Der eindrucksvolle Dom und die malerische Häuserzeile gegenüber gehören zu den meistfotografierten Motiven in Wetzlar. Bald könnten auf dem Domplatz ganz viele Autos parken. Die Stadt prüft noch, wo sich die im Stadthaus wegfallenden Stellplätze ersetzen lassen. Die Linke prophezeit: Es wird chaotisch werden.
Das war mal ganz anders geplant: Wenn im Januar der Abbruch des Stadthauses am Dom beginnt, ist das Parkhaus in der Goethestraße noch nicht fertig. Die Arbeiten haben nicht einmal begonnen. Das hat Folgen: Bis das Parkhaus steht, könnte der Domplatz zum Parkplatz werden. Entsprechende Überlegungen hat Bürgermeister und Baudezernent Andreas Viertelhausen (FW) dieser Tage im Bauausschuss bestätigt.
Ursächlich für die Verzögerungen beim Parkhaus-Bau ist die alte Stadtmauer am Rand des Baufeldes. Die Stadt muss nach Maßgabe der Archäologen eine Statikberechnung vornehmen und damit nachweisen, dass die Mauer durch den Parkhausbau keinen Schaden nimmt. Zudem muss ein Sanierungsplan erstellt werden. Das dauert. »Es gibt kaum Büros, die das können, weil in die Berechnungen viele Unbekannte einfließen«, erklärt Thomas Hemmelmann, Büroleiter des Baudezernats. Und so hängen Baubeginn und Fertigstellung des Parkhauses in der Schwebe.
Altstadt mit zwei Großbauprojekten
Der Plan, erst das Parkhaus zu bauen und danach das Stadthaus abzureißen und die Domhöfe zu errichten, ist passé. Das hat in mehrfacher Hinsicht Folgen für die Altstadt: Nicht nur könnte ihr wichtigster und touristisch wertvollster Platz zur Stellfläche werden. Es wird auch das eintreten, was eigentlich vermieden werden sollte: Der Bau des Parkhauses und der der Domhöfe werden sich überschneiden, für einen längeren Zeitraum muss die obere Altstadt zwei Großbauprojekte in direkter Nachbarschaft ertragen.
Wegen der Belastung für die Anwohner und die Goethestraße als einzig sinnvoller Zufahrt zu beiden Baustellen hätte man das im Rathaus gern anders gehabt. Ist aber guter Dinge, dass sich die Vorhaben vereinbaren lassen. Hemmelmann: »Wir haben Abstimmungsgespräche geführt und gehen davon aus, dass sich die Baustellen nicht ins Gehege kommen.« In einem Termin mit Tiefbauamt und Straßenverkehrsbehörde sei die Situation in der Goethestraße erörtert worden, zum Beispiel mit Blick auf Halteverbote. Ganz so positiv gestimmt ist freilich nicht jeder. Der Stadtverordnete Hermann Schaus (Die Linke), der das Thema im Bauausschuss durch eine Anfrage auf die Tagesordnung gebracht hatte, sagt: »Weitere Parkplätze mitten auf dem Domplatz stellen nicht nur eine weitere Verschandelung des Stadtbildes dar, sie führen auch zu unzumutbaren Behinderungen bei der Durchführung von Veranstaltungen und beim Wochenmarkt.«
Dass der Domplatz für Veranstaltungen wie den Markt, »Wetzlar Live« oder das Brückenfest genutzt wird, ist der Verwaltung bewusst. Der Domplatz sei daher nur eine Option, um den Wegfall der 136 öffentlichen Parkplätze und jener für Dauerparker in der Tiefgarage des Stadthauses zu kompensieren, beruhigt Viertelhausen. Gespräche habe es zum Beispiel mit der Industrie- und Handelskammer und dem Amtsgericht gegeben. »Und wir haben Flächen hinter der Kestner- und der Lotteschule. Aber nur nachts. Das hilft den Arbeitnehmern und den Kunden der Altstadt natürlich nicht.«
Beschränktes Parken könnte nötig sein
Ein beschränktes Parken auf dem Domplatz könne daher zwingend nötig sein. »Aber wir zählen noch, wie viele Plätze wir wo darstellen können.« In den kommenden Wochen solle das Konzept vorliegen. Die Zeit drängt: Zum 31. Dezember sind alle Parkplätze in der Tiefgarage des Stadthauses gekündigt, schon jetzt laufen vorbereitende Arbeiten für den Abbruch. Auch durch den Abriss selbst werden im direkten Umfeld zusätzliche Kurzzeitparkplätze verloren gehen.
Die Freigabe des Domplatzes fürs Parken hatte zunächst der Stadtmarketingverein beantragt. »Uns ist bewusst, dass die Öffnung des Domplatzes nicht lustig wird, nicht schön und nicht gut anzuschauen«, sagt der Vorsitzende Jan Freidank. »Und für den Weihnachtsmarkt ist es gar nicht möglich.« Aber man brauche eben eine Alternative für Dauerparker, für Händler und Kunden. »Wir würden auch die Stadthalle nutzen, aber da fährt keiner freiwillig rein«, sagt Freidank mit Blick auf deren enge Rampen, die schon manche Felge näher kennenlernen durfte. Zudem ist im Stadthallenparkhaus für kommendes Jahr eine größere Sanierung geplant. Auch für Freidank ist aber klar, dass der Domplatz nur beschränkte Kapazität hat. Der Wochenmarkt am Samstag sei ein wichtiger Frequenzbringer für die Altstadt und müsse erhalten bleiben. Für das Wochenende würden Flächen wie am Gericht oder bei der IHK also definitiv gebraucht.
So oder so: Auf Autofahrer in der Altstadt kommt ein Komfortverlust zu, stellt Viertelhausen klar. »Es wird eng in der oberen Altstadt. Es gibt ja Leute, die behaupten, dass wir kein Parkhaus brauchen.« Das Gegenteil sei richtig. Gefordert wird die Freigabe des Domplatzes auch aus dem Altstadtverein. Dessen Vorsitzender, der CDU-Stadtverordnete Christoph Schäfer (CDU), sagt: »Wir hatten stets die Zusage, dass das alte Parkhaus erst dichtmacht, wenn das neue steht. Jetzt ist es nun mal so, dass das nicht funktioniert. Und da besteht die Forderung aus Sicht der Anwohner und Händler, den Domplatz freizugeben, zumindest für die Zeit, in der er nicht anderweitig genutzt wird.« Es handele sich nur um ein Provisorium, hält Schäfer fest.
Linke: Parkhaus ohne Terminplan
Schaus sieht das völlig anders. Bis heute gebe es keinen Terminplan für das Parkhaus in der Goethestraße. Das Provisorium könne also über Jahre anhalten. »Die jetzt geplanten wechselnden Parkplatzangebote werden zu einem Parkchaos und zu regelmäßigen Abschleppaktionen führen, was weder den Veranstaltern noch den Anwohnern zuzumuten ist.« Überdies setze die Koalition ihre »bekannte autofreundliche Politik« fort. Sie konterkariere ihr eigenes Ziel, den Domplatz langfristig autofrei zu machen. »Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, damit zu beginnen.« Doch das passiere nicht. Schaus: »Bei der Verkehrspolitik in der Altstadt geht das altbekannte Gewurstel weiter.« Der Stadtverordnete Dieter Winkelmann (Grüne) sieht in der Umwandlung des Domplatzes in einen Parkplatz gar keine große Änderung. Trotz Verbot werde dort schon heute ständig geparkt. »Der Zustand ist momentan so, dass der Domplatz sowieso vollsteht. Solange nicht kontrolliert wird, wird das auch weiter so sein.«