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Schaeffler will mit Vitesco ein großes Zuliefererimperium aufbauen, der Schwerpunkt: E-Mobilität.
Bebra – Für Automobilzulieferer Vitesco scheint sich das Rad weiter und weiter zu drehen: Nach der Abspaltung von Continental und der noch laufenden, durchaus schmerzhaften innerhäuslichen Umstrukturierung mit klarer Ausrichtung auf Elektromobilität steht nun wohl die nächste Veränderung an. Der Familienkonzern Schaeffler will die bayerischen Antriebsspezialisten aus Regensburg übernehmen, die auch im Industriegebiet in Bebra produzieren.
Laut Betriebsratschef Torsten Buske schwebe aber nicht erneut ein „Damoklesschwert des Stellenabbaus“ über den Beschäftigten. Die Fusion biete für den Standort in der Eisenbahnerstadt mit derzeit rund 750 Beschäftigten vielmehr eine Chance. Buske ist Gesamtbetriebsratsvorsitzender von Vitesco Technologies, dem größten Konzernanteil der börsennotierten Vitesco-Gruppe. Zudem ist der Weiteröder weiterhin Arbeitnehmervertreter in Bebra.
Schaeffler will mit Vitesco ein großes Zuliefererimperium aufbauen, der Schwerpunkt: E-Mobilität. Der Standort Bebra befindet sich noch im Transformationsprozess und ist größtenteils in der Verbrennertechnik verankert, auch wenn bereits einige Komponenten produziert würden, die für beide Antriebsarten funktionierten, sagt Buske. Der Betriebsrat versteht die Fusion dennoch als Chance: Schaeffler lege zwar den Fokus ebenfalls auf Elektroantriebe, habe aber anders als Vitesco nicht das schnellstmögliche Aus für Verbrenner als klare Absicht formuliert. Für das Werk in der Eisenbahnerstadt könne das bedeuten, dass für den Transformationsprozess mehr Zeit bliebe.
Schaeffler ist kein Fremder, sondern hält bereits mehr als die Hälfte an Vitesco. Ziel ist nun eine Unternehmensbeteiligung von über 70 Prozent. Der Familienkonzern mit Sitz in Herzogenaurach (ebenfalls Bayern) hatte den Vitesco-Aktionären im Oktober ein Angebot unterbreitet und dieses jüngst noch einmal um drei Euro auf 94 Euro pro Anteilsschein erhöht. Das Angebot läuft bis Mitte Dezember. Bei den beiden Konzernen gebe es wenig Überschneidungen, sagt Betriebsrat Buske. Bei der Übernahme gehe es daher nicht ums „Sahnestückchen-Picken“, sondern eine Ergänzung und Komplettierung des Angebots von Schaeffler. Parallelstrukturen gebe es höchstens auf der Führungsebene.
Dennoch wird es bei der Organisation nach der Konzernverschmelzung erneut Veränderungen geben. Schaeffler hatte im Angebot betont, den angestrebten Jahresumsatz von 25 Milliarden Euro als dann eines der weltweit führenden Unternehmen für Antriebe nicht durch Standortschließungen oder Stellenabbau erreichen zu wollen. In einer gemeinsamen Vereinbarung der Konzerne, die Eckpunkte für die Fusion absteckt, heißt es auch, es werde keine Veränderungen der Beschäftigungsbedingungen „in unmittelbarer Folge des Vollzugs“ geben.
Doch die vage Formulierung lässt die Tür zumindest angelehnt – wie auch die Aussage, dass beide Verhandlungsparteien sich der „Bedeutung der Standorte von Vitesco Technologies für das kombinierte Unternehmen bewusst sind“.
Entsprechende Formulierungen seien „durchaus gängige Praxis“, sagt Torsten Buske. Der Betriebsratsvorsitzende und sein Gremium sind optimistisch, den Prozess konstruktiv und auf Augenhöhe begleiten zu können. Die bestehenden Mitbestimmungsmöglichkeiten für Arbeitnehmer der Firma Schaeffler bildeten dafür eine gute Grundlage. Das Übernahmeangebot durch Schaeffler sei auch ein Bekenntnis zum Standort Deutschland.
Es ist zudem nicht das erste Mal, dass bei den einstigen Powertrain-Antriebsspezialisten von Conti ein neues Schild vor dem Firmengelände steht, sagt Buske. Und betont: „Wir kommen nicht als Leichtgewicht daher.“ (Clemens Herwig)
