noch etwas kommt im Frühjahr und Sommer hinzu: Allergien. „Die Zahl der Heuschnupfenpatienten hat in unserer Praxis nach Corona zugenommen“, sagt der Hausarzt aus Fulda. Auch das kann damit zusammenhängen, dass das Immunsystem durch das Masketragen während der Pandemie nicht mehr so gut trainiert wurde.

Dass viele im Sommer krank werden, ist laut GNO-Chef Ralph-Michael Hönscher (kleines Foto) nichts Ungewöhnliches.

Neben der Sommergrippe, bei der Erkältungssymptome wie Schnupfen, Husten, Halsschmerzen oder leichtes Fieber auftreten, grassieren gerade auch andere virale Infekte. „95 Prozent der Atemwegserkrankungen sind derzeit Virusinfektionen. Wir hatten nur ganz wenige Fälle, wo ein Antibiotikum nötig war“, sagt Hönscher.

Beim Stichwort „Antibiotika“ benennt der Experte aber ein anderes Problem: Noch immer haben Apotheken und Ärzte Schwierigkeiten, an Medikamente zu kommen. „Einige Antibiotika sind einfach nicht lieferbar. Das ist für uns dramatisch. Antibiotika werden ja nicht nur bei Atemwegserkrankungen verabreicht, sondern zum Beispiel auch bei Darminfekten. Hier fehlt es zum Beispiel am sogenannten Metronidazol, das ist im Moment in Fulda nicht lieferbar.“

Nicht bei jedem Husten oder Schnupfen ist man nicht mehr in der Lage, einen Homeoffice-Job oder einen Bürojob zu erledigen. Die Arbeitsmoral ist wirklich erschreckend.

Ralph-Michael Hönscher, GNO-Chef

Gleichzeitig sind die Praxen in der Region am Limit. „Die Arbeitsbelastung ist noch immer hoch, auch die Erwartungen sind hoch“, sagt Hönscher. Hinzu kommt, dass Allgemeinpraxen zunehmend auch Kinder als Patienten aufnehmen müssen, weil die Kinderärzte keine Kapazitäten haben. „Ähnlich sieht das bei den Gynäkologen aus, auch hier finden Schwangere manchmal keinen Frauenarzt.“

Diese Engpässe hätten seit der Pandemie zugenommen. Manchmal gebe es auch unnötige Arztbesuche: „Einige Leute gehen jede Woche zum Arzt. Es gibt in den Praxen immer wieder auch unnötige Dinge, wo man sagen muss, das muss jetzt nicht als Notfall rein, da kann man auch ein paar Wochen warten.“

Welche Rolle spielt Corona?

Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz liegt momentan bei 4,9. Allerdings wird mittlerweile auch nicht mehr so häufig getestet. „Wir halten unsere Patienten aber an, einen Test zu machen, wenn sie Symptome haben. Da fischen wir den ein oder anderen schon noch heraus. Aber pro Woche sind das schätzungsweise ein bis zwei Personen. Die Verläufe sind auch mild. Und häufig sind die Betroffenen nach drei Tagen wieder negativ“, sagt Hönscher.

Ab September sollen neue Impfstoffe auf den Markt kommen, die an die aktuellen Varianten, die meist Untervarianten von Omikron sind, angepasst wurden. Anfang April lief die Coronavirus-Impfverordnung aus. Seitdem werden die Kosten der Impfung nicht mehr vom Bund übernommen, zahlen sollen stattdessen die Krankenkassen. Die haben sich allerdings noch nicht in allen Bundesländern mit den Ärzteverbänden über die Vergütung geeinigt.

Das hat zur Folge, dass zum Beispiel auch in Hessen Impfwillige in Vorleistung treten müssen, also eine Rechnung vom Arzt bekommen, die sie dann bei der Krankenkasse einreichen können und bezahlt bekommen, wenn ihnen eine Corona-Impfung empfohlen wird – das trifft auf alle Erwachsenen und Risikogruppen zu. Dass es noch keine Einigung gibt, liegt an unterschiedlichen Honorarvorstellungen. Bislang haben niedergelassene Ärzte vom Bund pro Impfung 28 Euro erhalten, an Wochenenden 36 Euro. Hinzu kamen die Kosten für den Impfstoff selbst.

Nicht jede Erkältung muss vom Arzt abgeklärt werden. „Es gibt einige gute, freiverkäufliche Medikamente: Schleimlöser oder auch Ibuprofen. Manchmal helfen ganz einfache Hausmittel: Wadenwickel und Vitamin C. Das schadet auf keinen Fall“, sagt Hönscher. Wenn man sich schlecht fühle und eine Krankschreibung brauche, dann sollte man zum Arzt gehen.

Was Krankschreibungen betrifft, so hat Hönscher noch etwas beobachtet: „Es ist auffällig, dass wir nach Corona, wo die Krankmeldung ja auch einfach mal so ,to-go“ abholbar war, immer mehr Leute haben, die sagen, sie bräuchten eine Krankmeldung, sie seien erkältet. Hier muss ich sagen: Nicht bei jedem Husten oder Schnupfen ist man nicht mehr in der Lage, einen Homeoffice-Job oder einen Bürojob zu erledigen. Die Arbeitsmoral ist wirklich erschreckend.“

Rubriklistenbild: © Bernd Weißbrod/dpa; privat

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