Angekommen aus der Ukraine: Frauen, die ihre Chancen nutzen

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Ludmilla Nikonchuk (l.) und Anastasia Fedyna haben Pläne für ihre Zukunft.
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Ludmilla Nikonchuk und Anastasia Fedyna – zwei Frauen, die aus der Ukraine geflüchtet sind und hier ihre Chancen zu nutzen versuchen. Sie lernen Deutsch, und sie haben klare Ziele. Die 18-Jährige Anastasia Fedyna den Campus Unterstedt bereits verlassen und studiert in Hamburg.

Rotenburg – Lange Zeit war es ruhig und überschaubar auf dem Campus in Unterstedt. Doch mittlerweile leben wieder fast 100 Flüchtlinge in der Unterkunft auf dem Gelände der früheren Lungenklinik. Sie kommen aus vielen verschiedenen Ländern – die Ukrainer bilden dabei zurzeit allerdings die größte Gruppe. Eine von ihnen ist Ludmilla Nikonchuk. Die 40-Jährige bewohnt zwei Zimmer mit ihren drei Kindern. Sie hat es nicht leicht, meistert ihr Schicksal jedoch mit einer bewundernswerten Zielstrebigkeit. „Sie ist unglaublich selbstständig“, sagt Cornelia Höck vom Campus-Team, das sich um die geflüchteten Menschen kümmert.

Für das Gespräch mit der Ukrainerin kommt Anastasia Fedyna dazu. Sie ist 18 Jahre alt, ebenfalls seit Februar in Rotenburg und sprachlich mittlerweile so gut, dass sie beim Übersetzen hilft. Doch die junge Frau, die mittlerweile einen Studienplatz in Hamburg gefunden hat, kommt nur phasenweise zum Einsatz, denn Ludmilla Nikonchuk versucht nach Kräften, selbst auf Deutsch zu antworten. Und dabei kommt eigentlich nur ein wirkliches Problem zum Ausdruck: „Ich wünsche mir eine eigene Wohnung für uns, aber es ist sehr schwer, eine zu finden.“

Rotenburg als Glücksfall

Zusammen mit ihren beiden Töchtern Ivana (16) und Irena (14) sowie dem 15-jährigen Sohn Maxim hatte sie sich gleich nach Beginn des Krieges in der Ukraine auf den Weg gemacht. Mit dem Zug sind sie zuerst nach Polen, von dort aus dann weiter nach Berlin gefahren. Die nächste Station war das Erstaufnahmelager in Fallingbostel. „Zwei Wochen waren wir dort, dann ging es nach Rotenburg“, berichtet die 40-Jährige.

Dieses Ziel an der Wümme kristallisiert sich für die Frau und ihre Kinder als Glücksfall heraus. „Uns geht es hier wirklich gut. Wir haben alles, was wir brauchen – und für die Kinder gibt es viele Möglichkeiten.“ Sie haben ein sicheres Dach über dem Kopf, sie haben ausreichend Essen. „In der Ukraine haben das viele Menschen nicht mehr“, fügt sie hinzu. Der Krieg – er sei schrecklich, und ja, er mache ihr Angst. Daher habe sie sich sofort entschieden, das Land zu verlassen, als Putins Soldaten mit dem Einmarsch und dem Beschuss am 24. Februar begonnen hatten.

Drei Mal in der Woche bekommt Ludmilla Nikonchuk auf dem Campus Deutschunterricht von ehrenamtlichen Helfern, und an vier Nachmittagen in der Woche besucht sie einen Integrationskurs der Volkshochschule Rotenburg. Meistens versucht die 40-Jährige, selbst auf Deutsch zu sprechen – erst hier in Rotenburg angekommen, hat sie damit begonnen, unsere Sprache zu lernen. „Das ist sehr wichtig, denn dann habe ich eine bessere Chance, eine Arbeit zu finden.“

Rund 100 Menschen leben derzeit auf dem Campus Unterstedt.

Genau das nämlich ist ihr Ziel. Vom Drang nach Selbstständigkeit geprägt, legt sie größten Wert darauf, möglichst bald von der staatlichen Hilfe unabhängig zu sein. „Ich gehe immer nach vorne“, sagt sie. Das sei auch in der Ukraine schon so gewesen. Nach der Scheidung von ihrem Mann hat sie sich alleine um die vier Kinder gekümmert. Die älteste Tochter Alina ist 21 Jahre alt und studiert in Polen.

Die drei jüngeren Geschwister sind mit der Mama nach Deutschland gegangen. „Es geht ihnen gut, aber sie haben es nicht leicht.“ Das liege vor allem am Alter, sagt sie. Ivana besucht das Ratsgymnasium, die beiden anderen gehen zur IGS Rotenburg. Freunde hätten sie gefunden, „aber fast nur solche, die Russisch sprechen“. Mit der deutschen Sprache hätten sie so ihre Probleme.

Hilfe für die, die in der Ukraine geblieben sind

Zu Hause in Stepan im Nordwesten der Ukraine hatte Ludmilla Nikonchuk ein eigenes Geschäft. Sie hat Bekleidung verkauft. „Es ist für mich ganz normal, alles alleine zu regeln“, betont sie, nachdem Cornelia Höck noch einmal beschrieben hat, wie sie Nikonchuk auch auf dem Campus alles daran setzt, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Anträge, Schriftstücke und die gesamte Tagesorganisation – nur selten bitte sie um Hilfe.

Schließlich möchte sie selbst gerne anderen helfen. Dabei hat sie weniger die Mitbewohner auf dem Campus im Blick. „Die haben hier alles, was sie brauchen.“ Nein, sie möchte jene Menschen unterstützen, die von hier aus versuchen, den Menschen in der Ukraine etwas Gutes zu tun. Problem: „Wegen des Unterrichts habe ich nur wenig Zeit.“ Aber das könnte sich ändern, und dann will auch sie mit anpacken, mit einpacken und ihren Teil beitragen.

Es ist für mich ganz normal, alles alleine zu regeln.

Ludmilla Nikonchuk

Nach Hause, also zurück in die Ukraine, möchte sie nicht – auch langfristig will sie sich hier in Deutschland etwas aufbauen. Deshalb legt sie Wert auf eine eigene Wohnung – vor allem der Kinder wegen. „Die kennen den Krieg nicht“, erklärt Ludmilla Nikonchuk. Und sie möchte sie davor schützen. Daher ist sie auch schon so früh nach Deutschland aufgebrochen. „Es ist noch ruhig in unserem Ort, aber die letzten Tage zeigen, dass man nicht wissen kann, wann auch bei uns die Raketen einschlagen.“

Die 40-Jährige lacht viel in diesem Gespräch, und es ist zu merken, dass diese Lebensfreude echt ist. „Ja, weil es mir gut geht.“ Sogar ihrem Hobby kann sie nachgehen. Das Thema Fitness hat es ihr angetan. Gerade erst war sie in einem Studio in Rotenburg, und an manchen Tagen gelingt es ihr, Mitbewohnerinnen zum Training zu animieren. „Das machen sie auf einem der Flure“, berichtet Cornelia Höck mit einem Schmunzeln im Gesicht.

Studium in Hamburg

Die Erfahrung der vergangenen Jahre seit Beginn der großen Flüchtlingswelle 2015 haben es gezeigt: Geflüchtete, die sich sofort ihrer neuen Situation bewusst sind und versuchen, ihre Chancen zu nutzen, schaffen es auf Sicht, sich in der neuen Heimat zurechtzufinden. „Ich muss das machen, weil ich es auch zu Hause schon gemacht habe“, betont die Ukrainerin. „Das alles ist gut für mich. Ich bin eine Kämpferin, ich muss vorangehen – das hilft mir dann auch später.“ Klar, sie habe Freunde, oder besser: mehrere Bekannte, auf dem Campus gefunden. Man tausche sich aus über den Krieg und die Folgen. „Wir tauschen Informationen aus, aber nicht unsere Probleme.“

Anastasia Fedyna übersetzt zwischendurch. Das kann sie sehr gut, denn Deutsch hatte sie schon in der Schule, und jetzt hat sie den Ehrgeiz, das C1-Zertifikat zu erreichen. Denn: Inzwischen lebt die junge Frau in Hamburg. Sie hat dort ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft. „Ich bin im Vorstudium an der Hochschule für angewandte Wissenschaften und studiere ab März Gesundheitswissenschaften.“ Sie sagt das mit einem Hauch von Stolz. Denn auch sie ist von Beginn an ihren Weg gegangen. Sie hat weiter Deutsch gelernt, ein Praktikum in einer Tierarztpraxis gemacht und sich um einen Studienplatz bemüht. „Ich komme in Hamburg gut zurecht. Für mich war es eher hier in Rotenburg schwierig, denn ich komme ja aus einer größeren Stadt.“ Zusammen mit ihrer Mutter, der Schwester und einer Cousine hatte sie sich von Lwiw aus auf den Weg gemacht. „Jetzt bin ich glücklich, etwas machen zu können.“

Auch die 18-Jährige lernt viel Deutsch – in der Woche an der Hochschule, an den Wochenenden in einem Kursus. Diese vergangenen acht Monate – „sie sind eine gute Erfahrung für mich, denn ich kann fast alles alleine machen“. Zwischen den beiden Frauen liegen 22 Jahre – aber genau in diesem Punkt haben sie etwas gemeinsam. Anastasia indes möchte irgendwann wieder nach Hause – um mit ihrem Wissen dann dort mitzuhelfen.

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