Interview

Streitgespräch zur Rente: „Eine Frechheit“ – „Alt und Jung nicht ausspielen“

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Die Bundesregierung will das Rentenniveau bis 2031 stabil halten, ebenso die Beiträge. Politik auf Kosten der Jungen oder wichtiger Schutz vor Altersarmut? Darüber streiten Jenny Huschke (DGB Nordhessen) und Benjamin Bähre (Junge Liberale Kassel).

Kassel - Etwa 22 Millionen Rentnerinnen und Rentner leben aktuell in Deutschland, die damit mehr als ein Viertel der Bevölkerung ausmachen. Ihr Anteil, da sind sich Demografen einig, wird in den kommenden Jahrzehnten rasant steigen – im Gegensatz zur Zahl der Erwerbstätigen. Die Frage ist: Wie kann unter diesen Umständen die gesetzliche Rentenversicherung, immerhin die zentrale Säule der Altersvorsorge, zukunftsfest gemacht werden? Vor dem Hintergrund der laufenden Rentendebatte sprachen wir darüber mit der nordhessischen DGB-Chefin Jenny Huschke und dem Kasseler Vorsitzenden der Jungen Liberalen (Julis), Benjamin Bähre.

Sind sich politisch uneins – vor allem beim Thema Rente: Benjamin Bähre von den Jungen Liberalen (Julis) Kassel und die nordhessische DGB-Chefin Jenny Huschke während ihres Streitgesprächs bei der HNA.
Frau Huschke, Herr Bähre, was erwarten Sie mit Blick auf Ihre eigenen Altersbezüge, wenn Sie in Rente gehen?
Jenny Huschke: Ich erwarte, dass es für ein gutes Leben reicht. Ich lebe mit meiner Familie, war aber immer darauf bedacht, durch eine weitgehend ununterbrochene Erwerbsbiografie eine eigenständige Existenz in der Rente zu sichern. Dabei habe ich meist in Vollzeit gearbeitet und auch betrieblich vorgesorgt. Es liegen aber noch viele Jahre vor mir, damit es passt.
Herr Bähre, Sie sind 17 Jahre alt, haben Ihr Berufsleben noch vor sich. Sind Sie auch so optimistisch?
Benjamin Bähre: Ich mache mir keine Illusionen. Ich glaube, dass mich und viele andere keine vernünftige Rente erwarten wird. Wohnungen kosten im Schnitt 800 Euro im Monat. Wenn es schlecht läuft, zahle ich auf meine Rente auch noch Steuern. Da mache ich mir durchaus Sorgen, ob es für ein gutes Leben reicht.

Zu den Gesprächspartnern

Jenny Huschke (49) ist seit 2018 Geschäftsführerin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Nordhessen. Nach ihrer Ausbildung arbeitete die gebürtige Dresdenerin zunächst als Sozialpädagogin. Für den DGB ist sie seit 2006 tätig und derzeit zudem Vorsitzende des Kreisverbands Kassel. Huschke lebt mit ihrer Familie in Schauenburg.

Benjamin Bähre (17) ist Vorsitzender der Kasseler Julis, der Jugendorganisation der FDP. Er besucht die Jacob-Grimm-Schule, wo er 2027 sein Abitur machen will. Bei den Julis ist Bähre seit 2022 aktiv, unter anderem als Schatzmeister. Der gebürtige Kasseler lebt in der Südstadt.

1986 sagte der damalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU): „Die Rente ist sicher.“ Wie sicher ist die Rente im Jahr 2025 und in den nächsten Jahrzehnten noch?
Huschke: Ich würde sagen, die gesetzliche Rente ist heute sicher, weil sich die aktuelle Koalition im Bund darauf verständigt hat, das Rentenniveau bei 48 Prozent bis zum Jahr 2031 zu stabilisieren. Wie es danach weitergeht, hängt an der Entscheidung, es dauerhaft zu stabilisieren. Und auf mindestens 50 Prozent anzuheben, wie wir beim DGB fordern. Viele Faktoren beeinflussen den eigenen Rentenanspruch: Wie habe ich am Arbeitsmarkt teil? Wie lange und zu welchen Bedingungen arbeiten wir? Die gesetzliche Rentenversicherung ist für uns die stabile Säule, weil davon die meisten Menschen profitieren.
Niedrige Löhne, Teilzeit und Lücken im Erwerbsleben führen zu geringen Rentenansprüchen. Das Foto zeigt einen DHL-Boten bei der Zustellung eines Pakets.

Rente in Nordhessen: „Auf die gesetzliche Rentenversicherung kann ich mich nicht verlassen“

Die Gewerkschaften kämpfen schon lange Zeit für ein stabiles Rentenniveau. Aber was ist mit den Menschen, die nicht nach Tarifvertrag, sondern zum Mindestlohn arbeiten?
Huschke: Machen wir uns nichts vor: Wer ein Leben lang Mindestlohn verdient, kommt auf eine Rente, die man gerade so als armutsfest bezeichnen kann. Laut Statistischem Bundesamt lag die Armutsgrenze im letzten Jahr bei 1.378 Euro für eine alleinstehende Person. Eine Rente mit 45 Entgeltpunkten beträgt 1.473 Euro netto. Das sind knapp 100 Euro mehr. Auf entsprechende Versicherungszeiten muss die Person aber erstmal kommen. Neben der Unterbrechung von Erwerbsbiografien geht es natürlich um die Höhe der Entgelte. Daher streiten wir für mehr Tarifbindung.
Herr Bähre, Ihre Partei, die FDP, sagt, die Finanzierung der Rente werde auf die lange Bank geschoben. Können sich junge Menschen noch auf die gesetzliche Säule verlassen?
Bähre: Ich habe das Gefühl, dass unsere Generation sehr häufig gefragt wird, wenn es darum geht, etwas zu bezahlen. Die aktuelle Rentendebatte ist ein gutes Beispiel. Die Festigung bei 48 Prozent ist befristet. Für meine Altersgruppe heißt das, wir zahlen mehr und haben am Ende vielleicht gar nichts davon. Ich bin ein optimistischer Mensch, aber auf die gesetzliche Rentenversicherung kann ich mich nicht verlassen. Deswegen werde ich auf jeden Fall zusätzlich privat vorsorgen.
Münzen liegen auf einer Renteninformation der Deutschen Rentenversicherung. (zu dpa: «Studie: «Aktivrente» bringt moderates Plus für Arbeitsmarkt»)
Einige sagen, die Berliner Beschlüsse seien ein Wahlgeschenk an Rentner, die besonders oft für Union und SPD gestimmt haben. Sehen Sie das auch so?
Bähre: Dem kann ich nur zustimmen. Die älteren Menschen sind die größte Wählergruppe in Deutschland. Dass CDU und SPD Politik für diese Generation machen, ist parteitaktisch naheliegend, aber aus der Sicht meiner Generation eine absolute Unverschämtheit. Statt Generationenkonflikte zu vermeiden, werden neue geschürt. Auch beim Losverfahren für die Bundeswehr ist das so. Natürlich ist es eine Frage von Solidarität, dass diejenigen, die breitere Schultern haben, auch ein bisschen mehr tragen können. Aber diese einseitige Politik auf Kosten der Jungen geht überhaupt nicht. Das kostet Vertrauen in Politik – in einer Gesellschaft, die ohnehin schon polarisiert ist.
Frau Huschke, wie stehen Sie zu diesen Vorwürfen?
Huschke: Ich würde differenzieren. Ich gehe mit in der Frage: Wo bleibt die junge Generation? Hier kommt es entscheidend auf Teilhabe und Bildung an, von der Kita über die Schule bis hin zu einer guten Berufsausbildung. Denn das schafft die Basis, auf der eine Erwerbsbiografie aufbaut. Bei der Rente wird ein Generationenkonflikt inszeniert, wo er nicht sein sollte. Die Rentnerinnen und Rentner von heute haben ihre Ansprüche auch erarbeitet. Das ist kein Wahlgeschenk. Die Frage ist doch: Wie stellen wir sicher, dass Menschen, die in 50 Jahren in Rente gehen und sich keine fette private Vorsorge leisten können, gut leben? Da sage ich klar, die gesetzliche Säule darf nicht ausgehöhlt werden.
Streiten über die Rente: Jenny Huschke (DGB) und Benjamin Bähre (Julis) beim Interview mit der HNA.
Sie sprechen von einem inszenierten Konflikt, aber junge Menschen äußern auch in Umfragen das Gefühl, außen vor gelassen zu werden.
Huschke: Bei Themen wie der Wiedereinführung der Wehrpflicht oder Corona-Auswirkungen kann ich das nachvollziehen. Bei der Finanzierung der Sozialsysteme ist die zentrale Frage: Woher soll das Geld kommen? Da sind wir auch bei Steuerpolitik. Wir sagen: Ganz hohe Einkommen, Vermögen und Erbschaften müssen mehr beitragen. Aber da will in Deutschland niemand so recht ran, was auch die OECD seit Jahren kritisiert. Dabei ist die arbeitende Mitte, was die Steuern und Sozialabgaben angeht, überproportional belastet.
Herr Bähre, die Abgabenlast ist Ihnen auch ein Dorn im Auge, oder?
Bähre: Diejenigen, die in unserem Land jeden Morgen aufstehen und arbeiten gehen oder sogar Arbeitsplätze schaffen, zahlen bereits viel zu hohe Steuern und Abgaben. Da geht es auch um kleine kleine und mittlere Unternehmen, viele davon sind familiengeführt. Wenn Sie sagen, Frau Huschke, man müsse vor allem auf die Einnahmeseite schauen, dann kommt mir das etwas zu kurz. Es kann nicht immer nur um Steuererhöhungen gehen. Der Staat hat viel zu oft kein Einnahme-, sondern ein Ausgabeproblem.
Huschke: Ich habe nicht gesagt, dass Unternehmen mehr Steuern zahlen sollen. Es ging um die Besteuerung wirklich hoher Einkommen, Vermögen und Erbschaften. Das sind nicht die normalen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.
Haben sich auf Rentenpaket geeinigt: (von links) Markus Söder (CSU), Friedrich Merz (CDU), Bärbel Bas (SPD) und Lars Klingbeil (SPD). Abgeordnete der Jungen Union jedoch drohen, die Beschlüsse im Bundestag zu blockieren.
Zurück zur Rente. Welche Alternativen gibt es, wenn das gesetzliche System an die Grenzen kommt?
Bähre: Wir haben die Möglichkeit, eine dritte Säule hinzuzufügen, die kapitalgedeckte Säule. Schweden hat eine umfassende Aktienrente eingeführt – als sozialdemokratisch geprägtes Land. Heute ist klar, das funktioniert. Ich bin überzeugt, dass sich die Renten auf diese Weise stabilisieren oder sogar erhöhen lassen. Sie brauchen sich nur die Erträge von Aktienfonds wie dem MSCI World über zehn, 20 Jahre anzusehen.
Huschke: Da bin ich skeptisch. Wie stabil Aktienmärkte sind, haben wir gesehen, als Trump mit seiner Zollpolitik kam. Viel wichtiger ist: Die Superreichen in unserem Land werden immer reicher, die mit wenig Geld und keinerlei Reserven immer zahlreicher. Vor allem für sie muss die gesetzliche Rente verlässlich bleiben. Sie ist ein zentrales Versprechen des Sozialstaates, übrigens auch im Falle von Erwerbsminderung.
Herr Bähre, finden Sie nicht auch, dass der Staat dieses Versprechen abgeben sollte, das auch für die gilt, die heute jung sind?
Bähre: Ich würde gerne daran glauben, aber es wird rein demografisch nicht funktionieren. Schon bald kommt ein Arbeitnehmer auf einen Rentner. Das kann sich keiner mehr leisten. Und wenn ich Friedrich Merz oder Lars Klingbeil höre, die diese warme Politik für Rentner machen, aber gleichzeitig eine Eiseskälte für unsere Generation an den Tag legen, dann sehe ich da wirklich einen Generationenkonflikt.
… den Sie bezweifeln, Frau Huschke.
Huschke: Ich bin Mama und Bonus-Oma und ich mache mir natürlich Gedanken, was unsere Kinder an Rente zu erwarten haben. Ich sehe aber weniger einen Generationen- als einen Verteilungskonflikt. Die untere Hälfte der Bevölkerung besitzt nur ein Prozent des gesamten Vermögens, die oberen zehn fast 60 Prozent. Da wird es mit privater Altersvorsorge, die zum Leben reicht, schwierig. Genau deshalb ist die gesetzliche Rente als Solidarsystem so wichtig.
Die Zahl der Rentner und Senioren wächst: Wie hier in Borken (NRW) stellen ältere Menschen einen wachsenden Anteil an der Bevölkerung dar.
Herr Bähre, würden Sie dem zustimmen?
Bähre: Den Solidargedanken teile ich. Aber wo bleibt die Solidarität mit den Jungen? Gerade wurden eine Billion Euro neue Schulden für Infrastrukturen und Verteidigung gemacht. Bezahlen müssen es künftige Generationen. Ich finde, das ist eine Frechheit.
Frau Huschke, die Gewerkschaften handeln mit den Unternehmen Tarifverträge aus. Sind die angesichts der handfesten Krise aktuell überhaupt in der Lage, höhere Löhne zu zahlen, die wiederum der Rentenkasse helfen?
Huschke: Die Lage ist in einigen Branchen schwierig, in unserer Region gerade auch in der verarbeitenden Industrie. Diese Transformation zu gestalten und qualifizierte Arbeitsplätze zu erhalten, ist unser Ziel. Klar ist aber: Wo die Entgelte gut und Arbeitsbedingungen attraktiv sind, steigen auch Zufriedenheit und Produktivität der Beschäftigten.
Bähre: Aber da kann man doch nicht mit höheren Unternehmenssteuern kommen! Unternehmer brauchen Innovation und Freiräume, um Löhne erhöhen zu können, nicht mehr Regulierung und Bürokratie.
Zum Schluss eine Frage, in der Sie sich vielleicht einig sind. Was halten Sie von der Mütterrente?
Huschke: Erziehungszeiten und Sorgearbeit müssen anerkannt und aufgewertet werden. Die Mütterrente muss jedoch über Steuern und nicht aus Beiträgen finanziert werden. Also ist sie ein Wahlgeschenk nach Bayern. Sie zementiert tradierte Rollenbilder wie das des Alleinverdiener-Haushaltes und wird von uns allen mitbezahlt.
Bähre: Fünf Milliarden Euro für die Mütterrente sind ein teures Geschenk an Markus Söder. Das mag gut gemeint sein, ist aber überhaupt nicht bezahlbar. Außerdem braucht es mehr Frauen am Arbeitsmarkt –  auch für die Finanzierung der Rente.

Rubriklistenbild: © Foto: Daniel Seeger

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