Notaufnahmen im Kreis Diepholz an der Belastungsgrenze

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Nicht nur die Notaufnahmen in den Fokus nehmen: Abgebildet ist der Empfang der Zentralen Notaufnahme der Klinik Bassum. Rechts befinden sich die Behandlungsräume. Bild unten: Die Kliniken weisen auf erhöhte Wartezeiten hin.
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Die Kliniken in Bassum, Diepholz und Sulingen am Limit: Sie bearbeitet im Dezember mehr Fälle und haben zeitgleich mehr Ausfälle.

Landkreis Diepholz – Einen enormen Zulauf verzeichnen die Zentralen Notaufnahmen (ZNA) der Kliniken im Landkreis Diepholz. Ralph Ehring, Geschäftsführer der Krankenhäuser Bassum, Diepholz und Sulingen, sieht daher eine „durchaus angespannte Lage“ in den Häusern – vor allen in Bassum und Diepholz.

Gros der Krankheitsfälle im Kreis Diepholz: Magendarm- und Atemwegsinfektionen

Das Gros der Krankheitsfälle in der Bevölkerung seien Magendarm- und alle Arten von Atemwegsinfektionen. Dazu komme der hohe Krankenstand unter den Klinik-Mitarbeitern sowie vielen Zuweisungen von Patienten durch den Rettungsdienst. „Wir hatten beispielsweise am zweiten Advent-Wochenende einen enormen Zulauf“, sagt Ehring. Fußläufige Patienten machten nur einen Teil des Andrangs in den Notaufnahmen aus.

Innerhalb von 24 Stunden kämen normalerweise landkreisweit im Schnitt insgesamt 50 bis 150 Menschen in den drei Notaufnahmen an. In Bassum und Diepholz seien es zurzeit „nahe 100“ sowie in Sulingen „50 plus“.

Die angespannte Lage der Kliniken im Landkreis stellt aber keinen Sonderfall dar, ordnet Ehring ein. Aktuell seien die Krankenhäuser Cloppenburg, Diepholz, Sulingen, Lohne, Nienburg und Schaumburg der Notfallbetreuung für die allgemeine innere Medizin abgemeldet. Im Bereich Unfallchirurgie seien sechs der neun Umlandkliniken wegen Überlastung für die Rettungsdiensttransporte abgemeldet.

Zusätzliche Unwägbarkeiten seien witterungsbedingte Stürze aufgrund von Blitzeis. Diese saisonalen Faktoren sowie die häufigen Atemwegserkrankungen kämen in den Wintermonaten laut Ehring auf das „normale Grundrauschen“ in der ZNA hinzu.

Der Weg durch die Zentrale Notaufnahme (ZNA)

Anmeldung: Nach der Ankunft in der ZNA wird die Anmeldung durch das begleitende Rettungspersonal, Ihre Begleitperson oder von Ihnen selbst vorgenommen. Bitte halten Sie, wenn möglich, Ihre Versichertenkarte bereit, rät die Klinikleitung in einem Schreiben. Dort werden Sie auch von speziell geschultem pflegerischen Personal empfangen, das eine erste Einschätzung der Schwere des Notfalls vornimmt.

Betreuung: Während der Zeit im Behandlungszimmer stehen Mitarbeiter für Fragen zur Verfügung. Es besteht eine interdisziplinäre Zusammenarbeit der Facharztgruppen, sodass jederzeit Fachärzte anderer Fachrichtungen hinzugezogen werden können. Untersuchungen wie Röntgen oder EKG können, soweit erforderlich, sofort durchgeführt werden, weitere Maßnahmen umgehend veranlasst werden.

Diagnose: Nach der Diagnose wird der Patient stationär aufgenommen, falls einen OP oder weitere Beobachtung nötig ist, oder er wird nach Hause entlassen. Der Fach- oder Hausarzt übernimmt in dem Fall die weitere Behandlung.

Wartezeiten: Derzeit kommt es zu erhöhten Wartezeiten in den Notaufnahmen. Kommen Sie nur, wenn es wirklich notwendig ist, bitten die Kliniken.

„Es gibt eine klare Belastungsanzeige für die Häuser: die eigene Kapazität, den aktuellen Zulauf oder beides. Für uns trifft momentan beides zu“, sagt Ehring. Dennoch sieht sich der Kliniken-Chef für die kommenden Wochen gut gerüstet: „Wir können das System bis zu einem gewissen Grad über 100 Prozent fahren. Kapazitäten sind erhöht worden und werden immer wieder angepasst.“ Das Nadelöhr seien jedoch die Ausfälle in den eigenen Reihen. „Viele Mitarbeitende sind am Anschlag“, weiß Ehring.

Insgesamt führe die Gemengelage in den Notaufnahmen im Landkreis zu erheblichen Wartezeiten. Die Rede ist aktuell von bis zu vier Stunden – teilweise sogar viel länger. „Da wenden wir das System der Triage an, also nach medizinischer Dringlichkeit“, sagt Ehring. Wenn beispielsweise jemand auf der Schmerzskala eins bis zehn nur eine Fünf hat und dann ein Patient mit einem Knochenbruch kommt, wird der schwerere Fall zuerst behandelt. „Die Wartezeit in der Zentralen Notaufnahme ist sehr individuell“, sagt Ehring.

Dauerproblem in den Notaufnahmen der Kliniken: Patienten mit Lappalien

Außerdem ein Dauerproblem: Patienten mit Lappalien. „Die Personen gibt es weiterhin, die Hilfe für sich in Anspruch nehmen, obwohl sie ihr Anliegen auch bei Hausärzten klären könnten. Die kommen weiterhin“, sagt Ehring. Die Mitarbeiter würden aber den Patienten, die vergleichsweise mit Kleinigkeiten in die Notaufnahme kommen, mit freundlicher Offenheit kommunizieren, dass etwa vier Rettungswagen im Zulauf seien und mit so und so viel Stunden Wartezeit zu rechnen ist. „Da raten wir dem Patienten direkt, den Fokus nicht nur auf die Notaufnahme zu setzen, sondern auch den kassenärztlichen Notdienst (116 117) in Betracht zu ziehen oder den Hausarzt aufzusuchen“, schildert Ehring.

„Wir verwehren niemanden die Hilfe und nutzen die Wartezeit auch nicht als Erziehungsmittel“, versichert der Kliniken-Chef und nennt das Beispiel einer älteren Dame mit Luftnot: „Die wird natürlich nicht allein gelassen.“ Jedoch sollten unnötige Besuche der ZNA vermieden werden. Das betreffe vor allem Patienten, die mit Schmerzen oder Symptomen auftauchen, die bereits seit mehreren Tagen oder gar Wochen vorliegen.

Um zukünftig deutlicher zu informieren, sollen in den Empfangsbereichen der Notaufnahmen großformatige Plakate aufgehängt werden. Darauf wird Patienten mitgeteilt, den Fokus nicht nur auf die Notaufnahme zu richten. Dennoch: „Wenn es Ihnen nicht gut geht, suchen sie einen Arzt auf“, möchte Ehring nicht falsch verstanden werden. „Wir haben eine hervorragende medizinische Versorgung in Deutschland, niemand muss zu Hause sitzen.“

Im Notfall hilft immer die 112

Positiv bewertet Ehring, dass es „ganz wenige und in letzter Zeit immer weniger Patienten gibt“, die mit einer „Ich-will-jetzt-drankommen“-Mentalität in der ZNA aggressiv würden. Bis jetzt sei es nicht nötig gewesen, die Polizei zu rufen. „Da sind wir außerordentlich streng“, erklärt Ehring. Es wird nicht geschrien oder handgreiflich, lautet die Regel. Mit solchen Situationen könnten die Mitarbeiter professionell und robust umgehen. Zu körperlichen Übergriffen sei es daher noch nie gekommen, verbale Übergriffe gebe es häufiger.

Die ZNA ist rund um die Uhr an 365 Tagen besetzt. Mitarbeiter aus den Bereichen Pflege und Medizin kümmern sich dort um Patienten. Nach einer pflegerischen Einschätzung des Notfalls hilft das Ärzteteam. Bei lebensbedrohlichen Notfällen sollen Bürger immer die Telefonnummer 112 anrufen.

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