VonDirk Steffenschließen
Dass es gar nicht so einfach ist, die Sanierung einer Straße zu planen, davon haben die Besucher einer Informationsveranstaltung zur Ortsdurchfahrt Schlitz einen Eindruck bekommen.
Schlitz - Wollte man es allen recht machen, hätte der 1,3 Kilometer lange Abschnitt von der Ostpreußenstraße bis zur Otto-Zinßer-Straße breite Fahrbahnen, Fußwege, Radwege, Parkplätze und Grünstreifen an beiden Seiten. Allerdings müsste die Ortsdurchfahrt dann mindestens doppelt so breit sein. Und da niemand sein Haus abreißen oder sein Grundstück opfern will, um die Straße breiter zu machen, müssen die Planer von der Ingenieurgesellschaft Habermehl und Follmann aus Rodgau mit dem Platz leben und arbeiten, der da ist.
Vogelsberg: Neue Entwurfsplanung für Ortsdurchfahrt in Schlitz vorgestellt
Und schon haben nicht wenige etwas an der Modernisierung auszusetzen, wie bei der Info-Veranstaltung in Schlitz (Vogelsberg) mit mehr als 100 Besuchern deutlich wurde. Vorgestellt wurde der Entwurfsplan, der noch verändert werden kann. Allerdings sind nur kleinere Änderungen möglich. Der entscheidende Grund dafür ist, dass die Ortsdurchfahrt eine Landesstraße ist und somit dem Land Hessen gehört. Bürgermeister Heiko Siemon betonte daher, dass die Sanierung nach den Regeln des Eigentümers geschehen muss und die Schlitzer auf einer Straße, die ihnen nicht gehört, nicht machen können, was sie wollen.
Die Sanierung muss nach den gesetzlichen Vorgaben der politisch gewollten Verkehrswende erfolgen. Das bedeutet zum Beispiel, dass Auto- und Radfahrer gleichberechtigt sein müssen. Für die Ortsdurchfahrt hat das zur Folge, dass künftig Radfahrer auf der Straße fahren sollen und Autofahrer hinter ihnen bleiben müssen, wenn sie keinen ausreichenden Platz zum Überholen haben. Dies dient auch zur geforderten Verkehrsberuhigung, wie Christian Metz von der Ingenieurgesellschaft erläuterte.
Aus Richtung Bernshausen kommend wird es auf Höhe der Ostpreußenstraße eine Verkehrsinsel geben, wo Autos und Lkw langsamer werden müssen. Über die Verkehrsinsel sollen Radler die Straßenseite wechseln und dann auf der Fahrbahn durch Schlitz radeln. Piktogramme auf der Fahrbahn weisen darauf hin. Damit Radfahrer, die die Herrngartenstraße langsam bergauf fahren, den Autoverkehr nicht behindern, wird für sie dort eigens ein Radweg angelegt.
Die Parkplatzsituation wird sich ebenfalls erheblich ändern. Das Parken am Straßenrand vor dem Langheinrich-Gebäude zum Beispiel wird nicht mehr möglich sein. Gegenüber der Bäckerei Happ könnte eventuell eine Kurzparklösung geschaffen werden. Siemon wies darauf hin, dass das Parken halb auf dem Gehweg und halb auf der Straße schon immer nicht erlaubt ist, aber geduldet werde. Als Alternative zu den wegfallenden Parkmöglichkeiten sollen Parkplätze auf dem ehemaligen Woolworth-Gelände entstehen, wofür das Gebäude abgerissen werde soll. Außerdem soll es Parkplätze die Herrngartenstraße hinauf an den Brauereiwiesen geben. Parken direkt vor einem Laden wird jedoch kaum noch möglich sein, was dem Einzelhandel nicht gefällt.
Radfahrer monierten bei der Info-Veranstaltung, dass durch Piktogramme auf dem Boden das Radeln in Schlitz nicht sicherer wird. Aufgrund der geringen Breite der Ortsdurchfahrt gibt es allerdings keine andere Möglichkeit. Des Weiteren müssen die Bushaltestellen barrierefrei gestaltet werden. Dies bedeutet, dass dort hohe Bordsteinkanten geschaffen werden, die von Autos nicht überfahren werden können. Zudem werden die Busse auf der Fahrbahn halten, denn für eine Bucht seien 80 Meter Länge notwendig, sagte Christian Metz. Diesen Platz gibt es jedoch nicht.
Zahlreiche Vorschläge für neue Ortsdurchfahrt in Schlitz
Aus dem Publikum kam die Anregung, die Fahrbahn auf eigene Kosten zu asphaltieren und ansonsten alles so zu lassen, wie es ist. Siemon wies nochmals darauf hin, dass das Land Hessen Besitzer der Landesstraße ist, und man nicht den Besitz eines anderen einfach asphaltieren kann. Und weiter: „Wir können zwar dem Land sagen, dass wir nur die Fahrbahn asphaltiert haben wollen. Dann fallen wir aber aus dem Förderprogramm.“ Und das würde bedeuten, dass die Arbeiten nicht mehr – wie jetzt vorgesehen – 2024/25 ausgeführt werden, sondern irgendwann mehrere Jahre später. Denn Bauarbeiten im Förderprogramm genießen Vorrang. „Viele Dörfer und kleine Städte wären gern in diesem Programm, die Warteliste ist lang“, gab Siemon zu bedenken.
Auch die Idee einer Einbahnstraßenregelung hat ihre Tücken. Dann nämlich müssten die betroffenen Straßen verstärkt werden, um mehr Verkehr auszuhalten. Die Ausfahrt aus den jeweiligen Seitenstraßen wäre zudem nicht mehr in beide Richtungen möglich, was den dort wohnenden Menschen vermutlich nicht gefallen würde. Außerdem wären die Kosten um ein Vielfaches höher als die Sanierung der Ortsdurchfahrt und müssten von der Stadt gestemmt werden. Denn das Land Hessen als Eigentümer der Landesstraße bezahlt nicht nur die Asphaltierung, die circa drei Millionen Euro kostet, sondern übernimmt zudem 50 Prozent der Kosten für den Außenbereich der Ortsdurchfahrt.
Diese solle künftig viel Grün aufweisen, forderten einige Gäste der Info-Veranstaltung. Doch weil Platz für Radler, Gehwege und Parkplätze benötigt wird, ist der Platz für Bäume und Grünstreifen eingeschränkt. Um es allen recht zu machen, hätten Bürgermeister Siemon und die Planer wahrscheinlich gern eine Eier legende Wollmilchsau. Wer diese bei sich zu Hause hat, darf sie ihnen bestimmt vorbeibringen. Ansonsten bleibt den Schlitzern nichts anderes übrig, als sich umzustellen und von einigen liebgewonnenen Dingen und Gewohnheiten zu verabschieden.
„Die Alternative wäre, gar nichts zu machen“, sagte Siemon. Doch das will vermutlich auch niemand. So wird nun der Ausführungsplan erstellt, der festlegt, was geschieht und was nicht. Das wird nicht einfach für die Planer, die es sicherlich jedem recht machen wollen, aber nicht können. Anfang des Jahres sahen die Vorentwürfe sogar zwei Kreisel für die Ortsdurchfahrt in Schlitz vor. Deren Bau war zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher.
