- VonThomas Klemmschließen
Die Jugendämter müssen immer häufiger drastisch eingreifen, weil Eltern mit ihren Kindern überfordert sind.
Hersfeld-Rotenburg – Mehr als 66 400 Minderjährige wurden 2022 bundesweit vorübergehend zu ihrem Schutz in Obhut genommen – ein Anstieg von mehr als 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wie aus einem Bericht des Statistischen Bundesamtes hervorgeht. Auch im Landkreis Hersfeld-Rotenburg steigen die Zahlen seit drei Jahren kontinuierlich.
Das teilt Jugendamtsleiterin Anette Kranz auf Nachfrage unserer Zeitung mit. Im Jahr 2020 gab es 23 dieser Fälle, im Jahr 2021 waren es 27 Fälle und im vergangenen Jahr 39 Inobhutnahmen. Bis Mitte dieses Jahres waren bereits 29 Fälle registriert, heißt es vom Jugendamt.
Die Zahl der Inobhutnahmen unterliege Schwankungen und sei während der Corona-Jahre im Kreis zunächst gesunken. Seit 2021 näherten sie sich wieder dem Wert vor den Corona-Einschränkungen an. „Die Inobhutnahme ist das letzte Mittel in einer Reihe von Maßnahmen, die wir ergreifen können, um den Minderjährigen zu helfen“, erklärt die Jugendamtsleiterin. Es handele sich um einen schweren Eingriff in das Familienleben und stets eine vorläufige Schutzmaßnahme: Über eine Entziehung des elterlichen Sorgerechts entscheide ausschließlich das Familiengericht.
Entsprechend höher fallen die Zahlen der grundsätzlichen Gefährdungsmeldungen aus, denen das Jugendamt nachgehen muss: In den vergangenen drei Jahren gab es 221 Meldungen (in 2020), 295 (in 2021) und 276 (in 2022). Dabei wird jedes betroffene Kind als Meldung erfasst: Vielköpfige Familien fallen daher mehr ins Gewicht.
Als Grund für die steigenden Zahlen von Inobhutnahmen wird auch der Umbruch der Familiensysteme genannt. Großeltern und Bekannte seien nicht mehr im gleichen Ausmaß wie früher zur Stelle, um bei der Betreuung der Kinder zu unterstützen. Komme Stress im Alltag hinzu, etwa durch berufliche Anspannung und familiäre Probleme, gerieten Eltern in einen Überforderungsmodus – sowohl verbale als auch körperliche Kindeswohlgefährdungen können drohen.
Die Fälle von auch längerfristigeren Inobhutnahmen von unbegleitet eingereisten minderjährigen Ausländern spiele in Hersfeld-Rotenburg dabei keine so große Rolle wie etwa im Großraum Frankfurt. 2022 gab es zwölf Fälle, bis Mitte dieses Jahres waren es neun Fälle.
Auslöser für den Einsatz des Jugendamtes können dabei nicht Kindeswohlgefährdungen (sowohl verbal als auch körperlich) sein, sondern auch, wenn Kinder Gewaltausbrüche eines Elternteils gegenüber dem anderen oder gegenüber einem Geschwisterkind mit anschauen müssen.
Um minderjährige Mädchen und Jungen, aber auch Jugendliche, aus dieser für sie gefährdenden Lage herauszuholen, gibt es die vorübergehende Inobhutnahme. Dafür stehen den Jugendämtern verschiedene Institutionen zur Verfügung, wie Betreuungseinrichtungen und Pflegefamilien.
„Die Inobhutnahme ist aber das letzte Mittel in einer Reihe von Maßnahmen, die wir ergreifen können, um den Minderjährigen zu helfen“, erklärt die Jugendamtsleiterin des Landkreises Hersfeld-Rotenburg, Anette Kranz. In jedem Falle wird zunächst das Gespräch mit den Eltern gesucht. „Wenn die Eltern kooperativ sind, wird nach Lösungen im häuslichen Umfeld gesucht. Das hat Priorität. Da kann man beispielsweise den überforderten Eltern einen Familienhelfer an die Seite stellen oder ihnen andere Betreuungsangebote machen. Da gibt es eine Vielzahl von Instrumenten.“
Nur, wenn die Eltern diese Angebote ablehnen beziehungsweise nicht in der Lage sind, diese anzunehmen, wird von Amts wegen ein zweiter Schritt getan. Dann wird das Familiengericht angerufen. „Je jünger ein Kind ist, desto gefährdeter ist es in Situationen, wenn es in der Familie zu Eskalationen, zu Gewalt kommt, Drogen im Spiel sind oder Verwahrlosung droht. Dann muss gehandelt werden“, so die Amtsleiterin.
Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Jugendamtes sei bewusst, dass eine Inobhutnahme einen schwerer Eingriff in das Familienleben darstellt. Andererseits ist es ein wichtiges Instrument, um Gefahrenpotenziale zu minimieren.
Bei einer Gefährdungsmeldung seien die Jugendamtmitarbeiter immer zu zweit vor Ort, um sich ein Bild zu machen. Manchmal bedarf es auch der Polizei, wenn eine solche Meldung eingeht und ein Vor-Ort-Termin anberaumt ist.
In Situationen, in denen ein Kind rasch aus dem Familienverbund gelöst werden muss, weil es akut gefährdet ist, kann das Jugendamt auf Hilfssysteme wie Bereitschaftspflegefamilien oder Vollzeitpflegestellen zurückgreifen. „Wir haben eine eigene Inobhutnahmestelle in Bad Hersfeld mit acht Plätzen. Hier können Kinder im Alter ab sechs Jahren betreut werden“, so Anette Kranz. „Und wir haben sechs Bereitschaftspflegefamilien. Das dürften aber gern ein paar mehr sein.“
Nicht jedes Kind könne man in eine Pflegefamilie geben. Einige (traumatisierte beziehungsweise selbst- und fremdgefährdende) Jungen und Mädchen haben einen derart hohen und intensiven Betreuungsbedarf, dass dieser nur in einer Einrichtung mit geschultem Fachpersonal abgedeckt werden kann. Deshalb müssen manche Kinder und Jugendliche weit vom Heimatort entfernt untergebracht werden. „Wir sind immer bemüht, die Betroffenen im eigenen Landkreis beziehungsweise in den Nachbarlandkreisen unterzubringen, damit Eltern Kontakt zu den Kindern halten können. Aber manchmal geht es nicht anders, als das Kind in eine weit entfernt gelegene Einrichtung zu geben. Manchmal ist Abstand auch wichtig“, so die Amtsleiterin.
Das Jugendamt führe im Rahmen der Inobhutnahme lediglich „vorläufige Schutzmaßnahmen“ durch. Über eine Entziehung des elterlichen Sorgerechts entscheide ausschließlich das Familiengericht.
Der Pflegekinderdienst des Landkreises Hersfeld-Rotenburg, der beim Jugendamt angedockt ist, ist auf der Suche nach geeigneten Pflegefamilien für Kinder und Jugendliche. „Dabei spielt es keine Rolle, ob Familien für kurze Zeit ein Kind aufnehmen, eine dauerhafte Unterbringung anbieten oder als Bereitschaftspflegestelle zur Verfügung stehen“, erklärt Anette Kranz. „Der Bedarf an Pflegefamilien im Kreisgebiet ist kontinuierlich hoch.“
Pflegefamilien werden vom Pflegekinderdienst hinsichtlich der Aufnahme eines Pflegekindes umfassend informiert. Hierzu finden Informationsabende statt. Der nächste Infotag ist am Donnerstag, 5. Oktober, ab 16.30 Uhr im Landratsamt in Bad Hersfeld, heißt es in einer Pressemitteilung des Landratsamtes. „Die Mitarbeiterinnen des Pflegekinderdienstes freuen sich über zahlreiche Anmeldungen.“
Von Thomas Klemm