VonVolker Niesschließen
Das gab es in der Geschichte der Region noch nie: Alle Apotheken bleiben aus Protest am Mittwoch, 14. Juni, geschlossen. Die Apotheker protestieren gegen die extreme Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen. Ein Notdienst ist gesichert.
Fulda - „Das System ist vom Staat und den Krankenkassen kaputtgespart worden. Die Situation der Apotheken ist heute absolut unhaltbar“, fasst Dr. Thomas Fendert (55) von der Marien-Apotheke in Flieden im Kreis Fulda die Position der Apotheker zusammen. In der Summe seien die Belastungen so hoch, dass sie einen Tag lang streiken - so wie viele Apotheken in Deutschland. Die Hoffnung dahinter: Politik und Kassen lassen sich aufrütteln und nehmen Gespräche mit den Apothekern auf.
Apotheker sind sauer - Apotheken bleiben Mittwoch dicht
„Als ich 1983 als Apothekerin anfing, stand wirklich der Kunde im Mittelpunkt. Doch über die Jahre haben uns Politik und Krankenkassen mit immer mehr Bürokratie gelähmt“, klagt Meike Rindt (65) von der Lotichius-Apotheke in Schlüchtern im Kinzigtal. „Die Belastung der Apotheker und ihrer Mitarbeiter ist heute so hoch wie noch nie.“
Was die Apotheker ärgert: Insbesondere durch die vielen unterschiedlichen Rabattverträge, die jede Krankenkasse mit Herstellern abgeschlossen hat, muss der Apotheker bei vielen Medikamenten bei dem von der jeweiligen Kasse bevorzugten Produzenten nach einer Alternative zur verschriebenen Arznei suchen.
„Das Suchen und Herausgeben eines verschriebenen Medikaments dauerte früher zwei Minuten. Heute sind es oft 15“, erklärt Dr. Marion Wagner (50), die mit ihrem Mann Dr. Stefan Wagner (56) fünf Apotheken in Fulda und die Bahnhof-Apotheke in Neuhof führt. Wegen der Rabattverträge Alternativen suchen zu müssen – das betreffe mittlerweile mehr als jeden dritten Fall, erklärt sie.
Die Krankenkasse will mit den Rabattverträgen Geld sparen, doch der Patient erhält so oft nicht mehr das vertraute Medikament, das er vielleicht schon Jahrzehnte nimmt, sondern das Mittel eines anderen Herstellers. Dieses Mittel enthält den Wirkstoff meist in anderer Dosierung, so dass etwa statt einer nun zwei Insulin-Spritze genommen werden müssen. Gerade ältere Patienten verstehen das nicht. „Wir erleben verzweifelte Kunden, die anbieten, dass sie die Differenz zu ihrem vertrauten Medikament bezahlen, wenn sie doch nur ihr bewährtes Mittel erhalten“, berichtet Fendert.
„Ein empörter Kunde fragte, warum er seine bewährte Arznei nicht bekomme. Er habe 45 Jahre Beiträge an die Krankenkasse gezahlt. Viele Patienten haben Angst um ihre Gesundheit, wenn sie das bewährte Medikament nicht erhalten“, sagt Dr. Christian Gerninghaus (55), der die Sonnen-Apotheke in Schlitz, die Wartenberg-Apotheke in Angersbach und die Rathaus-Apotheke in Homberg (Ohm) führt.
Die Versorgungsengpässe bei Medikamenten, gerade bei Arznei für Kinder, erschweren die Arbeit der Apotheken weiter. „Wir telefonieren viel herum, um die Medikamente für unsere Kunden doch noch zu beschaffen, oder stellen die benötigten Mittel selbst her – auch wenn das extrem aufwendig ist und nur schlecht bezahlt wird“, sagt Wagner.
„Es kann allerdings sein, dass das Medikament, das ich mit großem Aufwand organisiert habe, am Ende von der Kasse nicht bezahlt wird, weil sie bei mir einen Formfehler gefunden hat. Um die Hilfe für kranke Menschen geht es da nicht mehr“, klagt Henriette Krick (49) von der Bergwinkel-Apotheke in Schlüchtern. Auch dann, wenn es etwas dauert, bis das angeforderte Medikament kommt, bleibt der Apotheker auf seinen Kosten sitzen: Nach 28 Tagen ist das vom Arzt ausgestelltes Rezept abgelaufen.
Protest und Notdienst
Am kommenden Mittwoch, 14. Juni, befinden sich alle Apotheken in Osthessen im Streik. Aus Protest gegen die sich verschlechternde Arbeitsbedingungen bleiben sie den ganzen Tag geschlossen. Die Medikamentenversorgung wird durch einen Notdienst aufrechterhalten.
Den Notdienst übernehmen im Kreis Fulda:
- St. Georg Apotheke, Goerdelerstraße 32, Fulda;
- Möwen Apotheke, Lauterbacher Straße 1, Großenlüder;
- Kalbach-Apotheke, Hauptstraße 10a, Mittelkalbach,
- Apotheke am Niedertor, Niedertor 18, Hünfeld;
Im Altkreis Lauterbach:
- Apotheke Herbstein, Marktplatz 3, Herbstein.
Im Altkreis Schlüchtern:
- Brüder-Grimm-Apotheke, Brüder-Grimm-Straße 119, Steinau a. d. Straße.
Was die Apotheker auch ärgert: „Unsere Belastungen werden von der Politik, gerade Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), kleingeredet“, sagt Fendert. Zudem sei das Honorar, das die Apotheke für die Abgabe eines verschreibungspflichtigen Medikaments erhält, im Laufe der Jahre nicht nur nicht gestiegen, sondern sogar gesunken: Ihr Honorar pro Packung wurde im Jahr 2014 zuletzt auf 6,50 Euro erhöht. Nach einer Senkung liegt es heute bei 6,35 Euro.
„Viele Kollegen überlegen mittlerweile, ob sie aufgeben. Sie haben einige Jahre von ihren Reserven gelebt. Aber die Polster sind jetzt aufgebraucht“, sagt Gerninghaus. Auch Lohnerhöhungen für Mitarbeiter seien schwierig, was die Personalsituation der Apotheken nicht verbessert.
Immer weniger wollen nach dem Studium eine Apotheke führen
Eine Folge der wachsenden Belastungen und sinkenden Einnahmen: Immer weniger studierte Apotheker wollen eine Apotheke führen. „Von den 40 Studenten, die mit mir im Semester anfingen, haben nur eine Handvoll eine Apotheke übernommen“, berichtet Max Ohlendorf (34), der die Apotheke am Niedertor in Hünfeld seit Februar 2020 führt.
Angesichts des wachsenden wirtschaftlichen Drucks sinkt die Zahl der Apotheken im Land: Vor 15 Jahren gab es noch 21.500 Apotheken in Deutschland; heute sind es noch knapp 18.000. Tendenz: stark fallend.
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