Interview

Leben mit dem Trauma: Wenn Soldaten der Bundeswehr unter PTBS leiden

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Traumatisierende Ereignisse zu erleben, kann schwere psychische Folgen haben.
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Nicht alle Verletzungen, die Soldaten in einem Einsatz erleiden, sind sichtbar. Stabsfeldwebel Michael Kiebach unterstützt in Fritzlar Betroffene.

Fritzlar/Schwarzenborn – Traumatische Erlebnisse bleiben für viele Menschen nicht folgenlos. So geht es auch Soldaten der Bundeswehr. Michael Kiebach vom Kampfhubschrauberregiment 36 ist einer von ihnen – bei dem 54-jährigen Stabsfeldwebel wurde 2010 eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) diagnostiziert. Heute setzt er sich als Lotse für Einsatzgeschädigte für seine Kameraden ein. Sein Job ist die vertrauensvolle Unterstützung für Soldaten, die körperliche oder seelische Schäden im Einsatz erlitten haben und deren Angehörige. Wir haben mit ihm über das Thema PTBS in der Bundeswehr gesprochen.

Das ist eine PTBS

Die posttraumatische Belastungsstörung ist eine psychische Erkrankung, die von traumatischen Erlebnissen ausgelöst wird, erläutert Stabsfeldwebel Michael Kiebach. Zum Beispiel während eines Auslandseinsatzes. Oft merken Betroffene erst einmal gar nicht, dass sie erkrankt sind. Meist sind es die Partner oder die Familie, die dann feststellen, dass sich das Wesen des Soldaten verändert hat: Zum Beispiel ist die Reizschwelle geringer, der Soldat aggressiver, lauter oder auch sehr in sich gekehrt oder antriebslos.

Ist in Fritzlar Lotse für Einsatzgeschädigte: Stabsfeldwebel Michael Kiebach.

Zur Person

Michael Kiebach (54) stammt aus dem Werra-Meißner-Kreis, ist seit 1989 bei der Bundeswehr tätig und war den Großteil seiner Dienstzeit im Bereich der Aufklärung eingesetzt. Insgesamt vier Auslandseinsätze absolvierte der Vater von drei Kindern. Im Jahr 2010 wurde bei ihm eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Seit dem Jahr 2015 ist Kiebach als Lotse für Einsatzgeschädigte Ansprechpartner für Soldaten.

Herr Stabsfeldwebel Kiebach, welche Situationen können eine PTBS auslösen?

Das ist sehr vielfältig. Für den einen ist es ein Überflug einer Rakete übers Feldlager ohne Personenschaden, andere sind direkt beschossen worden, angesprengt worden, haben verletzte oder tote Kameraden gesehen.

Ein Symptom einer PTBS ist, dass die Betroffenen bestimmte Situationen erneut durchleben, wie kann man sich das vorstellen?

Ein sehr bekanntes Beispiel ist, wenn Soldaten in einem Fahrzeug saßen, das angesprengt wurde und dort Verbrennungen stattgefunden haben. In solchen Situationen entsteht ein typischer Fleischgeruch. Diese Erinnerung nehmen die Leute mit aus dem Einsatz. Wenn in Deutschland dann in der Nähe des Betroffenen gegrillt wird und dieser den Geruch wahrnimmt, dann kann das zu Flashbacks führen.

Was bedeutet das?

Der Betroffene vergisst die Welt, um sich herum, nimmt das alles nicht mehr wahr, und befindet sich gedanklich wieder in der damaligen Situation im Einsatzland – und durchlebt diese erneut.

Was war der Auslöser für Ihre PTBS?

Bei mir hat es sich in verschiedenen Einsätzen hochgeschaukelt. Ich war im Kosovo, dort wurden im Konflikt zwischen Serben und Kosovaren sehr viele Kriegsverbrechen begangen. Es war ein Land, in dem es – egal wo man hinkam – nach Verwesung gerochen hat. An vielen Orten hat man Knochenteile gesehen oder auch verbrannte Leichen. An der Zivilbevölkerung wurden unfassbare Gräueltaten verübt. Und diese Bilder und Eindrücke habe ich mit nach Hause genommen. Kurz danach bin ich nach Afghanistan gegangen – und da ging es dann eigentlich schon los mit meiner PTBS.

Welche Eindrücke haben Sie dort mitgenommen?

Wenn man dort aus den größeren Städten herausgefahren ist, dann war das, als wäre man zwei Jahrhunderte in der Zeit zurückversetzt – ein richtiger Kulturschock, den man erfährt. Wir hatten in Afghanistan auch mehrere Gefechte und das macht schon etwas mit einem. Und letztendlich ist es dann aus mir herausgebrochen.

Wie erlebten Sie den Umgang der Bundeswehr mit dem Thema PTBS?

In 2010 war man in der Bundeswehr noch nicht so weit wie heute. Die Krankheit wurde von vielen als Schwäche angesehen, die Unterstützung der Vorgesetzten war einfach nicht da. Nachdem ich 13 Monate im Bundeswehr-Krankenhaus in Berlin in stationärer Behandlung war, habe ich für mich die Entscheidung getroffen, Lotse für Einsatzgeschädigte zu werden. Seit 2015 habe ich diese Funktion.

Wie hat sich der Umgang mit PTBS geändert?

Vieles hat sich verbessert. PTBS war in Deutschland lange kein Thema. Die Bundeswehr musste erst lernen, dass jemand während oder auch nach einem Einsatz psychisch erkranken kann. Da waren andere Staaten bereits deutlich weiter. Das Bundeswehr-Krankenhaus in Berlin hat sich dann auf die Behandlung von psychotraumatischer Belastungen spezialisiert.

Bei der Beurteilung waren Einsatzgeschädigte lange mit gesunden Soldaten gleichgestellt – und haben natürlich oft schlechter abgeschnitten. Das wurde angepasst. Mittlerweile setzt man bei der Bundeswehr zum Beispiel auch stark auf sportliche Betätigung, die eine große Stütze für Erkrankte sein kann. Unterm Strich haben wir heute ein Komplettpaket, das ziemlich gut ist.

Was ist der erste Schritt für Soldaten, die merken, dass etwas mit ihnen nach einem Einsatz nicht stimmt?

Der erste Schritt ist, sich das selbst einzugestehen. Wir sagen ja immer: Das ist unser Job, dafür wurden wir ausgebildet. Wir halten uns für kugelsicher – sind es aber nicht. Spätestens wenn das Umfeld sagt: „Du hast dich verändert“, muss man handeln.

Das Problem ist, dass sich der betroffene Soldat jemandem anvertrauen und sich zu einer Behandlung entscheiden muss. Viele versuchen aber erst einmal, alles mit sich selbst auszumachen. Doch das ist ein Fehler. Viele betroffene Soldaten tragen diese Belastung schon Jahre mit sich herum.

Welche Gründe gibt es noch für das Zögern mancher Betroffener?

Gerade viele jüngere Soldaten wollen gern Berufssoldaten werden – doch wenn eine psychische Erkrankung in der Gesundheitsakte eingetragen ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass das klappt, geringer. Ähnlich sieht es aus, bei Soldaten, die die Bundeswehr nach ihrer Dienstzeit verlassen wollen und Angst haben, dass sie nicht mehr in den angestrebten Beruf wechseln können.

Haben Einsatzgeschädigte und speziell PTBS-Erkrankte überhaupt eine Perspektive in der Truppe?

Ja, sie können wieder in den Dienst integriert werden – wenn sie das wollen. Für Betroffene gibt es zudem eine Schutzzeit, in der sie nur auf eigenen Wunsch versetzt oder entlassen werden können. Momentan betreue ich sieben Einsatzgeschädigte, die aber nicht alle in Fritzlar sind. Einige waren vorher an anderen Standorten tätig, sind aber nach Fritzlar gekommen. Hier ist es für sie einfacher mit der Anbindung nach Hause und zum Truppenarzt. Wenn der Grad der Einsatzschädigung 30 Prozent oder mehr beträgt, besteht auch die Möglichkeit, dass der Betroffene Berufssoldat werden kann. Das ist im Einsatz-Weiterverwendungsgesetz geregelt.

Und was ist mit ehemaligen Soldaten?

Die können von der Bundeswehr wieder aufgenommen werden und werden so sozial und medizinisch aufgefangen. Das wissen leider nicht alle Betroffenen. Als Bundeswehr-Angehörige stehen ihnen dann die komplette Heilfürsorge und die Beratung zu und sie bekommen natürlich auch wieder ihre Bezahlung.

Ansprechpartner

Für Bundeswehr-Angehörige, die unter PTBS leiden, sind Lotsen für Einsatzgeschädigte oft der Erstkontakt auf der untersten Ebene. Sie kennen die Ansprechpartner, wissen, welche Formulare ausgefüllt werden müssen und begleiten die Soldaten bei den Behördengängen. Das ist wichtig, weil viele Soldaten, die unter PTBS leiden, durch die Erkrankung antriebslos sind, so Kiebach.

Es gibt bei der Bundeswehr aber ein ganzes psychosoziales Netzwerk mit unterschiedlichen Stellen, an die man sich wenden kann. Dazu gehören beispielsweise die Militärseelsorge, der Sozialdienst, die Truppenärzte, der Berufsförderungsdienst und die Truppenpsychologen.

Unterstützung gibt es bei der Trauma-Hotline der Bundeswehr, Tel. 08 00 / 5 88 79 57.

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