Rhein-Main-Link: Amprion hat Projekt vorgestellt / Standorte der Konverter noch ungewiss
Main-Taunus-Kreis. Der Gesprächsbedarf war groß, die Amprion-Mitarbeiter im gedrängt vollen Bürgerhaus Marxheim wurden mit Fragen gelöchert. Am Mittwoch informierte der Netzbetreiber über die Höchstspannungsleitung „Rhein-Main-Link“. Die Planer haben den Bereich, wo die Trasse für die Erdkabel verlaufen soll, deutlich eingegrenzt. Auf die von vielen Besuchern wichtigste Frage jedoch, wo die beiden riesigen Konverterstationen gebaut werden, gab es noch keine eindeutige Antwort. 22 mögliche Standorte schlägt Amprion vor (siehe Übersichtskarte) . Mehr Klarheit gibt es erst am 30. Juni. Dann stellt das Unternehmen den Antrag auf Planfeststellungsbeschluss bei der Bundesnetzagentur, und bis dahin will Amprion zwei oder drei Favoriten identifiziert haben.
Die Umspannanlagen in Marxheim und Kriftel benötigen je einen Konverter, der Gleichstrom in Wechselstrom umwandelt. Diese müssen jedoch nicht in unmittelbarer Nähe stehen. Jede dieser Stationen ist rund zehn Hektar groß, also 100 000 Quadratmeter. Das entspricht der Größe von 14 Fußballfeldern. Die Gebäude sind auch weithin sichtbar: Sie ragen bis zu 25 Meter empor und haben damit Hochhaus-Qualität.
Sorge um wertvolle Böden
Hofheims Erster Stadtrat Daniel Philipp (Grüne) ist überhaupt nicht amüsiert ob der potenziellen Standorte bei Langenhain und südlich des Sportparks Heide. „Das geht dort gar nicht. Beide Areale sind im Regionalen Flächennutzungsplan als Vorranggebiete Landwirtschaft beziehungsweise Grünzug ausgewiesen“, so Philipp. Er könne nur hoffen, dass Amprion die wertvollen Böden schont und sich offen für Argumente der Politik und Bürgerschaft zeigt.
Die bisherigen Erfahrungen mit Amprion machen ihn da allerdings skeptisch. Beim Vorhaben Ultranet hat das Unternehmen sich nicht kompromissbereit gezeigt und Verschwenkungen für die Freileitungen abgelehnt. Nun zeige sich, dass der Trassenverlauf für Rhein-Main-Link und Ultranet zum Teil identisch ist. „Es wäre machbar und die sinnvollste Lösung, wenn man Ultranet in die Erde verlegen und zudem Leer-Rohre für den Rhein-Main-Link verlegen würde“, sagte Philipp. Am Montag, als Amprion die Träger öffentlicher Belange über den Planungsstand beim Rhein-Main-Link informierte, habe er auf diese Möglichkeit hingewiesen. „Eine Antwort darauf gab es leider nicht.“ Amprion lehnt das Zusammenlegen der Gleichstrom-Leitungen mit dem Hinweis darauf ab, dass Baubeginn für den Rhein-Main-Link im Jahr 2028 sein soll. Die Inbetriebnahme könne dann 2033 nach fünf Jahren Bauzeit erfolgen. Ultranet auf Masten hingegen soll bereits 2027 Strom liefern. Per Erdkabel bedeute dies also sechs Jahre Zeitverlust. Volkswirtschaftlich sei es nicht vertretbar, so lange zu warten.
Bäume nicht auf Schutzstreifen
Der Main-Taunus wird die Hauptlast des Netzprojekts tragen müssen. Eine der vier Leitungen des Rhein-Main-Links endet am Umspannwerk in Marxheim, eine zweite am Umspannwerk Kriftel. Der sogenannte Arbeitsstreifen für diese Anbindungsleitungen ist zwar nicht 75 Meter breit wie bei der Haupttrasse, aber auch er wird Spuren in der Landschaft hinterlassen. Zum Vergleich: Eine achtspurige Autobahn ist inklusive der Standspuren rund 48 Meter breit. Wenn die Erdkabel verlegt sind, verbleibt ein rund 40 Meter breiter Schutzstreifen. Auf ihm ist zwar Landwirtschaft möglich. Bäume dürfen dort aber nicht gepflanzt werden.
In der Info-Veranstaltung am Mittwoch wurde die Sorge geäußert, dass die Natur Schaden nehmen könne. Es möge sein, dass Getreide problemlos angebaut werden könne, wie Amprion sagt. „Zu den Auswirkungen auf die Tierwelt und die Geologie müssten wir aber wissenschaftliche Studien sehen“, mahnte eine Besucherin.
Klarheit jedenfalls besteht nun zum wahrscheinlichen Verlauf des Energiekorridors. Was Amprion GmbH nun präsentiert, ist deutlich konkreter als der bisher veröffentlichte, teils 20 Kilometer breite „Präferenzraum“. Im aktuellen Stadium ist ein vorläufiger, 250 Meter breiter Streifen ermittelt worden. Erst im folgenden Planfeststellungsverfahren soll dann endgültig feststehen, wo genau die Leitungen vergraben werden. Der an der Nordsee beginnende Rhein-Main-Link schlängelt sich im Hintertaunus zwischen Grävenwiesbach und Usingen in Richtung Süden, dann im Westen von Neu-Anspach und Schmitten Richtung Idstein und weiter über Niedernhausen an den westlichen Rand von Eppstein-Niederjosbach und Bremthal. Von dort geht es zum westlichen Rand von Wildsachsen. Zwischen Wildsachsener Straße (L 3018) und Raststätte Medenbach wird die A 3 unterquert.
Amprion hat unter der Internet-Adresse RheinMainLink Experience (arcgis.com) eine Übersichtskarte veröffentlicht. Die Orientierung fällt nicht leicht, da viele Ortsnamen fehlen, sobald man in die Karte zoomt. „Wir nehmen das mit“, so Dr. Dominik Stunder, Gesamtprojektleiter für den Rhein-Main-Link.
Für den Leitungsbau werden Dienstbarkeiten im Grundbuch eingetragen: Amprion benötigt uneingeschränktes Zugangsrecht zu den Kabeln. Ernteausfälle werden entschädigt, so Projektsprecherin Mariella Raulf. Man sei bemüht, sich gütlich mit allen Eigentümern zu einigen. Natürlich bestehe auch die Möglichkeit zur gerichtlichen Klage, jedoch erst nach Erlass des Planfeststellungsbeschlusses. Dieser wird für 2028 erwartet. Klagegegner wäre dann die Bundesnetzagentur als Genehmigungsbehörde. Für die Konverterstationen kauft Amprion den Grund und Boden an. Laut Stunder handelt es sich bei den Präferenzräumen um ein nach EU-Notfallverordnung beschleunigtes Verfahren. Dabei laufe noch nicht alles rund. Mit Verweis auf den Datenschutz leite die Bundesnetzagentur die bisherigen Stellungnahmen der Träger öffentlicher Belange nicht an Amprion weiter. Man habe lediglich eine stichpunktartige Zusammenfassung erhalten, sagte Stunder. „Komplett hilfreich ist das nicht.“