Trübe Aussichten für Gastro

„Man fühlt sich verkaspert“: Hohe Kosten und Mehrwertsteuer belasten Gastronomie im Kreis Kassel

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Gestiegene Preise, Corona-Schließungen und eine bevorstehende Steuererhöhung: Die Gastronomie steht erneut unter Druck.

Kreis Kassel – Die durch die höheren Lebensmittel-, Energie- und Personalkosten ohnehin gebeutelte Branche muss ab 2024 wieder 19 statt sieben Prozent Mehrwertsteuer auf ihre Speisen erheben.

Auch Restaurant- und Hotelbetreiber im Kreis Kassel stoßen langsam an ihre Grenzen – so wie Kirsten Weiß, Inhaberin der Deutschen Eiche in Grebenstein. Sie gibt ihr Gasthaus zum Ende des Jahres auf. Der Grund: Schließungen wegen Corona und gestiegene Preise. Angesichts der 19-Prozent--Steuer schätzt Weiß: „In den nächsten fünf Jahren werden viele Betriebe kaputtgehen.“ Die Gastronomiebranche kränkelt ohnehin, die Aussichten sind schlecht, betont sie.

Dehoga warnt vor höherer Mehrwertsteuer in der Gastro

So kann’s nicht weitergehen für die Gastronomie- und Hotelbranche, findet Jörg Waßmuth, Inhaber des Restaurants Zum Schiffchen in Wolfhagen.

Von einer angespannten Stimmung bei Gastronomen spricht Lukas Frankfurth, Mitglied des Vorstands des hessischen Hotel- und Gastronomieverbands Dehoga sowie Inhaber des Parkhotels Emstaler Höhe. Man habe auf die Worte von Bundeskanzler Olaf Scholz vertraut, der vor der Kanzlerwahl versichert habe, die Mehrwertsteuer-Senkung nie wieder abzuschaffen. „Man fühlt sich verkaspert“, sagt er. Hinzu kämen die gestiegenen Kosten und die wachsende Bürokratie. Er geht davon aus, dass künftig weniger Menschen in der Branche arbeiten wollen. „Junge Menschen überlegen sich das fünfmal, ob sie einen Betrieb übernehmen.“

Tausende Existenzen sind gefährdet

Die Rückkehr zur Mehrwertsteuer in Höhe von 19 Prozent gefährde Tausende Existenzen und bedrohe die gastronomische Vielfalt, sagt Oliver Kasties, Geschäftsführer der Dehoga Hessen. Die notwendigen Preiserhöhungen treffen laut Kasties vor allem Normal- und Geringverdiener sowie die kleinen und mittelständischen Familienbetriebe. Schon während der Corona-Jahre 2020 und 2021 habe das hessische Gastgewerbe 2700 Betriebe verloren.

„Es ist eine Katastrophe“, sagt Jörg Waßmuth, Inhaber vom Hotel und Restaurant Zum Schiffchen in Wolfhagen, zur Steuererhöhung. Die Gastronomie sei „der Prügelknabe der Nation“. Viele Gastronomen werden ihre Preise erhöhen müssen, Waßmuth geht von einer Preissteigerung von 15 bis 30 Prozent aus.

Dehoga rechnet mit Umsatzverlusten

In einer etwas besseren Lage befindet sich Stefan Wambach, Inhaber vom Restaurant und Landhotel Zum Niestetal. Die höhere Mehrwertsteuer könne er vorerst durch Mehrarbeit und bessere Einkaufspreise ausgleichen. Eine Preiserhöhung von 13 Prozent, zum Beispiel beim Schnitzel, sei allerdings „ein Brocken“. Deshalb sehe er von einer Erhöhung erstmal ab. „Man muss seinen Gästen auch noch in die Augen schauen können“, sagt Wambach. Vor allem Familien würden sich künftig wahrscheinlich zweimal überlegen, ob sie essen gehen. Er betont: „Restaurants mit günstigen Gerichten bleibt nichts anderes übrig, als ihre Preise zu erhöhen.“

Aus Sicht des hessischen Hotel- und Gastronomieverbands Dehoga ist die Anhebung auf 19 Prozent keine gute Entwicklung; Tausende Existenzen würden gefährdet. „Die fatalen Folgen einer Wiederanhebung von sieben Prozent auf 19 Prozent haben wir immer wieder deutlich gegenüber den Entscheidern thematisiert“, schreibt Dehoga-Geschäftsführer Oliver Kasties auf Anfrage. Der Verband spricht von „dramatischen Umsatzeinbußen“, nicht nur bei den Gastronomie-Betrieben, sondern auch bei deren Partnern. Jobverluste und Betriebsaufgaben seien vorporgrammiert. Kasties betont, nur mit der niedrigeren Mehrwertsteuer ist es vielen bisher gelungen, die Preiserhöhungen nicht eins zu eins an die Kunden weiterzugeben.

Dehoga befürchtet: Keine höheren Steuereinnahmen trotz Steuererhöhung

Die Dehoga gibt zu bedenken: Die durch die Steuererhöhung erwarteten Mehreinnahmen könnten ausbleiben. Denn: Weniger Umsatz bedeutet auch weniger Steuereinnahmen. „Das Essen muss für unsere Gäste bezahlbar bleiben“, sagt Kasties. Vor allem im ländlichen Raum seien Restaurants, Kneipen und Cafés wichtige soziale Treffpunkte. Kritik äußert die Dehoga auch an der niedrigeren Mehrwertsteuer von sieben Prozent bei Essenslieferung oder -mitnahme, die im kommenden Jahr bestehen bleibt.

Das ist für viele Gastronomen schon seit langer Zeit unverständlich, sagt Jörg Waßmuth, Inhaber des Hotels und Restaurants Zum Schiffchen in Wolfhagen. „Wir hatten nie eine Steuergleichheit.“ Waßmuth, der seit 30 Jahren in der Branche tätig ist, belastet neben der Mehrwertsteuer vor allem die Energiekosten. „Sie sind mittlerweile doppelt so hoch.“ Das sei für die meisten Kleinbetriebe – wie Restaurants aber auch Fleischer und Bäcker – im Kreis ein Problem, weshalb einige auch schon aufgegeben hätten.

„Essen muss für unsere Gäste bezahlbar bleiben“

Sowohl die Gastronomie als auch die Hotellerie werden zunehmend unattraktiver und unsicherer, meint Waßmuth. Viele Restaurant-Betreiber könnten mittlerweile nicht mehr ausbilden, da ihnen einfach die Qualifikation dafür fehle – das sei ein „Knackpunkt des Facharbeitermangels“.

Auch Kirsten Weiß, die zum Ende des Jahres das Restaurant und Hotel Deutsche Eiche in Grebenstein schließt, litt unter den hohen Energiepreisen. Auch wenn es für die Eiche ab 2024 mit einem anderen Betreiber weitergeht, bewertet sie die Aussichten angesichts der steigenden Mehrwertsteuer und der ohnehin bestehenden Probleme für die Branche eher schlecht. „Ich sehe da kein Licht am Ende des Tunnels“, sagt Weiß. Dabei sei Essen gehen vor allem ein Genuss und gehöre zum sozialen Leben, weshalb auch für die Gäste die Preise bezahlbar sein müssten.

Kirsten Weiß weiß aber auch: Betriebe die in den letzten Jahren gut gewirtschaftet haben, haben natürlich einen längeren Atem. Die Gastronomie-Landschaft im Kreis Kassel sei mittlerweile ausgedünnt, meint Stefan Wambach vom Hotel und Restaurant Zum Niestetal. Mittlerweile gebe es nur noch etwa 20 „repräsentative“ Kollegen, vor einigen Jahren seien es deutlich mehr gewesen. Auch für die Kunden werde die finanzielle Lage nicht einfacher: „Die Gäste haben ebenfalls in den letzten zwei Jahren gelitten“, sagt Wambach. Er wolle sie trotzdem nicht verunsichern und erhöhe seine Preise voerst nicht. Ob das rentabel ist, wolle er dann nach drei Monaten prüfen.

Ignoriert das Land in der Hotellerie Nordhessen?

Auch im Hotelbereich mangele es an Unterstützung, sagt Jörg Waßmuth. Förderanträge sind oft mit hohem bürokratischen Aufwand verbunden und man muss in Vorleistung gehen, was viele nicht können, berichtet Jörg Waßmuth. Dabei soll der Tourismus in Nordhessen eigentlich vorangebracht werden, sagt Lukas Frankfurth, Mitglied des hessischen Dehoga-Vorstands und Inhaber vom Parkhotel Emstaler Höhe. Doch seit vielen Jahren gebe es zum Beispiel für eine Hotel-Renovierung keine Förderung in Hessen, anders, als etwa in Bayern. „Unsere Landesregierung sieht offenbar nur Südhessen“, findet Frankfurth. Dort sei die Hotel- und Gastronomie-Landschaft größer.

Angesichts der steigenden Mehrwertsteuer kritisiert Frankfurth vor allem die fehlende Planungssicherheit. Er habe auf die Versprechen der Politik, die Steuer nicht wieder zu erhöhen, vertraut. Bei größeren Feiern wie etwa Hochzeiten, die lange im Voraus geplant werden, bleibe er nun auf den Mehrkosten sitzen. Fotos: Natascha Terjung/Privat/Peter Dilling

Rubriklistenbild: © Paul Bröker

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