VonUlrike Hagenschließen
Immer mehr Rentnerinnen und Rentner im Norden beziehen Grundsicherung. Auch in Niedersachsen stieg die Zahl auf ein Rekordhoch. Die Verbraucherzentralen warnen vor sozialem Abbau.
Hannover – Die Zahl der Rentnerinnen und Rentner in Niedersachsen, die auf sogenannte Transferleistungen angewiesen sind, erreicht neue Höchststände. Immer mehr ältere Menschen beziehen zusätzlich zu ihrer Rente Grundsicherung, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Denn: Die Rente reicht für immer mehr Menschen nicht aus, um trotz der Rentenerhöhungen im Sommer 2024 ihre Kosten zu decken.
Die Rentenerhöhung fängt nur einen Teil des Kaufkraftverlustes von Rentnerinnen und Rentnern der letzten Jahre auf, monieren Experten. Mit einer Armutsgefährdungsquote von über 18 Prozent stehe fast jeder fünfte Senior in Deutschland vor der Gefahr, in Armut zu geraten.
Rekordzahlen in Niedersachsen und Bremen: Über 83.000 Betroffene beziehen Grundsicherung im Alter
Im ersten Quartal dieses Jahres erhielten 71.440 Rentnerinnen und Rentner die jenseits des Renteneintrittsalters in Niedersachsen und 11.655 Menschen über der sogenannten Altersgrenze in Bremen Grundsicherung – ein deutlicher Anstieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Laut dem Statistischen Bundesamt ist dies der höchste Wert, der je in den norddeutschen Bundesländern verzeichnet wurde. Diese Entwicklung zeigt, dass immer mehr ältere Menschen nicht ausreichend von ihrer Rente leben können.
Es ist eine stille Form der Armut, die sehr schambehaftet ist, die Betroffenen führen oft ein Schattendasein.
Altersarmut in Niedersachsen auf Rekordhoch: „Stille Form“ der Armut
Die Situation in Niedersachsen und Bremen spiegelt einen bundesweiten Trend wider. Die Zahl der Seniorinnen und Senioren, die auf Grundsicherung angewiesen sind, wächst stetig, in ganz Norddeutschland. In Schleswig-Holstein hat sich die Zahl der Betroffenen in den letzten 20 Jahren fast verdreifacht. „Es ist eine stille Form der Armut, die sehr schambehaftet ist“, erklärt Verbraucherschutz-Experte Michael Herte von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein gegenüber kreiszeitung.de, „die Betroffenen führen oft ein Schattendasein“:
„Menschen reagieren verängstigt“: Experte beobachtet zunehmende Altersarmut
„Wir merken das daran, dass die Menschen empfindlicher – auch oft verängstigt oder geradezu panisch – auf steigende Kosten beispielsweise bei den Energiepreisen reagieren“, berichtet Herte. Der Kreis derjenigen, die sich das gewohnte Heizverhalten oder nicht mehr leisten können, werde besonders unter den älteren Menschen größer, beobachtet Herte. Die folgenden kritischen Heizstrategien machten sich mit Schimmelbildung in immer mehr Haushalten bemerkbar.
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Verbraucherzentralen warnen vor dem Ende wichtiger Hilfsangebote
Trotz dieser besorgniserregenden Entwicklung laufen wichtige Unterstützungsangebote aus. Ein Beispiel: Die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein (VZSH), die Senioren mit kostenfreier Beratung bei Verbraucherproblemen unterstützt, muss ihre Quartiersarbeit Ende 2024 einstellen, da eine Weiterfinanzierung durch die Landesregierung nicht vorgesehen ist. In Niedersachsen wurde das einzig vergleichbare Projekt in Wilhelmshaven bereits Mitte des Jahres eingestellt. Einzig in Bremen und Hamburg läuft die kostenfreie Quartiersberatung weiter – ob auch noch nächstes Jahr, ist jedoch unklar.
Es braucht deshalb die Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Politik, und Lösungsansätze zur Bekämpfung und Prävention.
„Immer mehr sind auf Unterstützung angewiesen“: Experten fordern Lösungen der Politik
Herte warnt: „Dabei sind immer mehr ältere Menschen auf diese Art von Unterstützung angewiesen, um sich beispielsweise über Energiesparmaßnahmen oder ihnen zustehende Transferleistungen zu informieren“. Er fordert von der Politik weitere Aufklärungsarbeit für ältere Menschen: „Was steht Senioren zu, wie funktioniert etwa der Grundrentenzuschlag oder die Beantragung von Wohngeld.“
Altersarmut sei längst kein soziales Randproblem mehr – und werde in Zukunft immer mehr Menschen betreffen. „Es braucht deshalb die Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Politik, und Lösungsansätze zur Bekämpfung und Prävention“. Dazu gehöre auch bezahlbarer Wohnraum für ältere Menschen, damit Ihnen wenigstens soviel Geld übrig bleibe, um weiter an der Gesellschaft teilhaben zu können. Denn: Es arbeiten zwar immer mehr ältere Menschen jenseits des Renteneintrittsalters, jedoch kann sich nicht jeder kann sich über Minijobs in der Rente etwas dazuverdienen.
Rubriklistenbild: © Sebastian Kahnert/dpa

