VonHeinrich Krackeschließen
Landkreis und Stadt Verden überspringen bei Beschäftigten historische Marke
Amazon legte in Achim genauso zu wie HelloFresh in Verden. Dennoch sei es nicht an der Zeit, in Jubel auszubrechen, sagt etwa Wolfgang Reichelt, Präsident des Unternehmensverbandes Verden-Rotenburg. „Die Lage hat sich im Vergleich beispielsweise zum vergangenen Sommer etwas aufgehellt, aber noch sind viele Risiken nicht richtig einzuschätzen, von den Energiepreisen bis zu den Zinsen.“
Die höchsten Zuwächse bei den Arbeitsplätzen verzeichnet die Stadt Achim. Ein Plus von 2 625 Jobs innerhalb von fünf Jahren. Und das hat eine große Ursache. Amazon. Auf rund 1 900 Mitarbeiter ist die Belegschaft innerhalb kürzester Zeit angewachsen, für das Weihnachtsgeschäft wurden rund 500 zusätzliche Kräfte kurzfristig eingestellt. Ähnlich entwickelte sich HelloFresh in Verden. „Je nach Jahreszeit beschäftigen wir an der Aller bis zu 2 000 Mitarbeiter, aktuell sind es rund 1 600“, sagt Pressesprecher Martin Becker. Der Weltmarktführer bei den Kochboxen sei seit seiner Gründung vor zwölf Jahren stark gewachsen und werde weiter wachsen. Erst vor sieben Jahren hatte das Unternehmen den Verdener Standort eröffnet.
Und das sind keine Einzelfälle. Eine Tour entlang der Max-Planck-Straße in Verden genügt, um die ganze Dimension mit einen Blick aufzunehmen. „Wir suchen“, „Kommen Sie zu uns“, „Freundliche Kollegen freuen sich auf Dich“ – so oder so ähnlich heißt es auf Bannern, die auf den mehr als vier Kilometern inzwischen viele Firmen-Fassaden und Zäune zieren. „Die Betriebe suchen händeringend neue Leute“, sagt Jürgen Esselmann, Geschäftsführer des Unternehmerverbandes. „Aus dem Fachkräftemangel ist längst ein Arbeitskräftemangel geworden.“
Gleichzeitig haben eine Reihe von Firmen namhaft die Personalstärke erhöht. Die Belegschaft der Vemag an der Weserstraße wuchs binnen eines Jahres um 50 auf 850, aktuell wird eine nächste Produktionsstätte errichtet. Bei Matthäi sind es wie berichtet deren 300, die zusätzlich hinzukamen. Und ein Ende ist nicht abzusehen. „Aktuell liegen wir bei 150 Auszubildenden, das sind fünf Prozent unserer Belegschaft“, sagt etwa Geschäftsführer Bernd Afflerbach. Damit seien die Kapazitäten erschöpft, aber man denke über eine nächste Ausweitung nach.
Wohin die Reise bei der Suche nach neuen Leuten geht, ist ebenfalls erkennbar. Kreisweit geht es schon jetzt deutlich internationaler zu in den Betriebshallen als in der Vergangenheit. Das Beispiel Verden. Waren vor fünf Jahren noch rund 1 300 Ausländer beschäftigt, so sind es nach den aktuellen Zahlen bereits 2 815. Eine Steigerung um 115 Prozent. In Achim fallen die Werte noch deutlicher aus. Vor fünf Jahren standen 965 Beschäftigte mit einem Pass aus fremden Ländern in den Betrieben sozialversicherungspflichtig ihren Mann oder ihre Frau, jetzt sind es bereits 2 801. Ein Plus von 190 Prozent.
Ein nächstes Phänomen zeichnet sich ebenfalls ab. Die Belegschaft wird jünger und gleichzeitig älter. Heißt: Der Durchschnitt der 30- bis 50-Jährigen, auf denen früher die Hauptlast der Produktion lag, er wird ausgedünnt. Wieder das Beispiel Verden. Die Altersgruppe Unter 25 machte vor fünf Jahren 1 891 Personen aus, jetzt sind 2 150, ein Plus um 14 Prozent. Gleichzeitig stieg die Zahl der Über 55-Jährigen von 3 783 auf 4 692, ein Plus um 24 Prozent.
Allerdings koppelt sich der Arbeitsmarkt zunehmend vom tatsächlichen Wirtschaftsgeschehen ab. „Aktuell sind die Zeiten nicht unbedingt rosig, aber wer später wieder gut durchstarten will, der trennt sich jetzt nicht von seinen Leuten“, sagt etwa Wolfgang Reichelt, Chef der Block Transformatoren-Elektronik GmbH. Die Probleme im Gastgewerbe sind allen Warnung genug. In Corona-Zeiten mussten Leute freigesetzt werden, jetzt ist es schwer, sie zurückzuholen. Und das lässt sich inzwischen auch an Zahlen festmachen. In Verden etwa. In den Statistiken mit Stand vom 1. Juli vergangenen Jahres ist der Bereich Gastronomie mit den Segmenten Handel und Verkehr zusammengefasst. Und trotz des riesigen Personalzuwachses vor allem in der Logistik stieg die Beschäftigtenzahl lediglich um gut 200 auf 3 400.
Noch entwickelt sich die Auftragslage zurückhaltend. Sie liegt nicht gleich Null, aber das Volumen etwa aus den Zeiten vor dem Ukraine-Krieg hat sie längst noch nicht erreicht. Wieder die Block-Transformatoren-GmbH. „Die Auftragsbestände gehen zurück“, sagt Reichelt. Zwar sei die Firma aktuell bis zum September ausgelastet, aber das könne nicht als generelle Aussage für den Wirtschaftsraum Verden gelten. Reichelt: „Uns kommt zugute, dass wir in 36 Ländern vertreten sind und mit Fabriken beispielsweise in China oder den USA vieles kompensieren können.“
Mit dem Plus bei den Sozialversicherungspflichtigen zeichnet sich im Kreis Verden ein Rückgang bei den Minijobbern ab. Insgesamt ging deren Zahl innerhalb von fünf Jahren um 720 zurück. Noch allerdings befinden sich rund 8 900 Menschen in dieser Form des Niedriglohnsegmentes. Zusammen mit den 52 731 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten kommt der Landkreis auf das Allzeithoch von mehr als 60 000 besetzten Arbeitsplätzen.
