VonBurkhard Möllerschließen
Die Wahlrechtsreform zur Verkleinerung des Bundestags könnte gestern im Wahlkreis Gießen-Alsfeld ein prominentes Opfer gefordert haben: CDU-Kandidat Frederik Bouffier hat den Wahlkreis gewonnen - und erhält vielleicht doch kein Bundestagsmandat. Gegen Mitternacht wurde noch gerechnet.
Bouffier konnte das schwache Zweitstimmenergebnis der CDU im Wahlkreis (26,6 Prozent) nur um vier Prozentpunkte steigern und gewann mit 30,4 Prozent; exakt der Wert, der SPD-Titelverteidiger Felix Döring 2021 zum knappen Sieg gegen Helge Braun (CDU) gereicht hatte. Diesmal haben die 30,4 Prozent vielleicht nicht gereicht. »Kann sein, dass ich das erst morgen früh weiß«, erklärte der Gießener kurz vor Redaktionschluss.
Döring, der vor allem in Gießen auf ein starkes Ergebnis von über 34 Prozent kam, erzielte angesichts des Rückstands der SPD auf die CDU bei den Zweitstimmen mit 27,8 Prozent ein beachtliches Resultat. Rund neun Prozentpunkte packte Döring auf das SPD-Zweitstimmenergebnis und rückte dem CDU-Wahlkreisgewinner sogar auf die Pelle. Wichtiger als dieser Achtungserfolg dürfte für den Gießener aber die Rückkehr in den Bundestag sein, um die er am Wahlabend nur ein bisschen zittern musste. Dass Grünen-Kandidat Michel Zörb und Desiree Becker (Linke), die ob ihres sensationellen Bundestagseinzugs am Wahlabend auf Wolke sieben schwebte, etwas schlechter als ihre Parteien bei den Zweitstimmen abschnitten, könnte ein Hinweis darauf sein, dass Dörings nicht unumstrittene Leiherststimmenkampagne gefruchtet hat.
Hängepartie auch für Al-Dailami
Keine taktischen Wähler hat die AfD, die im Wahlkreis, der von Gießen bis Alsfeld reicht, für ein nahezu identisches Ergebnis bei den Zweit- und Erststimmen von um die 19 Prozent sorgten. Bei den Zweitstimmen lag die AfD bei gut 19 Prozent, Kandidat Robin Jünger (sicher im Bundestag) knapp darunter. Bei der AfD zeigte sich das Stadt-Land-Gefälle deutlich, denn die 13 Prozent in der Unistadt Gießen verhinderten ein Votum deutlich über 20 Prozent.
Auch bei der Linkspartei bildet sich dieser soziokulturelle Unterschied ab. In Gießen schaffte die innerhalb weniger Wochen wiederbelebte Partei über 17 Prozent, im Wahlkreis blieb es knapp bei einem einstelligen Ergebnis. Die linkspopulistische BSW-Konkurrenz, die keinen Wahlkreiskandidaten aufgestellt hatte, blieb bei rund 4,5 Prozent hängen. Ob der Gießener BSW-Bundestagsabgeordnete Ali Al-Dailami, der in Hessen als Spitzenkandidat angetreten war, nach Berlin zurückkehren kann, stand bei Redaktionsschluss nicht fest.
Die Grünen bewegten sich mit 12,7 Prozent knapp über Bundesniveau, enttäuschend für Michel Zörb aus Gießen, der im Wahlkreis auf 8,6 Prozent kam, dürfte das Ergebnis in der Stadt Gießen sein, wo er AfD-Mann Jünger knapp den Vortritt lassen musste.
Eine Zitterpartie wie die Wagenknecht-Partei hätten sich auch die Freidemokraten gewünscht, die im Wahlkreis auch klar unter der Fünf-Prozent-Marke blieben. Direktkandidat Dennis Pucher aus Lich blieb unter drei Prozent.
Einfach nichts zu holen bei überregionalen Wahlen ist für die Freien Wähler: Gut 1,7 Prozent Zweitstimmen in einem auch ländlich geprägten Wahlkreis ist für die Kommunalpartei kümmerlich. Im Vergleich dazu hören sich die knapp drei Prozent für Kandidat Björn Feuerbach schon fast beachtlich an. Zerrieben in einem polarisierten Wahlkampf wurde die Europapartei Volt mit ihrer Kandidatin Monika Pranjic (1,5 Prozent).
