VonBea Rickenschließen
Auch in der Pflege gibt es neue Arbeitszeitmodelle: Vitos Kurhessen testet die 4,5-Tage-Woche. Die Mitarbeiter staunen jetzt, wenn sie auf den Dienstplan schauen.
Bad Emstal – Die Vier-Tage-Woche ist in aller Munde und wird zunehmend von Unternehmen genutzt, um als attraktiver Arbeitgeber in Zeiten von Fachkräftemangel wahrgenommen zu werden. Ein ungewöhnliches Experiment zu diesem Thema hat jetzt die Vitos Kurhessen in Bad Emstal gestartet: In einer einjährigen Testphase arbeiten die Mitarbeiter 4,5 Tage in der Woche.
Wie das funktioniert, erklärt Mario Reitze, Pflegedirektor des Vitos Klinikum Kurhessen, im Interview.
Herr Reitze, im produzierenden Gewerbe oder einem Handwerksbetrieb ist ein solches Arbeitsmodell sicher einfach umzusetzen, aber wie geht das in der Pflege?
Die Patienten werden natürlich nach wie vor an 24 Stunden pro Tag, an sieben Tagen die Woche und an 365 Tagen pro Jahr mit einer bestimmten Zahl an Mitarbeitenden versorgt.
Gearbeitet wird – auf den Monat gesehen – in zwei Wochen an vier Tagen und in zwei Wochen an fünf Tagen. Heruntergebrochen bedeutet das: Jeder Dienst umfasst eine Arbeitszeit von 8,33 Stunden, plus eine halbe Stunde Pause. Die gesamte Anwesenheit an einem Arbeitstag beträgt also neun Stunden und drei Minuten. In den Früh-, Tag-, Spät- und Nachtschichten wurden die Dienstzeiten nun geändert.
Warum steigen Sie nicht gleich mit einer 4-Tage-Woche ein?
Die ist mit den 38,5 Wochenstunden bei Vitos leider nicht möglich. Die Zahl der Arbeitsstunden würde dann nämlich auf mehr als neun Stunden pro Dienst steigen, die Arbeitsbelastung wäre also höher. Die Pause müsste dann 45 Minuten dauern, die Anwesenheit steigt also auf über zehn Stunden.
Wie sieht das bisherige Arbeitszeitmodell in der Pflege bei der Vitos aus?
Bei Vitos Kurhessen gibt es regulär die 5-Tage-Woche mit 38,5 Stunden bei Vollzeitmitarbeitenden. Möglich ist auch die Arbeit in Teilzeit mit 75, 50 oder 25 Prozent, außerdem gibt es auch zeitlich befristete Reduzierungen.
Wie entstand die Idee zur 4,5-Tage-Woche und was ist das Ziel?
In der jüngeren Vergangenheit hat es in der Öffentlichkeit zunehmend Diskussionen über die 4-Tage-Woche in den unterschiedlichsten Branchen gegeben. Und gerade in der Pflege ist die Arbeitsbelastung hoch. Die Pflegedirektion von Vitos Kurhessen wollte eine Entlastung schaffen. Das soll nun mit der 4,5-Tage-Woche erreicht werden. Gleichzeitig soll eine bessere Work-Life-Balance entstehen, die Mitarbeiterzufriedenheit steigen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besser klappen. Geschäftsführung und Personalleitung stehen dem Vorhaben positiv gegenüber und haben die Testphase überhaupt erst ermöglicht.
Auf welcher Station läuft die Testphase und wie viele Mitarbeiter sind dabei?
Auf Station 4.3 a der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bad Emstal läuft das Projekt seit Jahresbeginn. Etwas mehr als 20 Frauen und Männer arbeiten dort. Alle nehmen freiwillig teil, es gab keine Verpflichtung, mitzumachen.
Wie profitieren die Mitarbeiter?
Durch die Umstrukturierung haben die Mitarbeiter aufs Jahr gesehen 26 zusätzliche freie Tage, finanzielle Abstriche gibt es nicht. Allerdings ändert sich der Urlaubsanspruch: Dadurch, dass nicht mehr an fünf Tagen pro Woche gearbeitet wird, fallen drei Urlaubstage weg, bereinigt bleiben also 23 zusätzliche freie Tage.
Im neuen Modell kann jeder Einzelne, in Absprache, nach Wunsch-Dienstplan arbeiten, freie Tage flexibel nutzen oder auch fest einplanen, sowie ein bestehendes Arbeitszeitkonto nutzen. Das erhöht enorm den Spielraum für die Gestaltung der Work-Life-Balance und verbessert die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Sie sagten, die 4,5-Tage-Woche wird wissenschaftlich begleitet. Wie sieht diese Begleitung aus?
Eine Studentin wird das Projekt begleiten, sie hat ein Stipendium bei Vitos Kurhessen bekommen und absolviert den Studiengang Psychiatric Nursing in Verbindung mit dem Steinbeis-Transfer-Institut in Marburg. Sie untersucht für ihre Bachelor-Arbeit, ob die Mitarbeitenden tatsächlich eine Entlastung erfahren und wie sie das neue Arbeitszeitmodell im Vergleich zur 5-Tage-Woche bewerten.
Sie befragt regelmäßig die Mitarbeitenden mittels Fragebögen und steht im engen Austausch mit der Pflegedirektion.
Knapp zwei Wochen läuft das Projekt nun. Wie klappt es bisher?
Die Planung funktioniert problemlos. Für viele war der erste Blick auf den Dienstplan sehr erstaunlich. Sie hatten eine große Anzahl freier Tage vor Augen. Vom Stationsleiter kam ein positives Feedback. Er freut sich darüber, dass kontinuierlich daran gearbeitet wird, die Mitarbeitenden dauerhaft zu entlasten.
Durch mehr Freizeit wird ein attraktiveres Arbeitsumfeld geschaffen, sagt er.
Bis Ende 2024 läuft die Testphase. Wie geht es danach weiter?
Wir werden uns genau anschauen, ob die gewünschten Ziele erreicht wurden. Gemeinschaftlich wird anschließend beraten, wie es weitergeht. Denkbar wäre, das Modell in den Regelbetrieb zu überführen. Auch andere Stationen könnten für weitere Testphasen eingebunden werden.
Möglich ist es aber auch, die 4,5-Tage-Woche wieder zu streichen oder sogar vor Ablauf der Testphase zu beenden: Sollten wir zum Beispiel feststellen, dass alle durch die neunstündige Anwesenheit zu stark belastet sind, werden wir es nicht bis zum Ende durchziehen. (Bea Ricken)
