VonAnn-Christin Beimsschließen
Die Stadtwerke Rotenburg haben in der vergangenen Woche die mittlerweile vierte Gaspreiserhöhung in wenigen Monaten angekündigt. Das führt zu Frust unter Kunden – und Nachfragen im Stadtrat. Denn andere Stadtwerke haben nicht im gleichen Ausmaß ihre Preise angehoben.
Rotenburg – Die Preise steigen an allen Ecken und Enden – egal ob Energie, Sprit, Lebensmittel oder Baumaterialien. Vor allem auf dem Energiesektor ist die Lage aktuell sehr dynamisch. Dass die warme Wohnung im Winter also deutlich teurer wird, bekommen alle immer mehr zu spüren. Das gilt auch für die Kunden mit den 6 354 Hausanschlüssen der Stadtwerke Rotenburg (SR) – die sehen sich sogar mit einer außerordentlichen Erhöhung vor allem im Gasbereich konfrontiert. Das führt zu Nachfragen; unter den Kunden selbst, aber auch in der jüngsten Stadtratssitzung, als Geschäftsführer Volker Meyer den Bericht für das vergangene Jahr abgibt. Denn viele Stadtwerke in der Region sind noch um einiges günstiger als die SR.
Es ist eine saftige Erhöhung, die in der vergangenen Woche bekannt wurde: SR-Kunden zahlen ab Oktober 27,71 Cent je Kilowattstunde im Tarif SR-Erdgas Extra. Es ist mittlerweile die vierte Erhöhung der vergangenen Monate. Im Vergleich: Im November 2021 lag der Preis pro Kilowattstunde noch bei 5,78 Cent, um die Wohnung oder das Essen auf dem Gasherd warm zu bekommen.
Wirft man einen Blick auf die Preistabellen umliegender Stadtwerke, sind diese um einiges niedriger. Auch Ratsmitglied Frank Westermann (CDU) startete in der jüngsten Stadtratssitzung mehrfach den Versuch, in diesem Punkt genauer nachzuhaken – die Erklärungen von Meyer stimmen ihn sichtlich nicht zufrieden. „Andere Versorger haben für ihre Bestandskunden deutlich günstigere Preise“, merkt Westermann an.
Das Problem, vor dem die Stadtwerke aktuell stehen, liegt in den Verträgen: Vor ein paar Jahren haben sie sich gebunden an ein „80-20“-System. Will heißen: 20 Prozent des Gases können sie aktiv im Voraus einkaufen, aber 80 Prozent werden kurzfristig beschafft. Dieses Beschaffungsmodell zeigte in den vergangenen mehr als zehn Jahren Erfolg, da die SR auf diese Weise ihren Kunden günstige Preise anbieten konnten. „Davon haben alle profitiert“, sagt Prokurist Hannes Wilkens auf Nachfrage der Kreiszeitung. „Wir hatten lange stabile Preise, einen Anstieg in diesem Ausmaß hat es noch nie gegeben.“
Das war in der Vergangenheit gewinnbringend, merkt Meyer an. Die SR haben vom Gas „immer ein Stück weit gelebt“. In der aktuellen Weltmarktlage jedoch fällt ihnen das Modell vor die Füße. Die SR sind noch bis 2024 an diese Verträge gebunden. Der Nachteil also: Jede der derzeit extremen Preissteigerungen im Einkaufspreis müssen die SR an ihre Kunden weitergeben. Dadurch werden die Stadtwerke im Einkauf mehr belastet als andere Versorger und sind damit deutlich stärker von den Auswirkungen des Ukraine-Krieges betroffen – und damit auch ihre Kunden.
Wir hatten lange stabile Preise, einen Anstieg in diesem Ausmaß hat es noch nie gegeben.
Meyer präsentiert dazu mehrere Kurvendiagramme – und die kennen spätestens ab November vergangenen Jahres nur noch den Weg nach oben. Er erinnert unter anderem an die leeren Gasspeicher in Deutschland Ende vergangenen Jahres, die teils an russische Firmen verkauft worden waren. „Aus heutiger Sicht ein großer Fehler“, sagt auch Wilkens.
Zwar würden die Stadtwerke mit ihrem Juristen versuchen, aus den Verträgen herauszukommen, die Chance schätzt Wilkens aber als gering ein. Das Beschaffungsmodell sei sicherlich ein Risiko, aber beinhalte auch den Vorteil, dass „wir profitieren, wenn die Preise runtergehen“, so Wilkens. „Dann können wir wieder schneller am Markt sein“, meint auch Meyer in der Sitzung. Letztlich werden die teuren Preise auch bei den anderen durchschlagen, die aktuell längerfristig einkaufen, so Wilkens. „Sie haben Zeit gewonnen, aber das wird kommen.“
Auch Strom wird massiv teurer, warnt Meyer. Für den Betrieb mancher Kraftwerke braucht es beispielsweise Erdgas. „Wir werden animiert sein, Ersatzmaßnahmen zu treffen.“ So führen die Stadtwerke unter anderem Gespräche zu potenziellen Fotovoltaik-Flächen, möglichst regional. „Wenn sich Chancen der regenerativen Eigenerzeugung bieten, sollten wir sie nutzen“, so Wilkens. Es gehe darum, unabhängiger zu werden.
„Es geht nicht darum, in die eigene Tasche zu wirtschaften“, merkt auch Bürgermeister Torsten Oestmann in der Sitzung an. „Sondern das, was uns auf dem Markt erwartet, so umzusetzen, dass das Minus nicht allzu groß wird.“ Gewinne wurden in den vergangenen Jahren zwar erwirtschaftet, das sei richtig. Diese hätten aber unter anderem das hochdefizitäre Erlebnisbad Ronolulu ausgeglichen.
