Zwischen Wut und Schockstarre

+
Arbeitsgerät: Jürgen Pauly (links) und Karl Heinz Gritsch kritisieren die Streichung von Steuervergünstigungen für Diesel und Traktoren. babs

Landwirte Pauly und Gritsch zur Abschaffung der Agrardiesel-Subvention

Main-Taunus - Jürgen Pauly weiß noch allzu gut, wie seine erste Reaktion war, als klar wurde, dass die Berliner Ampel auch auf dem Rücken der Bauern ihr Haushaltsloch stopfen will. „Ich hab’ geschäumt“, bekennt der Kreislandwirt aus Hofheim. Von „Schockstarre“ spricht sein Amtsvorgänger Karl Heinz Gritsch, der noch beim Hessischen Bauernverband aktiv ist, angesichts der Nachricht, dass die Steuerrückzahlung auf Agrardiesel und die Steuerbefreiung für landwirtschaftliche Fahrzeuge gestrichen wird.

Für Pauly wie für Gritsch ist keine Frage, warum viele ihrer Kollegen bereits zum Protest auf die Straße gegangen sind: „Das ist eine Maßnahme, die das Fass zum Überlaufen gebracht hat“, formuliert es Jürgen Pauly. Eine lange Reihe von Reglementierungen und Regulierungen der Politik für die Bauern kann er auflisten. Von den Flächenprämien, mit denen schon vor Jahrzehnten die Lebensmittelpreise subventioniert worden seien, über verschiedene Düngemittelverordnungen und andere Umweltauflagen bis zum Mindestlohn - alles sei von der Politik immer stärker bürokratisiert und geregelt worden. Vor allem aber sei jede neue Vorschrift zulasten der Landwirte gegangen, deren Arbeit sich immer weniger lohne.

Die neueste Zumutung aus Berlin bringe jetzt viele an den Punkt, an dem sie an Aufgabe des Betriebes dächten. Pauly und Gritsch sind sich einig: Sich auf den Traktor schwingen und eine Demo machen, das ist in Berlin in jedem Fall sinnvoll. Im Main-Taunus möchten sie vor solchen Aktionen, die beide nicht ausschließen, aber vor allem die Bürger ansprechen, um ihnen die Problematik deutlich zu machen. „Bis auf Wasser sorgen wir Landwirte für alles, was der Mensch zum Essen und Trinken braucht“, verdeutlicht Jürgen Pauly. Wer diesen Berufsstand nachhaltig schädige, der gefährde damit die Versorgungslage in Deutschland. Jede einzelne der Maßnahmen, die von Brüssel oder Berlin aus eingreife in die Landwirtschaft, führe zu einer Verringerung dessen, was am Ende für den Bauern unterm Strich übrig bleibe. „Wir sind keine Angestellten, wir haben keinen Mindestlohn“, sagt Pauly. Mit Risiken, die Wetter und Klimaveränderung bringen, leben sie ohnehin. Mit immer neuen Belastungen aber wollen sie nicht leben müssen.

Der Ansatz, die 21,4 Cent steuerliche Rückvergütung pro Liter Diesel zu streichen und künftig auch für landwirtschaftliche Fahrzeuge Kfz-Steuer zu verlangen, werde einen Betrieb mit 50 bis 100 Hektar Anbaufläche zwischen 5000 und 10 000 Euro kosten, macht Karlheinz Gritsch deutlich. Viele der landwirtschaftlichen Fahrzeuge seien älter und schon lange im Einsatz, oft aber nur wenige Wochen im Jahr und zudem zumeist nur auf Feldern und Wiesen unterwegs, kaum auf der Straße. Für deren Unterhaltung sei aber die Kfz-Steuer da, moniert Pauly.

Beide Landwirte, die auch kommunalpolitisch ehrenamtlich aktiv sind für die CDU, erinnern daran, dass sie und ihre Kollegen seit Jahrzehnten immer effektiver und effizienter arbeiteten. Aber auch dieser Ansatz, als Betrieb noch wirtschaftlich zu bleiben, habe Grenzen. Indirekt sehen sie mit der Maut-Erhöhung für Lkw, die den Transport von Getreide verteuere, und mit der stärkeren CO2-Bepreisung der Kraftstoffe weitere Kosten auf sich zukommen. Dass diese an den Verbraucher weitergegeben werden können, glauben Gritsch und Pauly nicht. Denn auch der habe ja immer weniger Geld in der Tasche.

Noch hat Jürgen Pauly die leise Hoffnung, dass das letzte Wort in Berlin nicht gesprochen ist. Doch er schließt nicht aus, dass auch im Main-Taunus die Bauern auf die Straße gehen, wenn das nicht der Fall ist.

Schon heute haben viele es vor, allerdings nur zur weihnachtlichen Traktor-Tour durch Hofheim (Start 16.30 Uhr Lorsbacher Straße). Pauly hat seine Teilnahme abgesagt, der Arbeit wegen, aber auch, weil ihm die Lust dazu derzeit vergangen ist.

Kommentare