„Vorhofflimmern ist gut behandelbar“

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Oberärztin Maren Witt und Chefarzt Korff Krause sprechen über das Vorhofflimmern.
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Wenn das Herz kurz stolpert, muss das keinen ernsten Hintergrund haben. Doch es könnte unter Umständen Vorhofflimmern sein. Darauf machen Ärzte im Rahmen der Herzwochen aufmerksam.

Rotenburg – Turbulenzen im Herzen müssen nicht, aber sie können einen ernsten Hintergrund haben. Darauf weist die Deutsche Herzstiftung während der bundesweiten Herzwochen hin. Diesmal klärt sie über eine Erkrankung auf, die viele Menschen auch unwissentlich haben können: Vorhofflimmern. Mehr als 1,5 Millionen Menschen in Deutschland haben damit Schätzungen nach zu tun. Es ist die häufigste andauernde Herzrhythmusstörung. Ist sie behandlungsbedürftig, gibt es aber Therapiemöglichkeiten? Die beiden Ärzte Maren Witt und Korff Krause vom Rotenburger Agaplesion-Diakonieklinikum gehen genauer auf die Erkrankung ein.

Was ist Vorhofflimmern genau, was passiert da?

Krause: Das Vorhofflimmern ist eine Arrhythmie, ein unregelmäßiger Herzschlag. In den Vorhöfen fällt der sogenannte Sinusrhythmus, der Standardrhythmus, weg. Dadurch kommt es zu chaotischen Bewegungen im Herzvorhof. Es gibt verschiedene Arten, aber das klassische Vorhofflimmern entsteht, wenn die Pulmonalvenen Störsignale aussenden. Auch Herzklappenerkrankungen oder Schilddrüsenüberfunktionen können das Flimmern auslösen. Das Herz poltert unregelmäßig und kann sich nicht mehr richtig mit Blut füllen. Dann sind Patienten nicht mehr belastbar, manche bekommen eine Herzschwäche.

Wie erkenne ich selber ein Vorhofflimmern?

Krause: Manche Menschen, etwa 30 Prozent, merken das gar nicht. Andere spüren den unregelmäßigen, schnellen Puls.

Witt: Häufig merken es die Älteren, weil sie gesundheitsbewusster werden und selbst Blutdruck messen. Die neuen Messgeräte zeigen eine Herz-Arrhythmie an. Das Gerät kann das aus vielen Gründen anzeigen, aber man sollte zum Arzt gehen und ein EKG machen lassen. Nur dort kann man das sehen, durch Tasten kann man die Diagnose Vorhofflimmern nicht stellen.

Erkennen Hausärzte die Anzeichen rechtzeitig?

Witt: Ja – wenn sie ein EKG schreiben. Der Sinn unseres Vortrags (siehe Infokasten) ist, dass die Menschen sich beim Arzt vorstellen, wenn sie einen unregelmäßigen Herzschlag bei sich feststellen, Luftnot oder immer wieder Herzrasen haben. Ein EKG ist natürlich nur eine Momentaufnahme – in diesem kann es dann auch nicht sein. Es gibt aber sogenannte Wearables; also Geräte, die man tragen kann, die eine EKG-Linie abbilden können. Oder Handy-Apps, wo man den Finger auflegen kann. Gute Geräte leiten den Rhythmus ab. Eine Diagnose der Herzrhythmusstörung muss aber der Arzt stellen. Es gibt zahlreiche verschiedene.

Krause: Manchmal geht die Störung schnell wieder von alleine weg. Dann lässt man ein Langzeit-EKG schreiben oder sogar kleine Aufzeichnungsgeräte unter die Haut einsetzen. Die Aufzeichnung der Rhythmusstörung sollte das oberste Ziel sein.

Vortrag zum Thema Vorhofflimmern

Unter dem Motto „Turbulenzen im Herz – Vorhofflimmern“ stehen in diesem Jahr die bundesweiten Herzwochen der Deutschen Herzstiftung. Den verschiedenen Aktionen schließen sich auch Korff Krause, Chefarzt der Klinik für Kardiologie, und Maren Witt, Oberärztin, an und halten am Mittwoch, 9. November, ab 18 Uhr im Rotenburger Buhrfeindsaal einen Vortrag zum Thema Vorhofflimmern. Im Anschluss bleibt Zeit für Fragen, so die Ärzte. Eine Anmeldung für die Veranstaltung ist nicht notwendig. Für Besucher besteht allerdings eine FFP2-Maskenpflicht.

Wenn man so etwas spürt, also lieber einmal abchecken lassen?

Witt: Genau, egal in welchem Alter. Das Flimmern haben auch junge Menschen, gerade sportliche.

Gibt es eine besonders gefährdete Gruppe?

Krause: Vor allem die Patienten, die schon eine Herzschwäche haben. Und Patienten mit einer sogenannten akzessorischen Leitungsbahn. Sie haben eine angeborene zusätzliche Reizleitung. Das sind seltene Erkrankungen. Aber wir hatten zuletzt erst zwei junge Patienten im Diakonieklinikum, die in Rotenburg erfolgreich behandelt werden konnten. Für diese Patienten kann das Vorhofflimmern lebensgefährlich werden. Aber es ist gut behandelbar, wenn man es rechtzeitig entdeckt.

Witt: Mit der angeborenen Leitungsbahn ist das gefährlich. Vorhofflimmern an sich ist nicht lebensbedrohlich. Es ist aber unangenehm.

Was sind das für Herzschwächen, bei denen man selber aufmerksamer sein sollte?

Witt: Bei einer Herzschwäche ist das Herz per se erstmal nicht so kräftig. Es pumpt nicht mehr mit voller Kraft und zieht sich zusammen. Die Umwälzpumpe funktioniert nicht, es bleibt immer Blut im Herzen liegen und wird nicht komplett durch den Körper geschickt. Menschen merken das häufig erst durch Luftnot. Dass schon die Treppe in den ersten Stock Beschwerden bereitet. Das kann viele Gründe haben, Vorhofflimmern ist eine Option. Das Bedrohliche daran ist der Schlaganfall. Er entsteht, wenn die Vorhöfe nicht mehr richtig pumpen. So entstehen Blutgerinsel und die können überall im Körper landen.

Krause: Diese Blutgerinnsel können überall Gefäßverschlüsse auslösen. Der Schlaganfall ist am sichtbarsten, aber sie können letztlich alle Organe schädigen. Und schon kleine Gerinsel können im Gehirn immense Schäden anrichten.

Ist das das Tückische an dieser Krankheit: Weil man die Anzeichen nicht immer bemerkt?

Witt: Genau. Das Risiko für einen Schlaganfall besteht dann.

Krause: Ab einem gewissen Risiko wird auch die Blutverdünnung empfohlen.

Kann man vorbeugen?

Witt: Ja, wie für alle Krankheiten: den Alkoholkonsum einschränken. Alkohol triggert das Vorhofflimmern, also die gestörte Elektrik. Hoher Blutdruck muss eingestellt sein, die Blutfette sollten in Ordnung sein, der Zucker, das Gewicht. Regelmäßige Bewegung ist wichtig. Das allgemeine Gesundheitsbewusstsein gilt auch für diese Erkrankung, um das Herz-Kreislauf-System zu schonen. Aber manchmal kann man alles machen und bekommt es trotzdem. Das ist leider so.

Krause: Und es ist überwiegend eine Erkrankung des Alters. Fünf bis zehn Prozent der 80-Jährigen sind betroffen. Das Reizleitungssystem ermüdet wie so vieles. Je älter, desto häufiger kommt es vor.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Krause: Zum einen die Herz-Frequenz mit Medikamenten zu bremsen. Und dann die Ablations-, also Verödungstherapie. Wir führen eine Katheteruntersuchung durch, gehen von der Leiste ins Herz, und versuchen, die Pulmonalvenen, von denen die Störsignale ausgehen, elektrisch zu isolieren. So können die Störsignale von der Vene nicht mehr hineingelangen und den Vorhof durcheinanderbringen. Bei der Pulmonalvenenisolation gibt es zwei Techniken: durch Strom oder durch Kälte. Bei bis zu minus 60 Grad wird das Herzgewebe punktuell abgetötet, sodass das gestörte Signal nicht mehr zurück in den Vorhof kann. Da das Vorhofflimmern aber ein vielfältiges Phänomen ist, und der Umbau des Vorhofes schon fortgeschritten sein kann, erreichen wir bis zu 80 Prozent – bei Jüngeren haben wir sogar eine Erfolgsrate von 90 Prozent. In Zukunft gibt es noch Formen mit Lasern, aber das ist noch keine Routine.

Kommt ein Patient mit Vorhofflimmern um eine Operation nicht herum?

Krause: Der klassische Weg ist, zunächst mit Elektroschocks den Rhythmus wiederherzustellen. Wenn es bei Patienten aber gehäuft wiederkommt, ist das keine zielführende Therapie. Dann muss man mit Medikamenten oder der Ablationstherapie arbeiten.

Welche Einschränkungen hat der Betroffene?

Witt: Am meisten stört die Patienten das Herzrasen. Der eine merkt das, der andere nicht. Bei denen stellen wir es häufig erst fest, wenn sie einen Schlaganfall haben. Die, die es merken, gehen zum Arzt. Das ist wie ein Stolpern, als ob sich das Herz verschluckt. Und das haben die Patienten in einer ganz hohen Frequenz ständig. Das ist äußerst unangenehm im Alltag. Sie werden kurzatmig, sind nicht mehr leistungsfähig, müde, ihnen wird schwindlig. Wenn man ohnehin schon niedrigen Blutdruck hat und das Herz pumpt nicht richtig, ist der Blutdruck noch niedriger.

Also sollte man diese Signale ernst nehmen?

Witt: Jeder hat mal Herzrasen. Aber wenn einem der Körper was mitteilt, darf man aufmerksamer mit sich sein, ohne gleich Panik zu bekommen.

Haben wir verlernt, auf unseren Körper zu hören?

Witt: Der Mensch an sich ist in der heutigen, schnelllebigen Zeit zu unsensibel mit sich selbst. Da wird anderen Dingen viel mehr Aufmerksamkeit gewidmet.

Egal ob medikamentöse Therapie oder OP, welche Einschränkungen hat man danach, oder kann man normal seinen Alltag bestreiten?

Krause: Nach dem operativen Eingriff können die Menschen nach wenigen Tagen wieder alles machen. Medikamentös gibt es häufig keine Einschränkungen, wenn die Medikamente gut vertragen werden. Wenn der richtige Herzrhythmus durch die Operation wiederhergestellt ist, ist die Lebensqualität überproportional besser, als unter Medikamenten.

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