Lehrermangel

Schulamt Kassel sucht Lehrer für Grundschulen und Förderschulen

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Die Schülerzahlen im Amtsbezirk Kassel sind gestiegen. Nun braucht es auch mehr Lehrer.
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Gibt es in Stadt Kassel und Landkreis Kassel einen Lehrermangel? Die Gewerkschaft bejaht, das Schulamt sieht die Situation weniger ernst.

Kassel – Der Lehrermangel gilt als eines der größten Probleme des deutschen Schulsystems. Wie stark auch Stadt und Landkreis Kassel betroffen sind, darüber sind sich Schulamt und Gewerkschaft GEW allerdings uneinig. Annette Knieling, Leiterin des Schulamtes Kassel, teilt mit, dass die Personalsituation an den Schulen vergleichsweise gut ist. „Wir können den Grundunterricht mit vollausgebildeten Lehrkräften abdecken.“ Lediglich im Bereich der befristeten Beschäftigungsverhältnisse und im AG- oder Betreuungsbereich werde auch mit Studierenden oder Arbeitskräften gearbeitet, die keine Lehrerausbildung haben.

Die Gewerkschaft GEW widerspricht der Darstellung des Schulamtes. Christiane Stock von der GEW in Kassel teilt mit: „Die Situation ist auch im Schulamtsbereich Kassel prekär, besonders im Bereich der Grundschule.“ Aufgrund des Lehrermangels könne der Grundunterricht nicht komplett mit ausgebildeten Lehrkräften abgedeckt werden. Teils würden deshalb zum Beispiel Lehramtsstudierende, die ihr Referendariat noch nicht begonnen haben, langfristig den Unterricht einzelner Klassen übernehmen.

Schulamtsleiterin spricht nicht von Lehrermangel

Laut Schulamtsleiterin Knieling ist die Personalsituation an den Schulen in der Region nicht derart ernst, dass von einem Lehrermangel gesprochen werden kann. Dennoch sei bemerkbar, dass sich weniger Lehrkräfte im Schulamtsbezirk Kassel bewerben. Insbesondere an Förderschulen und an Grundschulen sei die Zahl der Lehrerinnen und Lehrer, die sich bewerben und auf der sogenannten Rangliste stehen, knapp. „Wir haben nicht mehr eine so große Auswahl wie früher. Wie in anderen Branchen ist es auch bei uns mittlerweile ein Arbeitnehmermarkt.“

Wäre die Bewerberlage eine bessere, hätte das Schulamt laut Knieling einige wenige Lehrkräfte mehr eingestellt, als das derzeit der Fall ist. „An einzelnen Standorten, insbesondere an Förderschulen, könnten wir noch weitere Lehrerinnen und Lehrer einstellen, wenn wir welche hätten“, sagt Knieling.

Dass die Stellen unbesetzt sind, ist aus Sicht der Schulamtsleiterin kein Grund zur Sorge. Dass es unbesetzte Stellen gibt, bedeute nicht, dass der Grundunterricht nicht abgedeckt werden könne. Teils sei es eine bewusste Entscheidung, Stellen freizuhalten. Damit solle gewährleistet werden, dass das Amt auch während des Schuljahres Bewerbern mit gefragter Fächerkombination eine Stelle anbieten könne. Wie viele unbesetzte Lehrerstellen es im Amtsbezirk gibt, teilt das Schulamt nicht mit.

Grund dafür, dass die Personalsituation an Schulen im Amtsbezirk Kassel noch vergleichsweise entspannt sei, ist laut Knieling auch, dass Kassel eine Universität hat, an der inzwischen alle Lehramtsstudiengänge angeboten werden.

GEW: Schulen sind auf Personen mit Lehrauftrag angewiesen

Die Gewerkschaft GEW bewertet die Situation dagegen ganz anders als die Schulamtsleiterin. Christiane Stock teilt gemeinsam mit anderen GEW-Mitgliedern mit: „Der Grundunterricht ist bei Weitem nicht komplett mit Lehrkräften abgedeckt. Da es seit längerer Zeit zu wenig ausgebildete Bewerberinnen und Bewerber gibt, ist der Schulbetrieb ohne die Personen mit Lehraufträgen nicht zu bewältigen. Lehraufträge sind befristete Arbeitsverträge mit unterschiedlich hoher Unterrichtsverpflichtung und werden abgeschlossen, um vorhandene Lücken zu schließen.“

Personen mit Lehraufträgen übernehmen laut GEW sowohl Unterrichtsstunden, die von vornherein aufgrund des Lehrkräftemangels nicht besetzt werden können oder füllen Lücken, die zum Beispiel durch Erkrankung oder Elternzeit entstehen.

Die Personen, die einen solchen Lehrauftrag übernehmen, seien üblicherweise nicht ausgebildet. Es handele sich beispielsweise um Lehramtsstudierende, die mit dem Referendariat noch nicht begonnen haben. „In Extremfällen kommt es auch vor, dass Studierende Klassenleitungen übernehmen“, sagt Stock über die Situation an Grundschulen.

Eine weitere Folge des aktuellen Lehrermangels ist nach Angaben der Gewerkschaft, dass Fächer wie zum Beispiel Musik und Kunst an Grundschulen „häufig fachfremd, also von Personen ohne die entsprechende faculta, unterrichtet“ werden. GEW-Mitglied und Lehrer Martin Gertenbach bestätigt zudem, dass auch an weiterführenden Schulen teils fachfremd unterrichtet wird. Er sagt: „Die Not diesbezüglich hin- und herzuschieben, ist real.“ So käme es beispielsweise vor, dass ein Mathelehrer gefragt werde, ob er Physik unterrichten könne. „Natürlich leidet darunter die Fachlichkeit des Unterrichts.“

Es fehlen besonders Grundschullehrer und Förderschullehrer

Einig sind sich Gewerkschaft und Schulamt darin, dass im Schulamtsbezirk derzeit insbesondere Grundschul- und Förderschullehrkräfte gefragt sind. Thomas Burger ist am Schulamt Kassel für die Förderschulen und den inklusiven Unterricht im Amtsbezirk zuständig. Wie für alle anderen Schulformen im Amtsbezirk gelte auch für den Förderschulbereich, dass der Grundunterricht abgedeckt sei, sagt Burger.

Doch sei die Gewinnung der Lehrkräfte mit vergleichsweise mehr Aufwand verbunden, da es nicht genug ausgebildete Förderschullehrkräfte in der Region gebe. „Wir fischen bei Lehrkräften anderer Schulformen mit Fächerkombinationen ab, für die es im Schulamtsbezirk keine Einstellungsmöglichkeiten gibt, weil die Fächerkombination nicht nachgefragt ist. Das ist klassischerweise zum Beispiel die Fächerkombination Deutsch und Politikwissenschaft“, sagt Burger.

Das bedeutet: Um Förderschul-Lehrkräfte zu gewinnen, bietet das Schulamt Lehrern, die eigentlich für den Unterricht an Gymnasien, Realschulen oder Hauptschulen ausgebildet worden sind, eine zweijährige Weiterbildung zum Förderschullehrer an. „In der Weiterbildung werden die Lehrer mit einer halben Stelle an einer Förderschule beschäftigt und mit einer halben Stelle werden sie durch die Lehrkräfteakademie weitergebildet zum Förderschullehrer.“

Eine solche Weiterbildung absolvieren laut Schulamt derzeit 19 Lehrer im Amtsbezirk. „So halten wir uns über Wasser“, sagt Burger. Ähnliche Maßnahmen gebe es auch, um Grundschullehrer zu gewinnen, sagt Annette Knieling.

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