VonRüdiger Soßdorfschließen
Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung wird die Bevölkerung im Landkreis Gießen schrumpfen. Bis zum Jahr 2040 wird ein Rückgang um 7,9 Prozent vorausgesagt.
Gießen – Die Nachricht hat aufhorchen lassen: 7,9 Prozent weniger. Damit würde die Zahl der Kreisbürger von derzeit rund 278 000 auf dann etwa 256 000 fallen. Oder anders ausgedrückt: Das sind rechnerisch fast so viele Menschen, wie heute in Wettenberg und Biebertal zusammen leben.
Insgesamt sieht die Bertelsmann-Studie in Deutschland die Bevölkerungszahl von 2020 bis 2040 um 0,6 Prozent ansteigen. Diese Entwicklung verteilt sich sehr unterschiedlich auf die Bundesländer, so die Autoren. Gerade im Osten und im Saarland sinken die Zahlen, andernorts werden es mehr Bürger.
7,9 Prozent Bevölkerungsrückgang bis 2040 im Kreis Gießen
Auch in Hessen soll die Bevölkerungsentwicklung bis 2040 regional unterschiedlich verlaufen. Während landesweit dann 6,4 Millionen und damit 1,7 Prozent mehr Menschen leben, werden Gewinner- und Verlierer-Regionen prognostiziert. Starke Bevölkerungszuwächse werden laut Bertelsmann in den Kreisen Groß-Gerau, Darmstadt-Dieburg sowie im Wetteraukreis erwartet. Die Landeshauptstadt Wiesbaden und drei weitere Kreise müssten laut Bertelsmann mit einem Bevölkerungsrückgang rechnen. Herausragend dabei: Der Kreis Gießen mit einem Minus von 7,9 Prozent. Aber auch für den Vogelsbergkreis wird ein Bevölkerungsrückgang bis 2040 erwartet. Gründe weist die Bevölkerungs-Vorausberechnung des Datenportals »Wegweiser Kommune« der Bertelsmann Stiftung jedoch nicht aus.
Zudem prophezeit Bertelsmann eine alternde Bevölkerung. Waren im Jahr 2020 genau 21 Prozent der Hessen älter als 65 Jahre, so soll deren Anteil bis 2040 auf 27 Prozent steigen. Der Grund: Die geburtenstarken Jahrgänge rücken ins Rentenalter vor. Das hat Auswirkungen auf Rentensysteme, Pflege-Angebote - und auf den Wohnungsmarkt.
Kreis Gießen wird älter: Altersdurchschnitt soll rapide steigen
Das zeigt sich auch am steigenden Durchschnittsalter der Menschen: Das wird für 2040 bei 47,1 Jahren erwartet- und soll im Kreis Gießen besonders stark um 4,5 Jahre auf 46,4 steigen. Im Vogelsbergkreis soll das Durchschnittsalter dann gar bei 51,6 Jahren liegen.
Diese Voraussagen der Bertelsmann-Studie korrespondieren aber so gar nicht mit dem, was man im Kreis Gießen erwartet. In der Kreisverwaltung wird seit Jahren ein Demografie-Atlas fortgeschrieben. Dies als Teil eines umfassenden Monitorings, einer breit angelegten Betrachtung der sozialen und gesellschaftlichen Entwicklung im Kreis Gießen.
»Die von der Bertelsmann-Studie prognostizierte Entwicklung eines Bevölkerungsrückgangs um knapp minus 8 Prozent deckt sich nicht mit der uns vorliegenden Prognose der Genesis-Regionaldatenbank, die sich aus den Daten der Statistischen Landesämter sowie des Bundes speist«, widerspricht Kreissprecher Dirk Wingender den Zahlen der Studie. Die Genesis-Regionaldatenbank weise hingegen für den Landkreis Gießen bis zum Jahr 2040 eine positive Bevölkerungs-Entwicklung von plus 2,4 Prozent aus. Zur Erinnerung: Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hatte dem Kreis Gießen 2019 gar ein Wachstum von fast sechs Prozent bis 2035 prognostiziert.
Bevölkerungsentwicklung statistisch unsicher
Zwar liefert das eigene Demografie-Monitoring des Kreises Gießen bis zum Jahr 2040 noch keine belastbaren Daten. Doch das hat einen Grund: Für die Stadt Gießen als größter Kommune liegen noch keine Prognosen vor. Warum? In Gießen ist die Entwicklung wegen der zahlreichen dort gemeldeten Geflüchteten statistisch unsicher. Das räumt auch Bertelsmann ein. Konkret: Wie viele Menschen, die in der Erstaufnahme ankommen, bleiben in der Stadt oder im Kreis? Wie viele suchen sich woanders eine neue Heimat?
Warum die Bertelsmann-Experten zu einem solch negativen Ergebnis kommen, wird im Kreis Gießen geprüft. Ein mögliches Erklärungsmuster für den prognostizierten Rückgang könnte sein, dass eine geringere Zahlen von Schulabgängen und Hochschuleingängen - Altersgruppe 20 bis 30 Jahre - aufgrund des demografischen Wandels angenommen wurde. Denn Gießen habe mit einem erheblichen Anteil von Studierenden an der Gesamtbevölkerung deutlichen Einfluss auf die Umlandkommunen sowie die Entwicklung des Kreises. Doch auch das ordnet Kreissprecher Wingender als hypothetisch ein, da man die genauen Bertelsmann-Daten noch nicht kenne.
Statt hofft auf Genesis-Prognose statt Bertelsmann-Studie
Sollte die Einwohnerzahl auf das von den Bertelsmann-Fachleuten erwartete Niveau sinken, also auf eine Größenordnung von 255 000 oder 260 000 Einwohnern, dann wären das noch immer so viele Einwohner, wie der Kreis vor elf Jahren, Stichtag 31.12.2012, hatte. Wingender: »Es geht also nicht um ein Szenario leerer Ortschaften«.
Der Kreis verweist stattdessen auf die Genesis-Prognose. Der zufolge ist für den Landkreis bis zum Jahr 2040 ein erwarteter Zuwachs in der Altersgruppe der 40- bis 50-Jährigen auch im Hessenvergleich auffällig: Dies wird vor allem auf Zuwanderung zurückgeführt. Das ist laut Wingender gerade mit Blick auf die Frage von Fachkräften im Arbeitsmarkt von Bedeutung.
Vor einigen Jahren war die Region um Gießen noch besonders jung: Die Universitätsstadt selbst war die drittjüngste in Hessen.
