VonKathrin Rosendorffschließen
In Frankfurt haben erstmals auch Unternehmen den Aufruf zur Kundgebung am Montag unterzeichnet.
Die Proteste gegen rechts gehen auch in Hessen weiter: Tausende Menschen werden am Montagabend ab 17 Uhr bei der Kundgebung „Frankfurt steht auf für Demokratie“ auf dem Römerberg erwartet. Zu den Rednern gehören Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) und Publizist und Talkshowgastgeber Michel Friedman. Hinter der Kundgebung steht ein breites gesellschaftliches Bündnis aus Vereinen, Gewerkschaften, Religionsgemeinschaften, Verbänden, Parteien und Bildungseinrichtungen. Das Besondere: Dieses Mal haben zum ersten Mal Unternehmen wie die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers (PwC) und der Ventiltechnikspezialist Samson sowie Biokaiser und Fritz-Kola den Aufruf zur Kundgebung unterzeichnet.
Lange hatten bundesweit Unternehmen über den Höhenflug der AfD geschwiegen. Nachdem aber die „Correctiv“-Recherche über das geheime Treffen von Rechtsextremen unter Beteiligung von AfD-Funktionären und Politikern und deren Pläne, Millionen Menschen – darunter Deutsche mit Migrationshintergrund – zu deportieren, bekannt wurde - hat sich etwas verändert: Vorstandsvorsitzende positionieren sich jetzt eindeutig gegen Rassismus und für Toleranz, einen starken Wirtschaftsstandort sowie für Weltoffenheit und Vielfalt.
Die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) unterstützt die Demo, „weil die VGF und die Menschen, die hier arbeiten für Offenheit und Vielfalt, für Toleranz und Respekt stehen. Und für unsere Demokratie“. Samson und PwC betonen gegenüber der FR, dass sie die Kundgebung unterstützen, nicht aber selbst dort auftreten werden, noch explizit ihre Mitarbeitenden dazu aufrufen.
Die Geschäftsführung der Samson AG sagte, dass mit den betrieblichen Gremien wie Personalabteilung und Betriebsrat zunächst geklärt werden müsse, wie sich ein „Aufruf“ durch das Unternehmen auf die Freistellung von Mitarbeitenden auswirke, weil Samson als produzierendes Unternehmen einen Schichtbetrieb habe. Dies sei in der Kürze der Zeit nicht möglich gewesen. Für ein kurzfristiges Interview standen sie nicht zur Verfügung, schickten aber Statements. Andreas Widl, Vorstandsvorsitzender von Samson, das im Frankfurter Osten sitzt, betont: „Als ein mittelständisches Unternehmen vertreten wir traditionell die Werte Zusammenhalt, Respekt, Verlässlichkeit und langfristiges Denken. Wir sind überzeugt, dass diese Werte ihre Wirkung am besten in der Demokratie entfalten.“ Wer Demokratie und Freiheit infrage stelle, stelle auch den Wirtschaftsstandort Deutschland infrage. „Deshalb verurteilen wir jede Form von Extremismus, Gewalt und Hetze, von rechts und von links.“
Bei Samson arbeiteten Menschen aus 41 Nationen sehr gut miteinander. In der Flüchtlingskrise 2015 habe man sehr schnell reagiert und 30 junge Menschen aus Syrien, Afghanistan, Somalia und anderen Ländern als Auszubildende aufgenommen. Um ihre Integration zu unterstützen, hatte das Unternehmen eine Pädagogin eingestellt, 40 Pat:innen meldeten sich freiwillig. „Fast alle ehemaligen Flüchtlinge sind heute noch an Bord und fester Teil unserer Samson-Familie.“ Widl teilt zudem mit: „Wir wollen niemanden ausgrenzen, sondern überzeugen: durch Leistung, respektvolles Miteinander, Werte und Zuversicht.“ Gleichzeitig begrüße Samson es, „wenn unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammen mit vielen anderen Menschen dieser Tage auf die Straße gehen, um ein Zeichen für ein offenes und leistungsfähiges Deutschland zu setzen“.
Bernd Roese, Standortleiter von PwC in Frankfurt teilt mit, Frankfurt habe als größter Standort nicht nur aus Unternehmenssicht eine besondere Bedeutung, sondern vor allem auch gesellschaftlich und politisch. „Frankfurt ist die Wiege der Demokratie, in der die Nationalversammlung im Jahr 1848 erstmals die Grundrechte des deutschen Volkes verabschiedet hat.“ Der Werterahmen des Grundgesetzes „ist für uns als Unternehmen und auch für mich ganz persönlich nicht verhandelbar“. Respekt, Toleranz und Ausgleich seien für die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen von allerhöchster Relevanz.
Einige hessische Unternehmen äußerten sich lieber nicht öffentlich gegen den Rechtsruck und die AfD, berichtete die Hessenschau. Mehr als zehn Unternehmen und Wirtschaftsverbände hätte sie am Mittwoch und Donnerstag angefragt, nur wenige wollten sich äußern.
Der Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder von der Uni Kassel sagte der Hessenschau, ein Grund, warum einige Unternehmen sich mit klaren Statements gegen rechts zurückhielten, sei es, keine Unruhe in der Belegschaft zu erzeugen oder auch, keine Kunden zu verärgern. Er rief aber dazu auf, dass sie ihre Mitarbeiter:innen aufklären müssten, was die Konsequenzen dieses Programms der AfD wären: „Wohlfahrtsverlust, Arbeitsplatzverlust bis hin zur Schließung von Unternehmen.“
Ulrich Caspar. Präsident der IHK Frankfurt, sagte auf FR-Anfrage: „Wir leben nicht nur in einem Jahrzehnt der historischen Chancen, sondern auch der wirtschaftspolitischen Verantwortung. Es ist Aufgabe auch der regionalen Wirtschaft, Haltung zu beziehen und unser gemeinsames Werteverständnis zu verteidigen. Frankfurt/Rhein-Main ist international und vielfältig – seit Jahrhunderten, und heißt jeden willkommen, der sich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennt“, so Caspar. „Wir brauchen eine Willkommenskultur für Fachkräfte. Unternehmen sollten in diesem Punkt nicht durch bürokratische Strukturen ausgebremst werden.“
Der Präsident der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände, Wolf Matthias Mang, betonte gegenüber der FR: „Wir wenden uns mit aller Entschiedenheit gegen Rechtsextremismus. Ausländer und Deutsche mit Migrationshintergrund sind ein unverzichtbarer Teil unserer Gesellschaft und unserer Betriebe. Sie haben maßgeblichen Anteil an der hohen Wirtschaftsleistung und am Beschäftigungsrekord von 3,6 Millionen Erwerbstätigen in Hessen.“
Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft machten mit 60 Prozent die Mehrzahl der gut 400 000 zusätzlich sozialversichert Beschäftigten in Hessen in den vergangenen zehn Jahren aus. „Wer Ausländern, die legal in Deutschland sind, oder Deutschen mit Migrationshintergrund suggeriert, sie seien nicht willkommen, oder dass sie gar ausgewiesen werden sollten, stößt auf die entschiedene Ablehnung der hessischen Wirtschaft“, so Mang.
