Bundestagswahl

SPD-Dominanz in Kassel: Ungebrochen bei Bundestagswahlen

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Gute Stimmung herrschte bei der SPD-Wahlparty im September 2021 in Kassel. Bei der Bundestagswahl vor vier Jahren gewannen Timon Gremmels und Esther Dilcher (Zweiter und Dritte von links) ihre Wahlkreise; links Manuela Strube, rechts Edgar Franke, Winfried Becker und Hajo Schuy.
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Seit 1949 haben die Sozialdemokraten hier stets gewonnen. Doch wie lange diese Dominanz anhält, wird die kommende Bundestagswahl zeigen.

Nordhessen ist keine unumstößliche SPD-Hochburg mehr, das hat spätestens die Landtagswahl 2023 verdeutlicht, bei der alle Wahlkreise in der Region an die CDU verloren gingen. Einzige Ausnahme, zumindest nach Erststimmen, bildete der Kasseler Westen.

Aber auch dort ging der Wahlkreis nicht an die SPD, sondern an die grüne Vanessa Gronemann. Anders sieht das jedoch bei Bundestagswahlen aus.

Hier hält die SPD-Dominanz im Wahlkreis Kassel seit 1949 an. Bei allen 20 Bundestagswahlen setzten sich im Wahlkreis von Stadt und Altkreis Kassel (ohne Baunatal und Schauenburg) immer die Kandidaten und auch einmal die Kandidatin der SPD durch. Nachfolgend die wichtigsten Fragen und Antworten zur Geschichte und Prognose des Wahlkreises:

Welche Namen stehen für die starke SPD im Wahlkreis?
Seit 75 Jahren haben Sozialdemokraten das Kasseler Direktmandat inne. Auf der Liste der Wahlkreissieger stehen mit Holger Börner, Hans Eichel und Co. die Namen der bekanntesten SPD-Politiker aus Kassel. Den Wahlkreis gewann Börner sechs Mal. Horst Peter brachte es auf vier und Gerhard Rübenkönig auf drei Direktmandate. Nicht viel anders sieht das im Wahlkreis Waldeck (neu: 166) aus, der neben Baunatal und Schauenburg die Altkreise Waldeck, Wolfhagen und Hofgeismar umfasst: Abgesehen von den FDP-Erfolgen nach dem Krieg und dem Überraschungssieg von CDU-Kandidat Thomas Viesehon bei der Wahl 2013 ist auch dort das Direktmandat fest in SPD-Hand.
Könnte die SPD-Dominanz bei dieser Wahl ins Wanken geraten?
Alle Prognosen sehen die CDU bei der Bundestagswahl am 23. Februar bislang deutlich vorn. Im Wahlkreis Kassel gehen sie von einer knappen Entscheidung aus, die Tendenz hier lautet „Vorsprung SPD“. Ob der Wahlkreis erstmals für die SPD nach Erst- oder nach Zweitstimmen oder sogar nach beiden verloren gehen könnte, bleibt jedoch abzuwarten. 2021 hatten die Christdemokraten schon einmal vergeblich darauf gehofft, nachdem die SPD 2017 die schlechtesten Ergebnisse in der Geschichte des Wahlkreises eingefahren hatte. Doch bei der Wahl vor vier Jahren vermochte SPD-Bewerber Timon Gremmels zuzulegen, aus dem Direktmandat-Wechsel wurde nichts.
Was spricht für und was gegen einen Wechsel?
Grundsätzlich ist der SPD-Vorsprung längst nicht mehr so groß, wie er einmal war. Holger Börner etwa holte 1972 satte 60,1 Prozent der Erststimmen. Timon Gremmels gewann den Wahlkreis zuletzt mit 36,1 Prozent. Für Spannung ist diesmal im Wahlkreis allein deshalb gesorgt, weil mit Daniel Bettermann (SPD) und Maik Behschad (CDU) zwei neue Kandidaten antreten. Noch enger könnte die Entscheidung um das Direktmandat werden, wenn aus dem Duell SPD gegen CDU ein Drei- oder gar Vierkampf werden würde. Dazu müsste der wieder antretende Boris Mijatovic (Grüne) noch einmal zulegen. 2021 holte er 17,3 Prozent der Erststimmen, blieb damit zwar deutlich hinter Gremmels, aber nicht weit hinter Michael Aufenanger (CDU, 20,3 %). Was die bundesweiten Prognosen für die AfD angeht, könnte auch Direktkandidat Thomas Schenk im Wahlkreis Kassel die gewohnte Rangfolge der Bewerber aufmischen.
Welche Wahlkreiskandidaten sind bisher bekannt?
Bislang sind es neun. Neben Daniel Bettermann (SPD), Maik Behschad (CDU) und Boris Mijatovic (Grüne) gehen Jan Terborg (FDP), Violetta Bock (Linke), Thomas Schenk (AfD) und Christian Klobuczynski (Freie Wähler) ins Rennen. Nach Informationen unserer Zeitung wollen zudem Hans Roth (MLPD) und Timo Scharf (Volt) als Direktkandidaten antreten. Die Tierschutzpartei und die Partei Die Basis, die ebenfalls mit Direktlandidaten antreten wollten, haben nach eigenen Angaben nicht die nötigen Unterschriften für die Zulassung zur Wahl erreicht. Ob es bei dieser Liste bleibt, ist offen. Die Wahlbehörde in Kassel kündigte an, die zugelassenen Kreiswahlvorschläge spätestens am 3. Februar zu veröffentlichen.
(Andreas Hermann)

Wahlkreis Kassel: Direktmandat-Gewinner

1949: Georg-August Zinn (SPD) 42,3 Prozent Erststimmen
1951: Ludwig Preller (SPD) 55,1 %
1953 Ludwig Preller (SPD) 43,8 %
1957: Holger Börner (SPD) 49,2 %
1961: Holger Börner (SPD) 51,6 %
1965: Holger Börner (SPD) 52,1 %
1969: Holger Börner (SPD) 56,9 %
1972 Holger Börner (SPD) 60,1 %
1976 Holger Börner (SPD) 53,7 % (nahm Mandat aber nicht an, weil er 1976 Ministerpräsident wurde)
1980: Horst Peter (SPD) 53,3 %
1983: Horst Peter (SPD) 51,4 %
1987: Horst Peter (SPD) 47,7 %
1990: Horst Peter (SPD) 46,9 %
1994: Gerhard Rübenkönig (SPD) 41,5 %
1998: Gerhard Rübenkönig (SPD) 48,4 %
2002: Gerhard Rübenkönig (SPD) 49,3 %
2005: Hans Eichel (SPD) 50,5 %
2009: Ulrike Gottschalck (SPD) 38,0 %
2013: Ulrike Gottschalck (SPD) 40,0 %
2017: Timon Gremmels (SPD) 35,6 %
2021: Timon Gremmels (SPD) 36,1 %

Wahlkreis Waldeck: Direktmandat-Gewinner

1949: Karl Rüdiger (FDP) 35,2 Prozent der Erststimmen
1951: Hans Merten (SPD) 47,2 %
1953: Heinrich Fassbender (FDP) 52,5 %
1957: Karl Bechert (SPD) 35,6 %
1961: Karl Bechert (SPD) 42,4 %
1965: Karl Bechert (SPD) 46,7 %
1969: Karl Bechert (SPD) 50,1 %
1972: Rudi Walther (SPD) 53,6 %
1976: Rudi Walther (SPD) 49,7 %
1980: Rudi Walther (SPD) 52,1 %
1983: Rudi Walther (SPD) 48,6 %
1987: Rudi Walther (SPD) 49,5 %
1990: Rudi Walther (SPD) 48,6 %
1994: Alfred Hartenbach (SPD) 47,4 %
1998: Alfred Hartenbach (SPD) 53,0 %
2002: Alfred Hartenbach (SPD) 52,1 %
2005: Alfred Hartenbach (SPD) 50,2 %
2009: Ullrich Meßmer (SPD) 37,8 %
2013: Thomas Viesehon (CDU) 41,5 %
2017: Esther Dilcher (SPD) 35,1 %
2021: Esther Dilcher (SPD) 38,0 %

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