VonVolker Niesschließen
Eine funktionierende Kinderbetreuung ist für berufstätige Eltern unverzichtbar. Entsprechend ausgelastet sind die Kindertagesstätten in Osthessen. Weil Erzieher fehlen, kommt es dort oft zu Engpässen: Urlaub, Krankheitsfälle und Fortbildungen bringen Eltern immer wieder in Notsituationen.
Fulda - In der gemeindlichen Kita „Farbenspiel“ in Großenlüder im Kreis Fulda wurde eine Gruppe im laufenden Kindergartenjahr mehrfach von einem auf den anderen Tag geschlossen, berichtet Elternbeirätin Mireen Müller. „Und das, obwohl uns immer wieder gesagt wird, dass laut Personalschlüssel kein Erziehermangel besteht.“
Berufstätige Eltern bringe das in eine Notsituation. „Die Aufregung der Eltern war groß, weil sie nicht einfach von heute auf morgen zu Hause bleiben und sich um ihre Kinder kümmern konnten – das lässt sich vor dem Arbeitgeber kaum rechtfertigen“, sagt die Elternbeirätin.
Fulda: Personalnot in Kitas bringt Eltern in die Bredouille
Mehrere Male sei der Elternbeirat eingesprungen und habe kurzfristig nach Lösungen gesucht. „Wir haben in anderen Gruppen gefragt, wer seine Kinder zu Hause betreuen kann. Es haben sich zum Glück immer Eltern gefunden, aber die mussten dann auch ihre Tagesplanung ändern“, sagt Müller. Dass die Eltern sich immer wieder selbst „aus der Patsche helfen müssen“, sei keine Dauerlösung. „Während Corona mussten die Kinder schon ständig zu Hause bleiben. Es ist Aufgabe der Gemeinde zu verhindern, dass Gruppen geschlossen werden.“ Müller fordert die Politik dazu auf, das Verhältnis von Fachkräften und Kindern zu überdenken.
Großenlüders Bürgermeister Florian Fritzsch (SPD) räumt ein, dass es im laufenden Kindergartenjahr in einzelnen Kitas wegen Kündigungen zu „temporärem Personalmangel“ gekommen sei. Die vakanten Stellen seien inzwischen weitgehend nachbesetzt worden.
Not am Mann herrscht auch in der Kindertagesstätte RhönKinder-Haus der Gemeinde Poppenhausen. Bürgermeister Manfred Helfrich (CDU) zufolge sind dort zum Jahreswechsel zwei Erzieherinnen längerfristig ausgefallen. „Daher wurde das verbleibende Personal stark strapaziert. Die Folgen waren Überlastung und Erkrankung.“ Daher mussten die Betreuungszeiten reduziert und zeitweise das Küchenpersonal als Aufsicht eingesetzt werden. „Nach meiner Wahrnehmung erreichen die Erziehungsfachkräfte zunehmend ihre Leistungsgrenze, werden psychisch krank, sind mental erschöpft“, schildert der Bürgermeister.
Kitas im Kreis Fulda
Im Kreis Fulda gibt es insgesamt 151 Kindertagesstätten. Hier stehen sie:
Bad Salzschlirf (2), Burghaun (5), Dipperz (3), Ebersburg (4), Ehrenberg (1), Eichenzell (9), Eiterfeld (5), Flieden (5), Fulda (46), Gersfeld (5), Großenlüder (7), Hilders (3), Hofbieber (3), Hosenfeld (2), Hünfeld (9), Kalbach (6), Künzell (11), Neuhof (7), Nüsttal (2), Petersberg (9), Poppenhausen (3), Rasdorf (1), Tann (3).
Diesen Eindruck bestätigt Erzieher Nils-Ole Pruß (37) von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hessen. „In Hessen sind circa zwei Erzieher für 20 Kinder zuständig. Fällt jemand aus, ist der andere mit den Kindern allein. Das wird nur durch Azubis, FSJler, Praktikanten und Ehrenamtliche abgefedert. Die meisten Kolleginnen und Kollegen üben ihren Beruf mit Herz aus und wollen tolle Arbeit mit den Kindern leisten. Scheitert das an Personalmangel, ist es frustrierend und demotivierend.“
15 Stellen unbesetzt: Stadt Fulda erarbeitetet Notfallplan für Kitas
Auch in den Kindertagesstätten der Stadt Fulda ist Personalmangel seit einigen Jahren ein Thema, erklärt Magistratspressesprecher Johannes Heller. Grund dafür sei der im Jahr 2013 eingeführte Anspruch auf Betreuung für alle Kinder ab dem ersten Lebensjahr. Derzeit seien in den städtischen Kitas 15 von 321 Stellen unbesetzt. Die Stadt verfolge den Anspruch, sechs Prozent mehr Personal einzustellen, als gesetzlich vorgeschrieben, erklärt Johannes Heller: „Wir gehen davon aus, dass wir bis zum Start des neuen Kitajahres noch acht Stellen besetzen können.“
Sollten dennoch Betreuungsengpässe entstehen, hat die Stadt einen Notfallplan erarbeitet. „Im ersten Schritt werden Gruppen zusammengelegt, andere Kindertagesstätten angefragt, ob sie Betreuer abstellen können oder Eltern gefragt, ob diese stundenweise aushelfen können“, berichtet Heller. Erst wenn das nicht möglich sei, würden die Öffnungszeiten verkürzt oder Eltern gebeten, ihre Kinder zu Hause zu betreuen. Erst ein allerletzter Schritt sei die tageweise Schließung, die in diesem Kindergartenjahr „nur in sehr seltenen Ausnahmefällen“ eingetreten sei.
Die Stadt begegne dem Fachkräftemangel, indem sie eng mit den Fachschulen zusammenarbeite und eine praxisintegrierte vergütete Ausbildung anbiete. Bei diesem neuen Ausbildungsangebot beträgt die Ausbildungszeit drei Jahre. Die Fachschüler arbeiten von Beginn an parallel zum Fachschulbesuch in einer sozialpädagogischen Einrichtung und erhalten dafür ein Gehalt. Zudem stelle die Stadt Quereinsteiger ein und versuche Fachkräfte sowie Azubis aus dem Ausland anzuwerben. Letzteres hält Nils-Ole Pruß nicht für zielführend. „Gute deutsche Sprachkenntnisse sind gerade für die Sprachförderung wichtig. Außerdem fehlen diese Fachkräfte dann in den Ländern, aus denen sie angeworben wurden. Wir machen unser Problem also zu ihrem.“
Neue Hünfelder Kita hat keine Probleme, Personal zu gewinnen
Nicht alle Kitas im Kreis beklagen personelle Engpässe. In der neuen Kindertagesstätte am Molzbacher Berg in Hünfeld ist sogar das Gegenteil der Fall. Nach der Übernahme der ehemals katholischen Kita durch den DRK-Kreisverband Hünfeld, sind laut Geschäftsführer Karlheinz Fenske bereits alle 23 Stellen besetzt. „Wir haben zwölf Fachkräfte aus der vorherigen Einrichtung übernommen und konnten elf aus anderen Einrichtungen gewinnen.“ Darüber hinaus habe das DRK weitere Bewerbungen in der Schublade liegen.
Warum fällt es der Einrichtung so leicht, Personal zu gewinnen? „Der Neubau am Molzbacher Berg ist attraktiv und viele Erzieherinnen waren bei ihren bisherigen Arbeitgebern nicht zufrieden“, erklärt Fenske.
Zwar ist die Zahl der Bewerbungen Fenske zufolge in den vergangenen Jahren insgesamt zurückgegangen. Aber auch in der Villa Kunterbunt, der Kinderkrippe in Hünfeld, gingen laufend Anfragen ein. „Erzieherinnen können sich ihren Arbeitsplatz inzwischen aussuchen“, sagt Fenske, der ebenfalls Vorsitzender des Trägervereins ist. „Wenn sie unzufrieden sind, gehen sie heute viel schneller als früher. Die Einrichtungen leben ganz gewaltig von dem Ruf, den sie in der Branche haben.“
Nils-Ole Pruß bestätigt das. „Wie gut auf die Gesundheit der Kollegen geachtet wird, hängt vom Träger ab. Dass freie und kirchliche Träger immer noch schlechter bezahlen können, als im Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst festgelegt, ist ein Skandal“, sagt er.
Der Bedarf an Kita-Plätzen ist groß. Um den Eltern die Suche zu vereinfachen, hat die Stadt Fulda zum 1. Juli das Elternportal „Little Bird“ freigeschaltet.
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