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In Deutschland gibt es mehr als doppelt so viele Studenten wie Auszubildende. Dieser Trend macht es Betrieben schwer. Auch die Firma Bänninger in Reiskirchen kann davon ein Lied singen.
Reiskirchen - Ein paar Knopfdrucke an der Zerspanungsmaschine. Nach der Programmierung taucht auf dem Display eine Grafik auf. Sie zeigt, wie der Bohrer langsam vor- und zurückfährt. Vollautomatisch werden Konturen und Löcher für ein Werkstück gefräst. Die Firma Bänninger in Reiskirchen stellt Rohrverbindungen aus Kunststoff her. Das mittelständische Unternehmen ist auf Fachkräfte angewiesen und bildet auch deswegen aus. In diesem Jahr aber sind noch immer Ausbildungsstellen offen, sagt Betriebsleiter Ingo Schleher. Damit ist Bänninger nicht alleine.
Viele Stellen bleiben unbesetzt – auch im Kreis Gießen herrscht Mangel an Auszubildenden
In Deutschland herrscht ein Mangel an Auszubildenden. Eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) aus dem August zeichnet ein deutliches Bild: Knapp die Hälfte aller Ausbildungsbetriebe in der Industrie und im Handel konnten in diesem Jahr nicht alle Lehrstellen besetzen. Ein Negativrekord. Rund ein Drittel dieser Betriebe erhielt zudem keine einzige Bewerbung auf ihre ausgeschriebenen Ausbildungsstellen. Im IHK-Bezirk Gießen-Friedberg sieht es nicht anders aus. 107 Ausbildungsstellen blieben in diesem Jahr offen, erzählt Sebastian Möbus, stellvertretender Leiter des Geschäftsbereichs Aus- und Weiterbildung. Woran liegt das?
»Wir brauchen Menschen, die Lust auf eine Ausbildung haben,« sagt Betriebsleiter Schleher. Bänninger in Reiskirchen beschäftigt 116 Mitarbeiter, bietet verschiedene Ausbildungsberufe an und möchte den Nachwuchs langfristig an den Betrieb binden. »Wir bilden nach Bedarf aus und haben eine hohe Übernahmequote,« wirbt Schleher für sein Unternehmen. Doch von acht Stellen sind in diesem Jahr drei noch vakant. Eine Stelle zum Elektroniker und zwei zum Kunststoff- und Kautschuktechnologen. »Viele kennen solche Jobs nicht und wissen nicht, dass die Arbeitsabläufe weitgehend digitalisiert wurden,« sagt Schleher.
Es ist ein Problem, mit dem etliche Betriebe zu kämpfen haben, sagt IHK-Mann Möbus. Der handwerklichen Industrie haftet das Image des Malochens an der Werkbank an. Dabei sind viele Berufe höchst technisch und komplex. Fachmann Möbus sieht in Berufsorientierungstagen an Schulen eine Maßnahme, um Berufsbilder zu vermitteln und Vorurteile abzubauen.
Studium statt Ausbildung oftmals die bevorzugte Wahl
Eine Strategie, die auch Bänninger verfolgt. Die Firma präsentiert sich etwa an der Gesamtschule Buseck und der Theo-Koch-Schule in Grünberg. Außerdem bietet sie Betriebsbesichtigungen an und hat auch Social Media in den Blick genommen. »Wir bekommen zu den Orientierungstagen oft positives Feedback,« sagt Schleher. »Die meisten unserer Bewerbungen kommen von ehemaligen Schulpraktikanten.« Gereicht hat es in diesem Jahr trotzdem nicht.
Einen Grund für den Mangel an Auszubildenden sieht Möbus im anhaltenden Trend zur Akademisierung. »Viele Eltern glauben, dass ihre Kinder studieren müssen, um etwas aus sich zu machen,« sagt er.
Das sei ein Trugschluss. Fachkräfte sind derzeit gefragt, viele Firmen würden die praktische Erfahrung wertschätzen, die Auszubildende mitbringen. Wichtig sei es, die gesellschaftliche Bedeutung einer Ausbildung zu verbessern. Auch Praktiker Schleher sieht das ähnlich: »Die Ausbildung hat heutzutage einen niedrigen Stellenwert.«
Die Folgen dieser Entwicklung sind fatal. Nicht nur, dass manche Stellen gar nicht besetzt werden können. Den Firmen fehlt selbst bei beliebteren Berufen oft die Auswahl an Bewerbern. Bei Bänninger etwa sind gute Noten und hohe Schulabschlüsse schon längst nicht mehr der entscheidende Punkt. »Wir schauen uns bei den Noten nur die Tendenz bei bestimmten Fächern an. Auch aus Bewerbern mit einem Hauptschulabschluss machen wir Facharbeiter,« sagt Schleher. Eine hohe Motivation und Lust auf die Ausbildung nennt er die entscheidenden Kriterien. Sein Fazit: »Wir brauchen mehr Auszubildende und Bewerber.«
Geflüchtete unterstützen
Einen weiteren Ansatz, das Image der Ausbildung zu polieren, könne sein, das positive Lebensgefühl einer Ausbildung zu vermitteln. »Viele können sich gut vorstellen, wie es ist, Student zu sein, aber die meisten haben keine konkrete Vorstellung davon, wie das Leben während einer Ausbildung ist,« sagt Möbus. Auch hier könnten Berufsorientierungstage, bei denen Auszubildende mit Schülern ins Gespräch kommen, zeigen, dass Ausbildung durchaus Spaß machen kann.
Es gibt noch einen Punkt, den Betriebsleiter Schleher anspricht. Es ist die mangelnde Integration Geflüchteter in den Ausbildungsmarkt seitens der Politik. Vielen Menschen, die Lust auf eine Ausbildung haben, werde es durch begrenzte Aufenthaltsgenehmigungen und Bürokratie erschwert, eine Ausbildung zu finden. »Gleichzeitig sucht die Politik nach Fachkräften aus dem Ausland,« sagt Schleher. »Dabei könnten wir Bewerber zu unseren eigenen Fachkräften ausbilden.«
Die IHK versucht, dem Problem entgegenzuwirken, indem sie sogenannte Willkommenslotsen einsetzt. Sie sollen Geflüchteten helfen, einen Ausbildungsplatz zu finden. »Unsere duale Ausbildung ist international hoch angesehen«, sagt Möbus. »In Deutschland müssen wir allerdings wieder mehr Menschen für die duale Ausbildung gewinnen.«

