- VonKim Luisa Engelschließen
Butzbach - Seit Mitte August sind die archäologischen Grabungen im Ostheimer Neubaugebiet Am Römerberg fertig. Über 900 Funde kamen ans Licht, die ältesten sind über 7000 Jahre alt. Die Funde liefern den Archäologen aber nicht nur Antworten, sondern werfen auch Fragen auf.
Mit dem blau-karierten Tuch bedeckt, erinnert der lange Tisch an eine Picknick-Tafel. Doch statt Häppchen liegen darauf Scherben aus Keramik. Kleine, große, fast schwarz gefärbte, dunkel- oder hellbraune Scherben. Sie sind Teil von über 900 Funden, die Archäologen auf 2,6 Hektar im Ostheimer Neubaugebiet Am Römerberg gemacht haben. Mitte August sind sie nach etwas mehr als einem Jahr fertig geworden.
Die Ergebnisse stellte Kreisarchäologe Jörg Lindenthal jetzt mit Vertretern des Projektentwicklers Inikom, der Grabungsfirma Wiba, der Hessen-Archäologie (Landesamt für Denkmalpflege Hessen) und der Stadt Butzbach vor.
„Hier haben wir den tollsten Blick“, sagt Sabine Schade-Lindig, stellvertretende Landesarchäologin, und zeigt auf den Hausberg. „Das fand man früher auch schon schön.“ Früher, genauer gesagt, vor über 7000 Jahren. Da beginnt nämlich die nachweisbare Besiedlung im Bereich des Neubaugebiets. „Hier ist alles voll mit Archäologie. Ich bin froh, dass wir so viel retten konnten“, sagt Schade-Lindig.
Die älteste Scherbe stammt etwa aus 5600 v. Chr. und ist der Linearbandkeramik zuzuordnen, sagt Bärbel Ruhl, Grabungsleiterin der Wiba. Das Team um sie und Lindenthal stellte Hausspuren der frühjungsteinzeitlichen Kulturstufe der Bandkeramiker fest. In dieser Zeit siedelten sich erstmals Menschen in der Wetterau an, die Ackerbau und Viehzucht betrieben. Die Scherben könnten von Werkzeugen, Gebrauchsgefäßen, Kochgeschirr oder Grabbeigaben stammen.
Butzbach, sagt Lindenthal, hat eine sehr gute Anbindung. Und hatte diese schon immer. „Es ist heute noch Boomtown und war es schon immer.“ Ein weiterer Grund, warum es so viele „Archäologie-Hotspots“ in der Wetterau gebe, seien die besten Lehm- und Lössböden. „Deswegen kamen zu jeder Zeit Menschen hierher, das spiegelt sich auch in den Fundstellen wider“, sagt er.
NEUBAUGEBIET
Wo Ausgrabungen auf wirtschaftliches Interesse stoßen, läuft nicht immer alles reibungslos“, sagt Heiner Geißler von der Inikom. Trotzdem habe die Zusammenarbeit aller Beteiligten gut funktioniert. Fast eine Million Euro hat die Inikom für die Grabungen aufgewendet und einen Teil davon auf den Grundstückspreis umgelegt. „Der liegt bei 319 Euro pro Quadratmeter“, sagt Geißler. Dafür sei das Neubaugebiet „fix und fertig und voll erschlossen“. Noch seien Grundstücke zu haben.
Kreisarchäologe Jörg Lindenthal sagt, dass die archäologischen Arbeiten gut in den Ablauf der Erschließung hätten eingepasst werden können. Das Bauunternehmen Hinterlang hätte mitgespielt. „Das kostet Geld, das ist klar“, sagt Lindenthal. „Archäologie ist immer noch viel Handarbeit.“ keh
Weitere Spuren und Teile von Hausgrundrissen können der mittleren Jungsteinzeit zugeordnet werden - der Rössener und Großgartacher Kultur. „Eine Siedlung der Rössener Kultur wurde auch bei Grabungen auf dem Gelände des Rewe-Logistikzentrums in Berstadt gefunden“, sagt Lindenthal. „Dann überspringen wir hier mehrere Tausend Jahre in die Bronzezeit.“
Der Fokus der Grabungen in Ostheim lag aber auf Strukturen der Eisenzeit. Die kleinen Punkte, die auf den Plakaten über die Funde eingezeichnet sind, stellen die Pfosten der Hausgrundrisse dar. Lindenthal bezeichnet die Funde als „absolut wertvoll“, da solche in Hessen bis dato selten sind. „Dem müssen wir nachgehen.“
Vor weitere - bisher ungelöste - Rätsel stellen die Archäologen auch mehrere Feuergruben, die in Ostheim zum Vorschein gekommen sind. Das sind Gruben, in denen viele Steine liegen. Sieben Stück sind ausgegraben, weitere werden per Geomagnetik angezeigt. „Solche Gruben gibt es in Hessen selten. Die Frage ist, was steckt dahinter?“, sagt Lindenthal. Eine Möglichkeit: Es könnte sich um Gargruben handeln. „Aber es wurde kein Kochgeschirr gefunden“, sagt Ruhl. „Klar ist, hier hat Feuer gebrannt.“ Das sei an der orangefarbenen Erde drumherum zu erkennen. Diese sei tonhaltig und durch die Hitze „verziegelt“. Zudem seien Steine verplatzt und Holzreste gefunden worden.
Während der Ausgrabungen hätten die Archäologen gescherzt, ob in der Eisenzeit eine Art Oktoberfest in Ostheim stattgefunden habe - oder wofür seien die vielen Feuergruben? „Oder gehören sie vielleicht zu jeder Siedlung und man hat sie bis jetzt nur noch nicht entdeckt?“, fragt Jörg Lindenthal.
Zudem konnten zwei Bestattungen nachgewiesen werden: Ein Hockergrab aus der Jungsteinzeit und eine, wie Lindenthal sagt, metallzeitliche „Sonderbestattung“. Ein Skelett ist in einer sogenannten Kegelstumpfgrube gefunden worden, welche zum Beispiel als Getreidespeicher diente. „Wir haben 50 bis 60 solcher Gruben in Ostheim gefunden, in einer war das Grab“, sagt Ruhl. Das spreche für eine Sonderbestattung, für die es viele Erklärungen geben könnte. Lindenthal überlegt: „Gab es Streit oder Seuchen, gab es keine finanziellen Mittel für eine Bestattung, wollte man den Toten entsorgen?“ Viele Fragen, auf die es - noch - keine Antworten gibt.



