VonBea Rickenschließen
In Ländern, wo Pressefreiheit ein Fremdwort ist, sendet Radio Free Europe ein Signal der Hoffnung. Durch die Verbreitung unzensierter Nachrichten und die Förderung offener Debatten, beleuchtet der Sender die Bedeutung europäischer Werte. Die Initiative zeigt auf, wie Demokratie und Freiheit im Alltag europäischer Gemeinschaften gelebt werden. Beispiel: Ein kleines Krankenhaus auf dem Land.
Wolfhagen – Von Russland verfolgte Journalisten filmten jetzt den Alltag in der Wolfhager Klinik, um unterdrückten Menschen in Ostblockstaaten europäische Werte begreifbar zu machen. Das Fernsehteam Geflüchteter aus Russland und der Ukraine war zwei Tage vor Ort. Sie sind Mitarbeiter von Radio Free Europe (Radio freies Europa) und ihre Mission ist brandgefährlich: Seit der Gründung des Senders in den 1950er-Jahren werden Journalisten, die in den Büros der 22 Länder arbeiten, bedroht und einige sogar ermordet, weil sie westliches Gedankengut in den Ostblock transportieren. Seit Russlands Angriff auf die Ukraine hat sich die Situation weiter verschärft.
Es war Zufall, dass der Sender auf die Klinik aufmerksam wurde. Filmproduzentin Oleksandra Selygenenko aus dem Büro von Radio Free Europe in Kiew hatte nach Kriegsbeginn mit ihren Eltern Zuflucht in Wolfhagen gefunden. Der Vater konnte sich wegen eines beidseitigen Hüftschadens kaum fortbewegen. Michael Schacht, Chefarzt der Orthopädie und Unfallchirurgie, ersetzte beide Hüften durch Prothesen. Zum größten Erstaunen der Tochter, die es nicht fassen konnte, dass ein solcher Eingriff in einem kleinen, ländlichen Krankenhaus gemacht wird und nicht in einer Klinik in der Großstadt.
Sie erzählte ihren Kollegen von dieser Erfahrung und mit Unterstützung von Heiko Weiershäuser vom Förderverein der Klinik wurde der Kontakt zum Kreis hergestellt, der die Dreharbeiten genehmigte. Während Selygenenkos Eltern in Wolfhagen geblieben sind, lebt sie inzwischen in Riga, wo sie mit ihrer Kollegin Anna Rudikova bei dem Sender in der lettischen Stadt arbeitet. Rudikova stammt aus Sankt Petersburg in Russland und arbeitete dort in einer Filiale von Radio Free Europe. Mit dem Beginn des Krieges gegen die Ukraine musste sie, wie viele unabhängige Journalisten, flüchten. In der Kreisklinik wurden die Frauen und ein weiterer Kameramann aus der Ukraine mit offenen Armen aufgenommen. „Es ist eine Freude mit Menschen zusammenzuarbeiten, die ihre Stadt und ihre Patienten mit ganzem Herzen lieben und sich konsequent für ihre Interessen einsetzen. Sie sind aufmerksame und einfühlsame Fachleute“, sagt Oleksandra Selygenenko. Empathie, die Freundlichkeit der Mitarbeiter und das Miteinander der Kollegen hätten sie und ihre Kollegen schwer beeindruckt. Ebenso das Essen mit Bioprodukten der Klinikküche, das sie während einer Drehpause probieren durften. Das Fernsehteam sprach mit Ärzten, Schwestern und Patienten, drehte auf den Stationen und in der Physiotherapieabteilung. „Wir zeigen in unseren Dokumentationen im Internet, wie europäische Werte gelebt werden“, erklärt Regisseurin Anna Rudikova. Zum Beispiel wie gute Medizin in einer kleinen Klinik praktiziert werde. Weil es in Wolfhagen viele Geflüchtete gebe, habe dies zusätzlich für die Wahl der Stadt gesprochen.
Eine vorherige Dokumentation hat beispielsweise Demonstrationen in Deutschland gezeigt. „Die Menschen aus Russland und anderen unterdrückten Staaten schauen sich unsere Beiträge an und begreifen, wie Demokratie tickt und das diese Welt für sie erstrebenswert sein kann“, erklärt Rudikova.
Die Mission von Radio Free Europe/ Radio Liberty (RFE/RL) ist es nach eigenen Angaben, „demokratische Werte durch die Bereitstellung präziser, unzensierter Nachrichten und offener Debatten in Ländern zu fördern, in denen die freie Presse bedroht und Desinformation allgegenwärtig ist. RFE/RL berichtet die Fakten, unbeeindruckt vom Druck.“ Während RFE/RL während des Kalten Krieges historisch für seine Radiosendungen hinter dem Eisernen Vorhang bekannt gewesen sei, versuche RFE/RL heute, das Publikum dort zu erreichen, wo es ist, und setze dabei auf digitale Plattformen und innovative Strategien zur Umgehung der Zensur.
Der Rundfunkveranstalter, der in 26 Sprachen für Hörer in 22 Ländern produziert, wurde von dem Nationalkomitee für ein freies Europa in Amerika gegründet. Von 1995 bis 2009 war die Hauptgeschäftsstelle in München.
Seit Beginn des russischen Angriffskrieges berichtet RFE/RL täglich über die Entwicklungen in der Ukraine in Rundfunk, Fernsehen und sozialen Medien. Vor Kurzem hat der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski den Korrespondenten des Radiosenders einen Verdienstorden verliehen.
Der Sender gilt in Russland als „unerwünschte Organisation“ und hat damit einen illegalen Status. ewa
(Bea Ricken)


