Fußball-Europameisterschaft

Und vorne hilft der liebe Gott: Heimspiel für die Frankfurter Bethaniengemeinde

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Volles Haus beim Public Viewing in der Bethaniengemeinde im Wickenweg. Auch aus anderen Stadtteilen kamen Zuschauer in den Saal, natürlich in Schwarz-Rot-Gold.

Wieder kamen viele Besucher zum Public Viewing im Wickenweg.

Frankfurt -Es ist kurz vor halb acht. Am Frankfurter Stadion fährt der Mannschaftsbus der deutschen Nationalmannschaft ein. Draußen auf dem Hof der Bethaniengemeinde steht der Grill noch etwas schief. Das wird gleich gefixt. Man ist vorbereitet auf die Besucher. Um die 100 Würstchen sind heute im Einsatz, wenn aus dem Gemeindesaal wieder ein EM-Studio mit Live-Übertragung wird. Seit vielen Jahren machen sie die Veranstaltung schon. Ungezwungen mit anderen Fußball schauen, ein Würstchen, Bier oder Limo, mehr braucht es hier nicht.

Es hat sich herumgesprochen am Frankfurter Berg, hier ist der Ort wo geschaut wird. Alle Spiele der deutschen Mannschaft werden übertragen, möglichst bis ins Finale. Das ist nur möglich, weil die Kirche Rechte am Public Viewing hat. Diana und Ralph Holzhausen stehen am Grill, sie sind bei vielen Veranstaltungen der Kirchengemeinde dabei: „Heute morgen habe ich noch beim Gottesdienst im Chor gesungen, jetzt gebe ich Würstchen aus. Das passt.“ Sie gehört auch zum Vorbereitungsteam der Konfirmanden. An diesem Sonntag war sozusagen Großkampftag. Am Morgen gab es noch den feierlichen Konfirmationsgottesdienst. Da war frühes Aufstehen angesagt und Vorbereitungen für den großen Tag. Die Konfirmation ist vorbei, jetzt regiert König Fußball. Der lange Tag steckt einigen in den Knochen. Es ist noch eine Stunde bis zum Anpfiff. Pfarrerin Anne Kampf ist da, auch für sie ein langer Tag: „Das ist heute die Veranstaltung der Gemeindemitglieder, da bin ich nur Gast. Die Stunde bis zum Spiel nutze ich für Gespräche mit den Menschen.“ Sie freut sich, dass das Angebot, beim Fußball zusammen zu kommen, so gut angenommen wird: „Es gibt durchaus Schnittmengen mit den Besuchern des Public Viewing und der Gottesdienste. An einem Tag wie heute, Konfirmation, da ist die Kirche voll.“ Für viele ist der ehrenamtliche Einsatz für die Gemeinde selbstverständlich. „Mit den Kindern hat es angefangen. Seitdem gibt es eine starke Verbundenheit zur Gemeinde. Das ist ein Stück Heimat für meine Familie. Auch der älteste Sohn, jetzt 18, kommt gerne hier her“, sagt Ronald Herzog. Am Morgen war er noch der Kameramann des Gottesdienstes. Jetzt steht er im Deutschland-Trikot mit einem Würstchen in der Hand. Auch Gemeindevorstand Boris Straub war schon früh am Morgen im Einsatz. Grill aufbauen, Vorbereitungen treffen. Es freut ihn, dass das Angebot so gut angenommen wird: „Es ist ein niedrigschwelliges Angebot. Selbst die Katholiken aus dem Stadtteil kommen gerne her. Aus den persönlichen Begegnungen lassen sich viele praktische Probleme im Stadtteil lösen. Das ist das Tolle hier. Natürlich bin ich auch stolz, dass wir das hier mit so viel ehrenamtlichem Engagement hinbekommen. Und so ein ungezwungener Abend wie heute gehört auch dazu.“ Tochter Svenja engagiert sich auch in der Gemeinde. Dass hier gefeiert wird, liegt auch daran, dass im Stadtteil nicht so viele Alternativen bestehen: „Statt mit meinen Freunden in eine verrauchte Kneipe zu gehen, komme ich lieber hier her.“

Ingrid und Elmar Kynast sind aus Berkersheim hergekommen. Sie haben sich in Schwarz-Rot-Gold gehüllt: „Man trifft hier nette Leute, da kommen wir gerne her. Bei uns gibt es das nicht. Von uns aus kann es bis ins Finale gehen.“ Die netten Leute stehen mit ihnen beieinander, Thorsten Hellweg ist mit Frau und Tochter gekommen, hat davon auf einem Online-Portal gehört. „Das sind unsere Nachbarn. Das ist jetzt überraschend.“

Im Innern sind die Plätze mittlerweile gut gefüllt. Hymnen, Anstoß. „Nur eine einzige Frau ist bei der Nationalhymne aufgestanden“, stellt Rolf Trieschmann-Appuhn fest. Er wohnt seit 30 Jahren am Frankfurter Berg. „Ich finde es toll, dass es diese Veranstaltung gibt. Auch wenn ich heute nur zwei Leute kenne, man kommt ins Gespräch.“

Im Saal ist es unruhig, ein Tor will für die deutsche Mannschaft nicht fallen. Um 22 Uhr steht es noch 0:0, die letzte Runde am Grill wird ausgerufen. „Diese Wurst ist ein Segen“ prangt auf einem Aufkleber auf der Rückseite des Grills. Der Heilsbringer heißt am Ende Niklas Füllkrug. Mit seinem späten Ausgleichstor sorgt er dafür, dass der Abend aus sportlicher Sicht ein versöhnliches Ende nimmt. Das Public Viewing ist ein voller Erfolg; am nächsten Samstag steigt die nächste. Dann wollen sie am Wickenweg die Mannschaft möglichst weit tragen, über das Achtelfinale hinaus. Damit das Feiern weitergehen kann. Hans Hofele

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