VonMatthias Röhrsschließen
Das Duell zwischen Vivian Tauschwitz und Lars Klingbeil beim „Bundestalk am Tresen“ war trotz politischer Rivalität von Gemeinsamkeiten geprägt. Ein Modell für Berlin?
Rotenburg – Ob Lars Klingbeil oder Vivian Tauschwitz nun der oder die beste für den Wahlkreis „Rotenburg I – Heidekreis“ ist, hat der „Bundestalk am Tresen“ am Donnerstagabend nicht beantworten können. Knapp anderthalb Wochen vor der vorgezogenen Bundestagswahl am 23. Februar haben sich die beiden Top-Kandidaten dem Duell gestellt und dabei durchaus durchblicken lassen, wohin die politische Reise nicht nur für die Region gehen kann. Ohne Zweifel sind die beiden die aussichtsreichsten Kandidaten für das Direktmandat, weshalb sich die Organisatoren aus der Rotenburger Kreiszeitung und des Rotenburger Wirtschaftsforums für eine Debatte ohne die anderen fünf Anwärter entschieden hatten. So wurde diese schlanker und fokussierter. Ein Konzept, das Anklang bei den Gästen im „Strandgold“ am Rotenburger Weichelsee gefunden hat.
Sie erwartet eine sachorientierte Debatte der beiden Kontrahenten. Populismus dagegen, der im Wahlkampf gerade viel den Ton angibt, steht bei den Besuchern des Strandgolds an diesem Abend ohnehin nicht hoch im Kurs. Mandats-„Titelverteidiger“ Klingbeil von der SPD und seine CDU-Herausforderin Tauschwitz haben das erkannt. Die Debatten bleiben zumeist unaufgeregt und sportlich. Vielleicht, weil das Moderatoren-Duo aus dem Redaktionsleiter der Rotenburger Kreiszeitung, Michael Krüger, und dem Vorsitzenden des Wirtschaftsforums, Heiko Kehrstephan, es immer wieder schafft, mit kleinen humoristischen Nachfragen und Seitenhieben die Stimmung aufzulockern. Oder weil dieser Abend vielleicht ein Vorgeschmack auf die Zeit nach der Wahl ist? Eine große Koalition aus Christdemokraten und Sozialdemokraten: Dieses Szenario löst zwischen den beiden Kandidaten sicher kein Unbehagen aus.
Dabei ist es ein realistisches Szenario, dass der Wahlkreis in der nächsten Legislatur mal wieder zwei Abgeordnete stellen kann. Mit Platz zehn für CDU-Kandidatin Tauschwitz und Platz eins für SPD-Bundeschef Klingbeil auf ihren jeweiligen Landeslisten haben beide Chancen auf einen Sitz im Bundestag, auch bei einer Wahlniederlage in „Rotenburg I – Heidekreis“. Wobei die beiden Protagonisten des Abends sich da noch verhalten geben. Nachgefragt betont Tauschwitz, natürlich das Direktmandat zu wollen. Und Klingbeil geht ob der Wahlrechtsreform nicht von einem Selbstläufer aus. Na dann, Ring frei?
So ungleich das Duell der „lediglich“ regional bekannten Tauschwitz und dem bundespolitischen Schwergewicht Klingbeil erscheint, beeindruckt ist die CDU-Kandidatin davon nicht. Beide haben schon das eine oder andere Rededuell in den vergangenen Wochen ausgefochten, da legt sich das. Stattdessen trat Tauschwitz selbstbewusst und zuweilen angriffslustig gegenüber dem Routinier auf. Neidisch ist sie nicht auf die Talkshow-Auftritte des Kontrahenten, sagt sie. Sie ist dafür mehr vor Ort bei den Wählern. Ein Schlag, den Klingbeil einstecken muss und das auch tut. Ihm merkt man Souveränität an. Er nutzt Gelegenheiten für inhaltliche Punktgewinne besser und erntet dadurch ein kleines Plus an Szenenapplaus. Tauschwitz ist den Abend über meistens bei sich und ihren Stärken. Klingbeil nutzt den Auftritt auch für das Programm seiner Partei, hat beide Stimmen auf dem Wahlzettel besser im Blick.
Für Vivian Tauschwitz und Lars Klingbeil ist nun der Wahlkampf-Endspurt angebrochen. Tauschwitz ist selbstbewusst. „Mindestens 33 Prozent für die CDU“, hofft sie. „Wir sind in den Umfragen überhaupt nicht da, wo ich die SPD gerne hätte“, sagt ein noch lange nicht geschlagener SPD-Chef Klingbeil.
Auffällig ist, dass sich die beiden trotz unterschiedlicher politischer Lager inhaltlich recht nahezustehen scheinen. Etwas, das viele der Kommunalpolitiker unter den Zuschauern gut kennen. Aber reicht das? Immerhin scheint der CDU-Parteivorsitzende in den vergangenen Wochen einiges an Porzellan zerschlagen zu haben. „Der Graben zu Friedrich Merz ist tiefer geworden, aber nicht zur CDU“, bekennt Klingbeil nach den anstrengenden Sitzungen zuletzt im Bundestag. „Wir sind zur Zusammenarbeit in der demokratischen Mitte verdammt.“ Damit nähert er sich seiner Vorrednerin weiter an. „Wir müssen hart in der Sache streiten, aber wir müssen am Ende auch einen Kompromiss finden und Fehler eingestehen können“, so Tauschwitz.
Dass es eine gemeinsame Basis gibt, zeigt dieser Abend. In Migrationsfragen, bei der finanziellen Ausstattung der Kommunen, beim Bürokratieabbau, beim Fachkräftemangel, beim AfD-Verbot, bei Wirtschaftsthemen sind Tauschwitz und Klingbeil, eben wohl geprägt durch den gemeinsamen Wahlkreis, oft auf einer Wellenlänge. Stellenweise werfen sie sich, vielleicht auch ungewollt, die Bälle gegenseitig zu. Die Gemengelage ist auch kompliziert geworden, das hat nicht nur wieder der Anschlag in München wenige Stunden zuvor wieder gezeigt. Dazu kommen Energiekrisen, Krieg in der Ukraine, Inflation und und und. Das lässt die Wähler nicht kalt, und die beiden Politiker auf dem Podium auch nicht. „Das ist eine ganze Menge, und das macht was mit der Gesellschaft“, so Klingbeil. Oder in den Worten Tauschwitz‘: „Es ist alles wild auf der Welt. Aber wir müssen nach vorne schauen und weiter machen.“
„Bundestalk am Tresen“: Klingbeil und Tauschwitz im Kandidaten-Duell




In der zweiten Hälfte des Abends dann ein Punkt, an dem man doch streiten und sich reiben kann – der Klassiker Geld. Während Klingbeil die Schuldenbremse gerne gestrichen sehen würde, sieht Tauschwitz noch finanzielle Möglichkeiten. Auch die von Klingbeil geforderte Vermögenssteuer ist nicht im Sinne seiner Kontrahentin. Kurz gesagt: Dass Geld investiert werden muss, darüber sind sich beide zwar einig. Woher es kommen soll, in der Frage verfolgen sie aber doch verschiedene Ansätze.
Rund 300 Leute sind ins große, hergerichtete Zelt am Weichelsee gekommen. Es gibt kleine Lager, in denen sich die CDU- beziehungsweise SPD-Mitglieder aus der Region zusammengefunden haben. Würde man den Applaus nach den Redebeiträgen nehmen, hätte keine Gruppe ein nennenswertes Übergewicht, immerhin sind die meisten wohl „neutral“. Bevor es auf der Bühne losgeht, stecken die Köpfe zusammen. Es ist ein Querschnitt der politisch Interessierten aus dem Südkreis Rotenburg, dem Norden dieses Wahlkreises. „Das Interesse an Politik ist zurzeit extrem groß“, hat Moderator Heiko Kehrstephan festgestellt. Wer aber das Vertrauen der Wähler genießen wird, entscheidet sich in Kürze.
Rubriklistenbild: © Holger Heitmann




