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Unser Überfluss führt zu massiven Lebensmittelabfällen. Auch Supermärkte wie Aldi, Rewe, Lidl und Co. tragen Ihren Teil dazu bei. Aber es gibt Organisationen, die helfen.
Wolfhager Land – Ungefähr elf Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland jährlich weggeworfen. Zwar sind Lebensmittelgeschäfte nur für sieben Prozent dieses Abfalls verantwortlich, trotzdem stellt sich beim Einkauf im gut gefüllten Supermarkt des Öfteren die Frage, was eigentlich mit den ganzen Lebensmitteln passiert, wenn abends die Tore geschlossen werden.
„Bei uns kommt drei Mal die Woche die Tafel vorbei, da sind wir sehr froh darüber“, erklärt Günter Hauck, Filial-Geschäftsführer von Tegut in Wolfhagen. Die Tafel Wolfhagen holt bei verschiedenen Lebensmittelbetrieben in Wolfhagen und Umgebung täglich oder mehrmals wöchentlich nicht verkaufte Produkte ab.
Abgesehen von frischem Fleisch und Fisch und minimalen Ausschlusskriterien nehmen die Fahrer so gut wie alles mit, erklärt die Tafelkoordinatorin des Diakonischen Werkes Kassel, Frauke Wiegand.
Zwei Mal wöchentlich werden die Nahrungsmittel an Bedürftige ausgegeben. Zuvor werden diese von Ehrenamtlichen sortiert und überprüft. „Jedes Produkt geht durch die Hände von Ehrenamtlichen, bevor es ausgegeben wird“, sagt Wiegand. „Die machen einen wirklich tollen Job.“ Trotzdem gelte für die Abholenden die Devise: „Anschauen, riechen und kosten.“
Insgesamt 265 000 Tonnen Lebensmittel retten die über 970 Tafeln in Deutschland jährlich. Auch beim Herkules-Markt in Wolfhagen werden Lebensmittel von der Tafel Wolfhagen abgeholt, wie die Presseprecherin der Rheika-Delta Warenhandelsgesellschaft berichtet.
Der Tegut-Supermarkt habe zusätzlich eine Kooperation mit einem Landwirt aus der Region, der verdorbenere Lebensmittel für seine Tiere abholt, berichtet Filial-Geschäftsführer Hauck. Das senke ebenso die Nebenkosten für Müll. Lebensmittel wie Nudeln oder Quinoa werden rechtzeitig im Preis gesenkt, sodass diese meist noch verkauft werden.
Ungefähr zehn Betriebe im Wolfhager Land nutzen zudem eine weitere Möglichkeit, Lebensmittel weiterzuverwerten. Dabei handelt es sich um Foodsharing. Dabei holen zertifizierte Foodsaver nicht-verkäufliche Lebensmittel in Supermärkten oder Bäckereien ab. „Wir sind aber keine Konkurrenz zur Tafel“, betont Viktoria Ranft, eine der Botschafterinnen des Foodsharing-Netzwerkes Wolfhagen Bad Arolsen. Sie nehmen vor allem die Lebensmittel mit, die die Tafel aufgrund ihrer Vorgaben nicht nutzen könnten. Die Tafel habe aber Vorrang.
Das bestätigt auch Frauke Wiegand: „Mit Foodsharing sind wir noch nie kollidiert.“ Da generell immer noch zu viel Überproduktion stattfinde, gebe es mehr als genug Läden, um Lebensmittel zu retten.
Beim Foodsharing sollen Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können, fair-teilt werden. Das bedeutet, dass Nahrungsmittel von befugten Personen abgeholt werden und beispielsweise an Obdachlosenheime oder privat an Bedürftige und Interessierte abgegeben werden.
In der Regel können Nahrungsmittel von Interessierten auch bei einem sogenannten Fairteiler abgeholt werden. Im Bezirk Wolfhagen Bad Arolsen, der den Altkreis Wolfhagen, Diemelstadt und Bad Arolsen umfasst, gibt es keinen offiziellen Fairteiler.
Foodsharing-Netzwerk Wolfhagen Bad Arolsen
Foodsharing soll die Verschwendung von genießbaren Lebensmitteln vermeiden. Diese werden von sogenannten Foodsavern ehrenamtlich bei kooperierenden Betrieben abgeholt und anschließend zu Fairteilern gebracht. Dort können Interessierte – sogenannte Foodsharer – Lebensmittel abholen. Im Foodsharing-Bezirk Wolfhagen Bad Arolsen gibt es keine offiziellen Fairteiler, aber einen privaten. Wer Interesse hat, sich als Foodsaver oder -sharer einzubringen, kann sich über die Mail-Adresse wolfhagen.bad.arolsen@foodsharing.network an das Netzwerk wenden.
Wolfhagener nutzen Fairteiler – aber noch Luft nach oben
Einen privaten Fairteiler habe Viktoria Ranft allerdings in Burghasungen aufgebaut. Über eine WhatsApp-Gruppe werde informiert, wenn neue Produkte im Fairteiler deponiert werden. Diese können anschließend abgeholt werden. 20 bis 30 Personen holen momentan Lebensmitteln an diesem Standort. „Gerettet werden alle möglichen Arten von Lebensmitteln wie Obst, Gemüse, Konservenlebensmittel, Fleisch und Wurstwaren, Backwaren, Süßigkeiten, Molkereiprodukte, Fertiggerichte und auch Getränke jeglicher Art“, berichtet die Botschafterin. Lediglich Alkohol werde nicht angenommen.
Einige Supermärkte und Bäckereien machten bereits mit, zehn laufende Kooperationen seien es momentan. Es sei aber noch Luft nach oben, interessierte Betriebe dürften sich gerne bei den Foodsavern melden. Auch interessierte Helfer werden immer gesucht, um so viele Lebensmittel wie möglich vor dem Müll zu retten.
Ein Betrieb, der dagegen selbst einen Kreislauf herstellt, ist der Eschenhof in Altenhasungen. Hier gibt es wenige Produkte, die überhaupt übrig bleiben. „Wir arbeiten größtenteils auf Bestellung, dadurch ist das gut abzuschätzen“, erklärt Sofia Oettermann, Leiterin der Vermarktung und Bäckerei des Eschenhofs. Besonders das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi) ermögliche Planungssicherheit.
Die Lebensmittel, die doch übrig bleiben, werden weiterverarbeitet. So wird beispielsweise aus altem Brot und Brötchen Semmelbrösel gemacht und Milch für die Produktion von Quark und Käse genutzt. Wenn das Gemüse nicht mehr verkauft werden kann, werde es beim gemeinsamen Mittagessen verkocht. „Wir haben im Auge, dass nichts weggeworfen wird“, sagt Oettermann. Zur Not könnten es die Kälber vertilgen.
Auch für die Weiterverwendung von Alltagsgegenständen gibt es in Wolfhagen eine Lösung: Im Spendenladen „Dies und das“ finden gebrauchte Artikel ein neues Zuhause. (Mareike Heihoff)
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