Stadt und Kreis Kassel

Immer weniger Apotheken auf dem Land  – Lauterbach-Pläne nur „Flickschusterei“?

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Immer mehr Apotheken schließen, weil die Betreiber keinen Nachfolger finden. Das Problem besteht vor allem im ländlichen Raum.
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  • Natascha Terjung
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Immer mehr Apotheken schließen, auch in Stadt und Kreis Kassel. Das geht aus einer Erhebung der Landesapothekerkammer Hessen hervor. Der Trend zeichnet sich schon seit Langem ab.

Kassel/Landkreis Kassel – Im Jahr 1994 hat es in Hessen noch 1650 Apotheken gegeben. Rund 30 Jahre später sind es 300 Betriebe weniger. „Die Entwicklung ist alarmierend“, sagt Präsidentin Ursula Funke.

Deutlich sichtbar geworden sei das Apothekensterben vor allem in den vergangenen zehn Jahren. In der Stadt Kassel etwa hat sich die Zahl der Apotheken von 2013 bis 2023 von 59 auf 47 verringert – ein Rückgang von 20 Prozent. Auch im Landkreis Kassel haben in den vergangenen zehn Jahren neun Apotheken geschlossen (2013: 60 Apotheken, 2023: 51).

Apotheker finden oft keinen Nachfolger

Der Grund: Viele Apotheker, die in den Ruhestand gehen, finden keinen Nachfolger. „Der Job ist nicht unattraktiv, aber die Hürden, die uns die Politik vorgibt, sind groß“, sagt Stephan Parzefall, der die Post-Apotheke in Kassel und die Hubertus Apotheke in Hofgeismar betreibt.

Nordhessische Landkreise unter Durchschnitt

Mit Blick auf das ländliche Nordhessen zeigt sich, dass die umliegenden Landkreise Kassels zunehmend mit dem Apothekensterben konfrontiert sind. So beträgt laut Hessischem Apothekerverband der Durchschnitt an Apotheken pro 100 Quadratkilometern im Schwalm-Eder-Kreis 3,0. Im Werra-Meißner-Kreis 2,4. In Hersfeld-Rotenburg 2,1 Apotheken auf dieser Fläche und in Waldeck-Frankenberg sogar nur 1,7.

Vor mehr als zehn Jahren hat er die Apotheken von seinem Vater übernommen. Ob er heute noch einmal die gleiche Entscheidung treffen würde, weiß er nicht. „Es gibt eine Menge Anforderungen, die wir erfüllen müssen. Doch die Finanzierung hat sich in den vergangenen zehn Jahren nicht geändert, obwohl die Kosten ständig steigen“, sagt er.

Auch der bürokratische Aufwand werde immer größer. Das bestätigt auch Dennis Witt von der Palmen-Apotheke Brückenhof in Kassel. „Das alles kommt zur Mehrarbeit durch die anhaltenden Lieferengpässe noch hinzu. Gerade in Kombination mit den technischen Problemen durch das E-Rezept haben wir ein riesiges Problem.“

Kammern und Verbände warnen vor einer unzureichenden Versorgung mit Arzneimitteln – vor allem auf dem Land. „Wenn noch mehr Apotheken schließen, wird es schwierig“, sagt auch Parzefall. Bei einem Landesdurchschnitt von 6,3 Apotheken pro 100 Quadratkilometern meldet der Hessische Apothekerverband für den Kreis Kassel einen Wert 4,5 Apotheken auf der Fläche.

Die Stadt Kassel weist hingegen eine Apothekendichte von 44,0 Betrieben pro 100 Quadratkilometern auf. „Die Situation verschärft sich in den ländlichen Gebieten. Gleichzeitig bedeutet es nicht, dass es in Kassel zu viele Apotheken gibt. Auch hier schließen Betriebe“, sagt Sprecher Alexander Schopbach.

Apotheken ächzen unter Bürokratie

Der Hessische Apothekerverband und die Landesapothekerkammer warnen vor einem Apothekensterben. Das Problem tritt landes- und bundesweit auf. Auch in der Region Kassel haben in den vergangenen zehn Jahren einige Apotheken geschlossen. Im ländlichen Raum ist das Problem größer als in der Stadt.

Neben Hürden aus der Politik wie einer unzureichenden Finanzierung sowie einem hohen bürokratischen Aufwand erschwert auch der immer größer werdende Personalmangel die Situation in den Apotheken, sagt etwa Stephan Parzefall, der die Post-Apotheke in Kassel und die Hubertus Apotheke in Hofgeismar betreibt.

Ein Grund für die angespannte Personalsituation in der Region sei, dass es in ganz Nordhessen keine Ausbildung von Pharmazeutisch-technischen Assistenten (PTA) mehr gebe, sagt Parzefall. „Der Beruf ist beliebt. Aber die Leute müssten bis Hannover, Göttingen, Paderborn oder Frankfurt pendeln. Das wollen viele nicht und entscheiden sich stattdessen für einen anderen Beruf.“

Das sagt der Verband

Pharmazie studieren kann man in Hessen an den Unis in Marburg und Frankfurt. Laut Alexander Schopbach, Sprecher des Hessischen Apothekerverbands, seien fehlende Studienplätze jedoch nicht der Grund für die fehlenden Nachfolger in Apotheken: „Mehr Studienplätze bedeuten nicht, dass es den Apotheken vor Ort besser gehen wird.“ Denn viele entscheiden sich nach dem Studium gegen die Selbstständigkeit und gehen stattdessen in die Industrie, sagt er. Weil ein Ende dieser Entwicklung nicht in Sicht sei, kündigt der Verbandsvorsitzende Holger Seyfarth an: „Die Apothekerschaft wird auch im neuen Jahr für die überfällige Stabilisierung ihrer politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen streiten.“

Die Willy-Brandt-Schule hat bis 2016 den Ausbildungszweig angeboten. Das Hessische Sozialministerium hatte damals jedoch mitgeteilt, dass keine weitere Förderung des Landes und des Europäischen Sozialfonds mehr gewährt werde, teilt damals der Träger der Lehranstalt mit. „Das ist ein Problem für die Region. PTAs sind extrem wichtig für die Apotheken und erfüllen vor Ort viele Aufgaben“, sagt der Apotheker Parzefall.

Viele Apotheker gehen nach dem Studium in die Industrie

Zudem gehen viele Apotheker nach ihrem Studium in die Industrie, gibt Marco Diestelmann zu bedenken. Er betreibt Apotheken in Habichtswald-Ehlen und in Zierenberg. „Dort gibt es keine Wochenend- und Nachtdienste und eine bessere Vergütung.“

Damit es wieder attraktiver werde, eine Apotheke zu führen, müsse vor allem das Honorar steigen. Das trage auch zur Planungssicherheit bei, die es momentan nicht gebe. „Damit wirkt man auch dem Fachkräftemangel entgegen“, sagt Diestelmann. Vor allem von der Politik fühlen sich die Apotheken im Stich gelassen. „Die Wertschätzung aus der Politik fehlt. Da fühlt man sich schon verraten“, sagt Parzefall. Das sehen auch Diestelmann und Alina Lang, Inhaberin der Brunnenapotheke in Hofgeismar, so.

Die Reformpläne von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach seien für Diestelmann „Flickschusterei“. Insbesondere von der Idee der „Apotheke light“ halten Diestelmann und Lang nichts. Die Idee dahinter: In Filialen einer Apotheke soll es möglich sein, dass Personen mit PTA-Ausbildung Arzneimittel an Kunden ausgeben dürfen, ohne dass ein Apotheker vor Ort ist. Dieser muss lediglich per Video erreichbar sein.

Seit zehn Jahren keine Honorarerhöhung für Apotheker

Starke Betäubungsmittel dürften dort jedoch nicht ausgegeben werden, und auch das Herstellen von Medikamenten sei dort nicht möglich, sagt Lang. Gerade bei den anhaltenden Lieferengpässen sei das jedoch notwendig für einige Patienten. Bettina De Schrijver von der Regenbogen Apotheke in Vellmar kann aufgrund all der Hürden verstehen, dass einige Kollegen Apotheken schließen. „Die Bürokratie wird immer mehr, und es muss auch alles finanziert werden.“

Seit zehn Jahren habe es keine Erhöhung der Honorarvergütung mehr gegeben, die Kosten seien jedoch um 70 Prozent gestiegen, sagt die Apothekerin. Von der Politik wünscht sich De Schrijver mehr Unterstützung: „Es kann zum Beispiel nicht sein, dass wir bei Verschreibungsfehlern auf dem E-Rezept haften.“

Michael Bruske von der Kunigunden-Apotheke in Kaufungen teilt den Ärger seiner Kollegin. Seit zehn Jahren sucht er bereits einen Apotheker zur personellen Unterstützung. Gerade auf dem Land sei es aber schwierig, Personal zu finden. Sorgen bereiten Bruske auch die Online-Apotheken: „Sie können ein persönliches Beratungsgespräch nicht ersetzen.“ Aufgeben ist für den Apotheker dennoch keine Option: „Es ist eine wichtige Arbeit, die wir leisten.“ Auch Apothekerin Alina Lang möchte in keinem anderen Beruf arbeiten. Doch die Arbeit in einer Apotheke sei schon lange keine „Goldgrube“ mehr, wie sie sagt. Sie kenne Kollegen, die ihr Geschäft aufgeben mussten, weil sie Mitarbeiter nicht mehr bezahlen konnten.

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