Weihnachten

Frankfurts Partnerstadt: Sieben Wochen Weihnachtsmarkt in Birmingham

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Der Blick vom Rathausbalkon über den Weihnachtsmarkt.
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Der „Birmingham’s Frankfurt Christmas Market“ ist eröffnet. Dass er so früh anfängt, hat seinen Grund. Von Florian Leclerc (Text und Fotos).

Auf dem Victoria Square in Birmingham leuchten viele bunte Lichter. Frankfurt betreibt hier einen Weihnachtsmarkt, den „Birmingham’s Frankfurt Christmas Market“, und das schon seit 1997.

Wobei nicht Frankfurt direkt den Weihnachtsmarkt betreibt, sondern die Schaustellerfamilie um Nadine Löwenthal. Sie steht auf dem Balkon des Rathauses und blickt auf die Lichter am Victoria Square hinab.

Fünf Millionen Menschen erwartet

Man sieht den Weihnachtsbaum, der aber nicht wie in Frankfurt bis zum Römerbalkon hoch reicht. Er geht mehr in die Breite und ist aus etwa 200 einzelnen Bäumchen zusammengesteckt. Darunter sind Stehtische, wo die Menschen ihr Bier und ihre Bratwurst abstellen, und sich aufhalten, wenn es regnet.

Solche überdachten Stehtische gibt es viele auf dem Frankfurt Christmas Market in Birmingham. Das macht die Atmosphäre gemütlicher. Nicht so hektisch wie in der Mainmetropole mit dem Hochdruckweihnachtsmarkt. Es regnet auch öfter als in Frankfurt.

Gleichwohl kommen etwa fünf Millionen Menschen zum Frankfurt Christmas Market. Etwa doppelt so viele wie nach Frankfurt. Dafür ist der Frankfurt Christmas Market auch doppelt so lang geöffnet.

Am 1. November ging es mit einer Eröffnung durch den Birminghamer Lord Mayor Ken Wood, mit goldener Amtskette, und den Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef, ohne goldene Amtskette, dafür volksnah (Wow! How are you, Birmingham?) los. Der Frankfurter Weihnachtsmarkt beginnt erst am 25. November.

Schneegestöber im November? Nein, das ist nur Schaum.

Nadine Löwenthal erklärt warum: „Würden wir eine Woche später anfangen, hätten wir nicht genug Umsatz.“ Dann würde sich der Frankfurt Christmas Market nicht mehr lohnen. Seit dem Brexit sei es ohnehin härter geworden, ausreichend Arbeitskräfte zu finden sowie die steigenden Energiekosten zu bezahlen.

Und die Schaustellerfamilie mit Nadine Löwenthal, Mutter Marlis Löwenthal und Nadines Mann Alexander Goetzke zahlt hier alles. Nicht nur Strom und Standortmiete. Auch die Verlegung der Stromkabel und die Ablieferung dessen, was nach dem Toilettenbesuch in Containern schwimmt. 20 000 Liter am Tag.

1997 ging es los

Kurt Stroscher hieß in Frankfurt „Mister Weihnachtsmarkt“, weil er ihn seit Dekaden für die städtische Tourismus- und Congress-Gesellschaft (TCF) organisierte. Im Ruhestand kümmert er sich weiter um den Frankfurt Christmas Market. In Birmingham heißt er einfach nur Kurt, gesprochen Kört.

Kurt erzählt, wie es in Birmingham 1997 losging. Mit zehn Ständen, glaubt er sich zu erinnern. Nadine Löwenthal, die damals schon dabei war, sagt fünf. Die Idee sei von Petra Roth gekommen, als Zeichen der Städtepartnerschaft, die seit 1966 besteht. „Wir wollten zeigen, was das Kulturgut Weihnachtsmarkt bedeutet“, sagt Stroscher. Erst in Birmingham, dann auch in anderen britischen Städten wie Bristol, Manchester, Edinburgh, Nottingham. Der Frankfurt Christmas Market ist als einziger geblieben. Auch nach dem Brexit.

An den Ständen gibt es weihnachtsmarkttypische Spezialitäten

Das sei nicht selbstverständlich, sagt Nadine Löwenthal. „Wenn die Infrastruktur nicht so gewachsen wäre, könnten wir das nicht mehr machen“. Die Familie habe zwei Lagerhallen in Birmingham. Dort würden die Weihnachtsmarktstände aus Holz, die zwar nur wenige Meter breit, dafür teilweise bis zu 20 Meter lang sind, untergebracht.

Was ist das Besondere am Frankfurt Christmas Market? Nadine Löwenthal sieht sich um. Die Schilder sind auf Deutsch, Bratwurst, Glühwein, Frankfurter Würstchen. Wobei das Frankfurter Würstchen ein Hot Dog ist, den es so auch bei Ikea geben könnte. Der Preis: 5,50 Pfund.

Ein Pint für sieben Pfund

Gesalzen. Wie auch der Preis für einen handrückengroßen Lebkuchen (3,50 Pfund), Glühwein (6,50 Pfund), ein Pint Hofbräu (7 Pfund). Wobei die Briten auch gerne Half Pints trinken, die sind dann günstiger, und die Frauen würden mehr trinken als die Männer, im Durchschnitt einen Liter, weiß Alexander Goetzke. Er ist der Praktiker auf dem Markt. Und kommt gleich zur Sache, als er mit Oberbürgermeister Mike Josef, TCF-Geschäftsführer Thomas Feda und der Reisegruppe aus Frankfurt im Separee einer der Holzaufbauten sitzt.

Wenn die Stadt München auf die Idee komme, das Oktoberfest nicht mehr auf der Theresienwiese zu veranstalten, dann sei er mit seinem Fahrgeschäft weg. Der Umsatz würde einbrechen und es dauere zehn bis fünfzehn Jahre, bis sich der Umsatz am neuen Standort erholt habe. Andere Städte hätten auch Volksfeste. Dann reise er mit seinem Fahrgeschäft eben dorthin.

Für Frankfurt schwant ihm Übles, als er über die geplante Verlegung der Dippemess vom Ratsweg auf das Rebstockgelände spricht. „Das ist das Ende der Dippemess“, sagt er voraus. Schausteller seien Geschäftsleute und müssten sehr genau kalkulieren, ob sich der Aufwand lohne.

Rudolph, the Red-Nosed Reindeer, ohne rote Nase.

Ken Wood (Conservative) ist Lord Mayor in Birmingham, eine rein repräsentative Funktion. Er hat es nicht leicht. Birmingham ist bankrott. Ein IT-System, das 2022 eingeführt wurde, habe die tatsächlichen Ausgaben falsch berechnet, weiß die Zeitung „Guardian“. Nach einem Jahr fehlten etwa 650 Millionen Pfund. London schickte Commissioner. Sie bewilligten 1,25 Millionen Pfund. 600 Stellen in der Stadtverwaltung wurden gestrichen.

Man sieht der Stadt die finanzielle Misere an. St. Martin, eine mittelalterliche Kirche im City Centre, ist von grünem Moos bedeckt. Hier müsste mal der Kärcher ran. Ähnlich geht es den Betonfassaden etwas außerhalb des Zentrums mit dem Weihnachtsmarkt und den bunten Lichtern. Alle paar Meter fragt ein Mensch nach Wechselgeld, „spare change“.

Auch der deutsche Botschafter im Vereinigten Königreich, Miguel Berger, weiß um die Not der Kommunen. Der Zoll und Anträge für Reisepässen und Visa hätten die wirtschaftlichen Verflechtungen erschwert. Seit dem Ausstieg aus dem Erasmus-Programm kämen 60 Prozent weniger Studierende aus der EU ins Land, der Jugendaustausch sei um bis zu 75 Prozent eingebrochen.

Aufschwung erhofft er sich vom Hochgeschwindigkeitszug High Speed 2, der die Fahrzeit von London nach Birmingham, der zweitgrößte britischen Stadt mit 1,15 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern, bis 2025 auf 49 Minuten halbieren soll. Der Weihnachtsmarkt wiederum stehe für interkulturellen Austausch.

TCF-Geschäftsführer Thomas Feda führt über den Weihnachtsmarkt.

Für Birmingham sei der Weihnachtsmarkt wichtig, sagt Lord Mayor Ken Wood. Vor zwei Jahren seien drei Millionen Besucherinnen und Besucher gekommen, vor einem Jahr fünf Millionen Menschen. Der Markt unterstütze 7100 Jobs. Wenn es nach ihm ginge, könnte der Weihnachtsmarkt das ganze Jahr laufen.

Mike Josef hat Ken Wood eingeladen. Sie wollen über 60 Jahre Städtepartnerschaft im Jahr 2026 reden. Am 25. November wird Ken Wood den Frankfurter Weihnachtsmarkt mit eröffnen. Der Unterschied zu Birmingham ist nicht nur der Baum, der bis zum Römerbalkon reicht. Frankfurt hat keine Radio-DJs, die die Stimmung anheizen. Und keinen riesengroßen Buzzer, der gedrückt wird, damit der Baum mit vielen bunten Lichtern leuchtet.

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