Obdachlosigkeit im Winter

Nach Tod eines Obdachlosen: Experten fordern Kältebusse für Kassel

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Wo sind sie nachts willkommen? Obdachlose, wie dieser Mann auf der Königsstraße, sind der Kälte ausgesetzt. Andere Städte bieten darum Kältebusse an. Archi
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In Kassel ist ein Obdachloser in einer der ersten richtig kalten Nächte dieses Winters gestorben. Experten fordern mehr Hilfe für Betroffene. Die Stadt aber hält etwa Kältebusse nicht für erforderlich.

Kassel – Kevin Hüvelmann ist sich sicher, dass der Obdachlose, der vorigen Freitag tot im Bahnhof Wilhelmshöhe gefunden wurde, nicht hätte sterben müssen. Seit Jahren kümmert sich der 34-jährige Kasseler um Menschen ohne Wohnung. Er bringt sie zu Hilfeeinrichtungen und telefoniert mit Behörden. Für den 39 Jahre alten Polen, der am Freitagmorgen unweit einer Kältebox im ICE-Bahnhof aufgefunden wurde, kam jedoch jede Hilfe zu spät.

„Der Mann war nicht in der Lage, für sich zu sorgen“, sagt Hüvelmann. Wenige Wochen vorher habe er versucht, ihm eine Schlafstätte zu vermitteln. Dies sei daran gescheitert, dass der Mann Krätze gehabt habe. Eine Einrichtung habe sich geweigert, ihn aufzunehmen, weil er sonst andere anstecken könnte.

Experten fordern Kältebusse für Kassel

Hüvelmann vermutete, dass der Pole erfroren ist. Laut der Polizei ergab eine Obduktion, dass die Kälte nicht die Ursache für seinen Tod gewesen sei. Woran der Mann starb, sei nicht eindeutig feststellbar. Trotzdem lenkt der Fall einmal mehr die Aufmerksamkeit auf ein Problem, das sich jedes Jahr neu stellt. Vielerorts fehlen in der kalten Jahreszeit Unterbringungsmöglichkeiten. Allein in Berlin sollen es laut der Liga der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege mehr als 400 Plätze sein. Laut Hüvelmann sieht es in Kassel proportional ähnlich aus.

Gerade hat der Daimler-Mitarbeiter Kassels Oberbürgermeister Sven Schoeller eine Mail mit Forderungen geschickt, um Abhilfe zu schaffen. Hüvelmann schlägt etwa Wärmezonen vor, in denen sich Obdachlose aufhalten können, eine bessere Zusammenarbeit zwischen Polizei und Initiativen wie der Heilsarmee sowie außerdem Kältebusse. Die transportieren beispielsweise in Frankfurt Wohnungslose zu Hilfsangeboten. Denn viele, hat Hüvelmann festgestellt, könnten Schlafstätten nicht mehr finden – wegen Sprachbarrieren oder wegen ihres Zustands.

Bei der Stadt ist man überzeugt, dass Kältebusse in Kassel nicht erforderlich seien, wie ein Rathaussprecher bereits Anfang November auf Anfrage mitteilte: „Die Institutionen der Wohnungslosenhilfe sind gut vernetzt, die bestehenden Angebote seit Jahren etabliert und bekannt.“

Laut Sozialamt sind 1280 Menschen durch die Obdachlosenhilfe untergebracht

Zudem verweist die Stadt auf die derzeit sieben Notschlafcontainer des Vereins Soziale Hilfe sowie die zehn Übernachtungsplätze im Social-Center der Heilsarmee. Weitere Plätze würden in den Notunterkünften der Zentralen Fachstelle Wohnen vorgehalten. Insgesamt sind laut dem Sozialamt 1280 Menschen durch die Obdachlosenhilfe untergebracht – deutlich mehr als in den vergangenen Jahren.

Wie viele Menschen im Winter der Kälte ausgesetzt sind, lässt sich schwer schätzen. In der Tagesaufenthaltsstätte Panama des Vereins Soziale Hilfe geht man von etwa 200 Personen aus, wie Leiterin Amrei Tripp sagt. Viele kämen bei Bekannten unter. Einige aber schlafen auch bei Temperaturen weit unter null Grad draußen.

Laut Tripp gibt es in Kassel „theoretisch ausreichend“ Angebote, aber die seien nicht immer einfach zu erreichen. Kältebusse könnten daher eine wichtige Ergänzung sein, denn: „Jeder Mensch, der gerettet werden kann, ist es wert, solch ein Angebot zu finanzieren.“

Kasseler Sozialarbeiterin: „Wichtig ist, dass jeder Bürger aufmerksam ist“

Ähnlich sieht man es bei der Linken. Laut der Stadtverordneten Jenny Schirmer gibt es Obdachlose, die in den größeren Unterkünften nicht bleiben wollten. Sie fordert darum „niedrigschwellige“ Orte, an denen man auch „mit Hunden und ohne bürokratischen Prozess nachts willkommen ist“.

Sozialarbeiterin Tripp sieht nicht nur die Politik gefordert: „Wichtig ist, dass jeder Bürger aufmerksam ist.“ Sehe man nachts einen Obdachlosen, der Hilfe benötige, solle man unbedingt die Polizei anrufen. (Matthias Lohr)

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