- VonStefan Schaalschließen
Weil die Bundestagswahl auf die Faschingszeit fällt, musste in mehreren Orten im Kreis Gießen improvisiert werden. In Watzenborn-Steinberg machen Wähler am Sonntag ihr Kreuz nicht in der Volkshalle, sondern bei »Auto-Häuser«, wo sonst Fahrzeuge ausgestellt sind. Vor allem eine Voraussetzung gilt es dabei zu erfüllen.
Wo sonst Kunden schlendern, in Autos Platz nehmen und prüfen, wie beispielsweise die Ledersitze sich anfühlen, werden Pohlheimer an diesem Sonntag Wahlzettel statt Fahrzeuge mustern, sich an Tische stellen und ihr Kreuz machen. Weil die Bundestagswahl auf die Faschingszeit fällt, wird »Auto-Häuser« in der Gießener Straße in Watzenborn-Steinberg ein Wahllokal.
Am Freitagmorgen starteten dafür vor Ort die Vorbereitungen. Mitarbeiter des Bauhofs der Stadt trugen Tische und schoben Stühle aus dem Lager der Häusers in das Autohaus, Wahlleiter Carsten Nowak und seine Stellvertreterin Isabella Dörr stellten hinter einem Cupra-Modell unter anderem die Wahlkabinen auf. »So viele Tische für die Wahlhelfer?«, fragte Gaby Häuser von der Geschäftsführung des Autohauses für einen Moment nach. »Vielleicht gibt es ja ein Büfett«, sagte einer vom Bauhof trocken, um gleichzeitig zu bestätigen, dass die Zahl der Tische vom Ordnungsamt der Stadt so bestimmt wurde und korrekt ist.
»Ja, so etwas habe es hier noch nicht gegeben«, sagte Gaby Häuser, während sie am Freitag mit einem feuchten Tuch über die Tische wischte. Vor allem ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass die Stadt nach der Bekanntgabe des Termins der Bundestagswahl mitten in der Faschingszeit eine Alternative gefunden hat. Normalerweise befinden sich in der Volkshalle in Watzenborn-Steinberg zwei Wahllokale. Dort aber feiern die Mollys an diesem Wochenende ihre Prunksitzung.
Als der Termin der Bundestagswahl bekannt wurde, habe sie an dem Abend zufällig nach einer Probe des Gesangvereins Jugendfreund 1888 Dieter Schäfer, den Vorsitzenden der Mollys, im Gasthaus Zur Krone an der Theke getroffen. »Er war so geknickt«, erzählte Häuser.
»Er hat gesagt: Ich weiß nicht, was ich machen soll. Unsere Prunksitzung ist am Wochenende der Bundestagswahl.« Gaby Häuser, deren Mann traditionell bei den Mollys singend auf der Bühne steht, die in der Vergangenheit selbst auch schon in der Bütt stand und deren Tochter Sitzungspräsidentin ist, habe spontan geantwortet: »Bevor die Sitzung ausfällt oder verlegt werden muss, da hänge ich mich jetzt mal aus dem Fenster, machen wir die Wahl bei uns im Autohaus, wenn das genehmigt wird.«
Schäfer meldete sich mit diesem Vorschlag bei der Stadt - und zwei Tage später wurde die Idee konkret und fix.
Nur eines der beiden Wahllokale der Volkshalle wandert allerdings in das Autohaus. Das hat mit der Voraussetzung zu tun, dass die Wahlkabine von hinten und von der Seite freilich nicht einsehbar sein darf - in einem lichtdurchfluteten Autohaus mit Fensterwänden ist das eine Herausforderung. Die Pohlheimer können dort ihr Kreuz nun an drei Tischen vor einer fensterlosen Wand machen. »Damit die Wahl nicht nächste Woche wiederholt werden muss«, sagte Gaby Häuser schmunzelnd.
Am Freitag stand an der Wand auch noch ein Klavier. »Wir haben hier ab und zu Chorproben, wenn das Vereinslokal besetzt ist«, sagte Häuser. Das andere Wahllokal, das sich sonst in der Volkshalle befindet, wird in das evangelische Thomashaus verlegt.
»Das kam überraschend«, erklärte Wahlleiter Carsten Nowak vom Ordnungsamt der Stadt Pohlheim zur Idee, das Wahllokal im Autohaus einzurichten. »Darauf wäre ich nie gekommen.« Der erste Gedanke sei gewesen: Die Wahl geht vor, diese sollte also in der Volkshalle wie immer durchgeführt werden. »Wir hatten deshalb überlegt, ob wir die Prunksitzung von Samstag auf Freitag vorverlegen.«
Dörr, die stellvertretende Wahlleiterin, klebte am Freitagmorgen Papierstreifen an die Tische der Wahlkabinen, um Einblicke zu verhindern, falls der Wahlzettel bei der Stimmabgabe mal über den Tisch hinausragt. Mit Wahlkabinen in Privatgebäuden habe man bereits Erfahrung im Gasthaus Zur Krone, sagt Wahlleiter Nowak. Barrierefreiheit sei wichtig, erklärt er.
Nur die Vordertür werde am Wahltag geöffnet sein, erklärte Häuser. »Damit die Leute wirklich nur rein und raus gehen.« Am Freitag schob sie vor die Tür ein Plakat eines VW Bullis. »Dann können die Leute beim Hinausgehen noch ein Foto machen«, sagte Häuser.
Auf ihr Autohaus wartet ein vielbeschäftigtes Wochenende. Am Samstag und am Sonntag wird das Unternehmen auf der Gießener Mobilitätsmesse vertreten sein. Einen Schlüssel zum Autohaus werde sie einem Bevollmächtigten der Pohlheimer Wahlleitung geben, erklärte sie. »So viel Vertrauen müssen wir haben«, fügte Häuser hinzu. »Sonst ist alles verloren.« FOTO: SRS