VonKathrin Rosendorffschließen
Eine Expertin für Einzelhandelsflächen glaubt: Die Zeil wird auch in 30 Jahren eine Haupteinkaufsstraße sein. Aber was früher funktionierte, zieht nicht mehr.
Aniko Korsos ist Expertin für die Vermietung von Einzelhandelsflächen beim Immobilienberater JLL in Frankfurt. Im Interview spricht die 41-Jährige über die Veränderungen und Neuvermietungen auf der Zeil.
Die Zeil ist aktuell sehr im Umbruch. Traditionsläden wie Karstadt oder die Schuhkette Görtz haben die Zeil verlassen. Der Herrenausstatter Eckerle schließt 2024, dort geht der Sneakerladen Snipes rein. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation, Frau Korsos?
Die Zeil ist seit Jahren im Wandel. Viele Veränderungen sehen wir sehr positiv. Es gibt viele Neuvermietungen. Das ehemalige Esprit-Haus, wo momentan eine Interimslösung mit Popup-Stores im Erdgeschoss und oben die Ausstellung „The Art of Banksy“ zu sehen ist, soll jetzt neu und fest vermietet werden. Da laufen gerade fortgeschrittene Verhandlungen. Da ist was Schönes geplant. Das Gebäude wird innen revitalisiert und die Außenfassade neu gemacht. Dass aber ein Einzelhändler wie früher Esprit auf vier oder fünf Etagen Waren verkauft, funktioniert nicht mehr. Maximal zwei oder drei Stockwerke werden in Gebäuden künftig für Einzelhandel genutzt. Die Obergeschosse werden in Büroflächen sowie anderer Nutzungen – wie Freizeit, Event oder Hotelflächen – umgewandelt.
Was ist sonst geplant?
Der ehemalige Karstadt ist neu vermietet, dort eröffnet im Oktober der Aachener Department Store offiziell. Es ist gut, dass wir ein neues Warenhaus bekommen, doch natürlich bleibt abzuwarten, wie es sich entwickelt. Aber grundsätzlich sehe ich das positiv. Der ehemalige Görtz an der Konstablerwache ist auch neu vermietet. Hier zieht SportScheck nächstes Jahr rein. Er zieht von der Schäfergasse um, weil er eine Lageverbesserung möchte. Die Schäfergasse ist sicher keine schlechte Lage, aber als Seitenstraße der Zeil war sie für SportScheck nicht prominent genug.
Was ist mit der spanischen Modekette Bershka, die zieht nach zehn Jahren nun Ende des Jahres aus MyZeil aus. Warum? Der Laden ist doch sehr beliebt bei jungen Leuten.
Der Mietvertrag läuft Ende des Jahres aus, und dort hat jetzt der britische Händler JD Sports das Rennen gemacht. Bershka will aber in Frankfurt bleiben und sucht aktuell eine neue Fläche auf der Zeil. Auch für den geschlossenen Laden von Vodafone laufen Gespräche mit einem Nachmieter. Auch Vodafone will auf der Zeil bleiben, nur wahrscheinlich auf reduzierter Fläche.
Was ist mit dem ehemaligen Zara an der Konstablerwache, der seit Beginn der Pandemie leersteht? Die Häuserreihe sieht verwaist und unschön aus.
Das Haus sieht so leer aus, weil dort fast alle Mieter ausgezogen sind, es laufen aber aktuell Verhandlungen für Neuvermietungen. Da wird sich was tun. Bei allen Flächen auf der Zeil, sofern sie gut nutzbar sind, gibt es rege Nachfrage und Verhandlungen. Wir haben die Veränderung auf der Zeil immer mit ein wenig Sorge gesehen, weil wir wussten, dass dort Neues entsteht. Es dauert einfach eine Weile, bis Veränderungen angeschoben werden. Auch da es ein hohes Investment für die Eigentümer ist, wenn Umnutzungen umgesetzt werden müssen. Aber wir machen uns um die Zeil überhaupt keine Sorgen: Sie wird als Haupteinkaufsstraße auch noch in 30 Jahren weiter funktionieren.
Aber die Leute kaufen seit der Pandemie vermehrt online. Hat die Zeil wirklich noch eine Chance?
Der im Sommer auf der Zeil eröffnete Zalando Outlet ist das perfekte Beispiel, dass die Leute eben nicht nur online kaufen. Zalando war als reiner Online-Anbieter gestartet. Sie eröffnen aber deutschlandweit immer mehr Läden: Reine Online-Händler verlieren, das zeigen Untersuchungen, was die Marge betrifft. Die Händler, die aber on- und offline verquicken, das sind die Gewinner. Auch bei anderen Läden wie Zara kann man beispielsweise mittlerweile online bestellen und die Ware im Laden abholen oder auch umtauschen. Sie ziehen sich so den Onlinekäufer wieder in den Laden.
Das ist das Konzept der Zukunft. Und wenn man sich die Frequenzen auf der Zeil anschaut, sind sie fast wieder auf dem Niveau von vor der Pandemie. Die Leute wollen wieder in die Stadt gehen. Aber sie kommen nicht mehr, weil sie ein weißes T-Shirt kaufen oder acht Stunden Powershopping machen wollen. Die Menschen wollen auch essen, ins Kino gehen, etwas erleben. Man muss den Leuten etwas bieten, damit sie in die Innenstadt kommen.
Interview: Kathrin Rosendorff

