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Seit fast 100 Jahren gibt es die Kasseler Hütte in den Zillertaler Alpen. Wir durften hinter die Kulissen blicken und haben den Hüttenalltag drei Tage lang miterlebt.
Stilluptal – Es schüttet wie aus Eimern. Erst am Abend soll der Regen allmählich weniger werden. Das Hüttenpersonal nimmt es gelassen. Wetter und Berge – das ist sowieso eine Wissenschaft für sich. Drei Tage aus der Perspektive eines Wirts und seines Teams zeigen, wie wichtig eine Portion Gelassenheit im Hüttenalltag ist.
Wer schon häufiger mal Gast in alpiner Höhe war, dem ist klar, dass alles Hand in Hand funktionieren muss. Und das bestätigt sich auf der Kasseler Hütte, die auf 2177 Metern im idyllischen Stilluptal, einem Seitental des Zillertals, liegt.
Das Besondere: Lukas Decker bewirtschaftet die Hütte gemeinsam mit seiner Partnerin Anna Stang in der vierten Saison und ist dabei erst 28 Jahre alt. Auch die meisten seiner Mitarbeiter, die mitunter nur für eine Sommersaison bleiben, sind unter 40.
Modernes und Tradition in Verbindung
Sie alle bringen automatisch eine moderne Denke mit in die Berge. Und doch vereint sie gleichzeitig die Liebe zur Tradition. Immer wieder wird dieses Zusammenspiel in den nächsten drei Tagen deutlich werden. Nach einer kurzen Begrüßung setzt sich Lukas Decker erst mal wieder an seinen Laptop und checkt die Reservierungen.
Die Saison hat gerade so richtig begonnen. Bis zu 50 Übernachtungsgäste werden am Abend eintrudeln, um den bekannten Berliner Höhenweg zu erwandern.
Alles muss organisiert sein. Lebensmittel für unterschiedliche Gerichte, die im Laufe der Zeit immer wieder von den Gästen gelobt werden, kommen über die Materialseilbahn an. Die Filteranlage muss funktionieren. Die Matratzenlager und Waschräume sind jeden Abend aufs Neue aufgeräumt und sauber.
Es herrscht Wohlfühlatmosphäre, ohne dabei den Hüttencharakter zu verlieren. Saison-Mitarbeiter Constantin Dabelstein bringt es auf den Punkt: „Man sollte sich immer wieder klar machen, dass wir uns in einer Schutzhütte befinden, nicht in einem Hotel.“
Viele hätten Verständnis, manchen sei das aber gar nicht bewusst, sagt auch Lukas Decker selbst. „Den eigenen Müll wieder mit ins Tal zu nehmen, sollte eine Selbstverständlichkeit sein.“ Insgesamt wirkt der 28-Jährige, der die Kasseler Hütte sogar als Kasseläner führt, mittlerweile aber komplett im Zillertal lebt, trotz seines jungen Alters tiefenentspannt.
Viele Erfahrungen als Hüttenwirt gesammelt
Er scheint viel Erfahrung gesammelt zu haben und die klassischen Fragen der Gäste längst zu kennen. Wer freundlich ist, dem schenkt er ein breites Lächeln. Ab und an gibt es auch mal einen ironischen Spruch mit Augenzwinkern. „Fantastisch, wie man sieht“, antwortet er zum Beispiel auf die beliebte Frage nach dem Wetter, während es draußen gerade Bindfäden regnet.
Seinem Team schenkt er vollstes Vertrauen. „Dieses Jahr passt es auch einfach total“, sagt er. Gerade ganz zu Anfang kann das Zapfen, Bedienen, Abwaschen und Deckenfalten durchaus holprig und unbeholfen ablaufen. Die zackige Zusammenarbeit aller wirkt dadurch umso beeindruckender.
Personal kennt sich teilweise erst seit wenigen Wochen
Zumal das Personal teils erst seit wenigen Wochen vor Ort ist und noch nicht einmal durchweg dieselbe Sprache spricht. Da ist zum Beispiel Koch Geljen Tamang aus Nepal, der unermüdlich schnippelt, anbrät, portioniert und jede noch so banale Anfänger-Frage gelassen auf Englisch beantwortet. Sprachlich versteht er sich mit Christian Nothegger, einem Zillertaler Urgestein, so gut wie gar nicht. In der Küche und auf menschlicher Ebene läuft es trotzdem.
Constantin Dabelstein kommt aus Berlin. Er weiß die frische Alpenluft zu schätzen. Das Kellnern macht der Jurist mit Links. Das junge Paar Katharina Loosen und Fabian Zenz will das Vierteljahr als Auszeit nutzen. Obwohl beide erst seit einer Woche da sind, kennen sie die Abläufe bis ins Detail.
Wie schaffen sie das bloß alle? Gas geben, wenn die Stube voll ist. Innehalten, wenn die Zeit es gerade hergibt. Laut rufen, wenn es nötig ist. Schweigen, wenn es gerade nichts zu sagen gibt. Bäderputzen, während andere bei bestem Wetter Richtung Gipfel aufbrechen. Aushalten, dass die Hütte den Tagesablauf bestimmt. Das ganze Team kennt die vergleichsweise leichte Antwort: „Da musst du einfach Bock drauf haben.“
Protokoll: Ein Neuling lernt den Hüttenalltag kennen
Der Alltag auf der Kasseler Hütte beginnt früh und endet spät. Vieles folgt einem festen Zeitplan. Wechselnde Gäste, Wetterkapriolen und Unvorhergesehenes machen dennoch jeden Tag einzigartig. Als Neuling ist das besonders spannend. Ein Tagesablauf im Detail.
5.45 Uhr: Es ist so gemütlich im urigen Hütten-Doppelzimmer, dass man getrost liegen bleiben könnte. Aber das Frühstück macht sich nicht von selbst.
6 Uhr: Es rumpelt in den Matratzenlagern und Zimmern. Im Waschraum trifft man sich mit Zahnbürste. Leichte Anspannung liegt in der Luft. Die meisten Wanderer haben eine lange Tour vor und eine kurze Nacht hinter sich.
6.15 Uhr: Brot, Käse, Marmelade, Milch, Müsli – alles kommt auf den Tisch. Von 6.30 bis 8 Uhr kann ordentlich zugelangt werden. Eine letzte Frage nach der aktuellen Wetterprognose, dann geht es für viele Richtung Greizer Hütte oder Edelhütte. Manche steigen ab ins Tal.
8.30 Uhr: Das Personal startet natürlich auch nicht ohne Frühstück in den Tag. Zur Einstimmung dreht Mitarbeiter Christian Nothegger die heimliche Tiroler Landeshymne „Dem Land Tirol die Treue“ auf. Dieser Ohrwurm wird bleiben. Drei Tage lang.
10 Uhr: Dem ersten Kaffee auf der Terrasse mit sensationellem Ausblick folgen die nächsten Aufgaben: Es muss abgeräumt und gesaugt werden. Außerdem gilt es, die Lager wieder herzurichten. Die Decken werden nach einem bestimmten Prinzip gefaltet. Im ersten Versuch kann auch das zu einer kleinen Herausforderung werden. Lukas Decker und seinem Team gelingt das mittlerweile im Schlaf. Waschräume und Toiletten werden gesäubert. Da hat doch ernsthaft jemand seine Unterhose vergessen.
11 Uhr: Geljen Tamang trifft längst erste Vorbereitungen in der Küche. Das Team hilft, wo es kann. Der Abwasch ist dank einer großen Spülmaschine recht schnell erledigt. Der nepalesische Koch schneidet einen Berg aus Frittaten und rollt riesige Apfelstrudel. Lukas Decker packt überall dort mit an, wo es gerade nötig ist.
13 Uhr: Kaiserschmarrn ausprobieren – das gehört natürlich zur journalistischen Sorgfaltspflicht. Das Spezial-Rezept der Kasseler Hütte verraten wir an dieser Stelle nicht. Dass die Hütte für die typische Berg-Süßspeise bekannt ist, ist aber nach eigener Verkostung durchaus verständlich.
14 Uhr: Zwischendurch kommen immer wieder vereinzelt Tagesgäste vorbei. Jeder wird bedient. Zwischendurch bleibt aber auch fürs Team Zeit zum Verschnaufen in der Sonne. „Joschi“ Nothegger hilft schon seit Jahrzehnten auf der Hütte. Er erzählt ein paar Anekdoten von früher. Der Hüttenwirt selbst ergänzt: „Nach ihm ist sogar ein Gipfel benannt – der Joschikopf.“
16 Uhr: Mischlingshund Mati ist Lukas Deckers und Anna Stangs große Liebe. Und auch die Herzen des Personals und der Gäste erobert der Vierbeiner im Sturm. Die kleinen Wanderungen im nahe gelegenen Hochgebirge mit ihm zusammen werden zu einer beliebten Nachmittags-Aktion beim Drei-Tages-Projekt „Kasseler Hütte“.
17 Uhr: Wenn im normalen Job der Feierabend naht, geht es in der Hütte erst so richtig rund. Die Übernachtungsgäste melden sich an und beziehen ihre Zimmer. In der Küche steht bald alles bereit.
18.30 Uhr: Jetzt geht’s los. Suppe, Salat, Hauptgericht – alles ist auf den Punkt fertig. Jetzt bloß nichts verschütten. Im Dauergebrauch ist außerdem der Zapfhahn. Randnotiz: Zapfen sieht einfacher aus, als es ist.
21.30 Uhr: Beim Bezahlen, das hier übrigens sogar per Karte funktioniert, hat fast jeder Gast ein Lob fürs Essen übrig. Allmählich leert sich die gut besuchte Stube.
22 Uhr: „Wer Freiheit liebt, und Einigkeit, der trinkt auch mal ‘ne Kleinigkeit!“ Das Team stößt auf den langen Tag an. Ein paar letzte Handgriffe – dann kehrt endgültig Ruhe ein auf der Kasseler Hütte. (Daria Neu)



