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Matthias Haaß- Anne Quehl
- Johanna Birkholz
Christina Zapf
Pendler und Reisende müssen sich wegen des großen Bahnstreiks noch bis kommende Woche auf zahlreiche Ausfälle und Verspätungen im Nah- und Fernverkehr einstellen.
Schwalmstadt/Wabern – Nur ein Kunde ist am Mittwochvormittag, Tag eins des erneuten Streikes der Gewerkschaft der Lokführer (GDL) im Bahnhof Treysa. Er will von der Servicemitarbeiterin erfahren, wie er am Samstag per Zug zu seinem Ferienflieger kommen könnte. Ansonsten ist die Halle so leer wie die Bahnsteige und die Gleise: Die Menschen sind offenbar gut informiert über den angelaufenen vierten und bisher längsten Streik der Gewerkschaft im laufenden Tarifkonflikt, der erst am Montag enden soll.
Wie kann die verfahrene Lage gelöst werden? Wie sehen Eisenbahner, wie Kunden die Situation?
Gewerkschaft
Die Gewerkschaft der Lokomotivführer (GDL) hat im Schwalm-Eder-Kreis keine Untergliederung, erklärte der GDL-Bezirksvorsitzende Hessen/Thüringen/Mittelrhein, Rudolf Schultheis, im Gespräch mit der Schwälmer Allgemeinen. Schultheis vertritt in seinem Bezirk rund 5200 Mitglieder. Er sei selber Pendler und könne daher den Unmut der Menschen nachvollziehen: „Das ist uns bewusst.“ Dass die Kollegen nicht so arbeiten können, wie sie selber gerne möchten, mache auch die Lokführer betroffen, sagt der Gewerkschaftsmann.
Der Streik sei ein Element im Arbeitskampf und daher nicht zu vergleichen mit den aktuellen Bauernprotesten oder den Protesten gegen Rechtsextremismus, erklärt Schultheis weiter. Dass in diesen Tagen so viele Proteste und damit Belastungen auf die Menschen zukomme, sei natürlich für Betroffene nicht schön, weiß auch der GDL-Mann und wirbt um Verständnis: „Da gibt es aber Reihenfolgen, die einzuhalten sind. Wir müssen uns mit dem Angebot, das die Arbeitgeber gemacht haben, auseinandersetzen.“
Ein wesentliches Ziel des GDL-Streiks sei nicht nur die Verbesserung der Gehaltssituation, sondern auch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die Lokführer, aber auch für andere Bahnmitarbeiter, zum Beispiel in den Werkstätten, erklärt Rudolf Schultheis.
Seit gut fünfzehn Jahren sei die Personaldecke auf dem Rücken der Mitarbeiter immer dünner geworden, kritisiert der Gewerkschafter: „Es nutzt uns allen nichts, wenn die Lokführer oder Werkstattmitarbeiter über Gebühr belastet werden. Das ist ja auch ein Sicherheitsaspekt“, sagt er.
Besonders belastend für die Kollegen sei insbesondere der unregelmäßige Schichtdienst und daher fordere man von den Arbeitgebern unter anderem die Einhaltung der Fünf-Tage-Woche, so der GDL-Mann.
Dass die Kollegen die dünne Personaldecke oft durch Überstunden kompensieren müssten, würde durch die Arbeitgeber „einfach missbraucht“.
Fahrdienstleiter
Heiko Altmann (31) aus Schwalmstadt erreichten wir an seinem Arbeitsplatz in der Leitstelle in Gießen. Dorthin kam der Mitarbeiter der HLB (Hessische Landesbahn) am ersten Streiktag per Pkw, da seine übliche DB-Verbindung zur Frühschicht entfiel. Auch in den kommenden Tagen wird der Schwalmstädter, der auch Lokführer ist, auf sein Auto zurückgreifen, um zur Arbeit zu kommen.
Seine Arbeit stelle derzeit für ihn und seine Kollegen „Stress pur“ dar aufgrund der Lage, „ein ganz schönes Chaos“. Die Züge der HLB fahren zwar, da diese nicht bestreikt wird aktuell, aber nur so lange, wie zum Beispiel im Stellwerk in Marburg gearbeitet wird.
Legen die DB-Kollegen dort die Arbeit nieder, so geht es zwischen Gießen und Stadtallendorf nicht weiter. Dann heiße es, einen Busnotverkehr einzurichten, was natürlich im Moment besonders schwierig ist wegen der erhöhten Nachfrage, die bei entsprechenden Unternehmen ankommt.
Alles passiere kurzfristig, vorbereitend sei eigentlich gar nichts möglich, auf Überraschungen müsse man jederzeit eingestellt sein. Doch es werde getan, was geht, um die Fahrgäste weiterzubringen, versichert Altmann, der im Ehrenamt Erster Vorsitzender der Eisenbahnfreunde Treysa ist.
Aus seiner Sicht, sind alle Menschen gut informiert über das Streikgeschehen. Als Beschäftigter der HLB blickt er gespannt auf die Entwicklung zwischen den Tarifparteien, also der GDL und der DB, denn die Ergebnisse könnten potenziell in der Folge auch für sein Unternehmen, die HLB, gelten. Insofern hoffe er auf Erfolge, „auch wir könnten profitieren“.
Pendler
Es ist 12.30 Uhr am Mittwoch und Helmut Müller aus Treysa steht auf dem Bahnsteig in Wabern. Dort wartet er optimistisch auf den Zug um 12.48 Uhr nach Treysa. Doch die Anzeige verrät dazu nichts. Auf der wird nur über den noch bis Montag, 29. Januar, andauernden GDL-Streik informiert. Laut Bahn-App soll der Zug kommen, berichtet Müller. „Ich mache das nun schon zum dritten Mal mit“, sagt er mit Blick auf die Streiks.
Die Ungewissheit sei nicht angenehm. Am Morgen hatte er Glück und konnte mit dem Zug um 6.34 Uhr von Treysa nach Wabern und von dort mit dem Bus zu seinem Arbeitsplatz in Fritzlar fahren. (Matthias Haaß, Anne Quehl, Johanna Birkholz und Christina Zapf)



