VonAndreas Hapkeschließen
Grace Jiang stammt aus China und lebt seit vielen Jahren in Deutschland. Die Unternehmerin entschied sich erst nach zwölf Jahren Aufenthalt für die deutsche Staatsbürgerschaft und schildert ihren langen Weg zur Einbürgerung.
Stuhr – Der Bundestag berät zurzeit über die Abschaffung der eben erst eingeführten Turbo-Einbürgerung. Besonders gut integrierte Migranten sollten davon profitieren und den deutschen Pass schon nach drei statt wie bisher fünf Jahren Aufenthalt bekommen. Doch nicht alle Migranten wollen auf die Schnelle die deutsche Staatsbürgerschaft, nur weil es möglich ist, diese zu bekommen. Ein Beispiel ist die Chinesin Grace Jiang, die sich zwölf Jahre Zeit für diese Entscheidung genommen hat. Den deutschen Pass hat sie seit 2024.
Grace Jiang ist die Ehefrau des Fahrenhorsters Robert-Jan Stüssel. Die beiden lernten sich beruflich in Shanghai kennen, wo Stüssel einen Standort für einen Bremer Stahlhändler aufgebaut hatte. Im Frühjahr 2009 saß Grace Jiang ihm als Exportchefin eines chinesischen Unternehmens gegenüber. Ihre Firma benötigte hochwertigen Edelstahl für ein Kraftwerk in Russland. Erst später stellten die beiden fest, dass sie sich bereits auf einer Messe in Düsseldorf über den Weg gelaufen waren.
Heirat und Umzug nach Deutschland
Geheiratet haben die beiden 2012, in China und in Deutschland. „Bis dahin sind wir hin- und hergependelt. Zwei Monate war Robert in China, zwei Monate ich bei ihm. Das hat viel Energie gekostet“, berichtet Grace Jiang. Also verkaufte sie ihre Firma und verlagerte ihren Lebensschwerpunkt nach Deutschland. „Dort würde es besser für uns sein“, dachte sie. Unter anderem wegen des Asthmas, unter dem Stüssel litt.
Auch nach der Heirat musste Grace Jiang immer wieder nach China reisen. Sie hatte inzwischen eine Firma gegründet, deren Produkte Kindern die englische Sprache vermitteln sollten. Puppen, die Chinesisch verstanden und auf Englisch antworteten. Alles basierend auf künstlicher Intelligenz. Bis zu vier Wochen verbrachte sie dann in der alten Heimat, „weil ich in vielen Angelegenheiten einfach vor Ort sein musste“, sagt sie. Um nach der Rückkehr festzustellen: „Mir gefällt es in Deutschland immer besser.“
Bis Corona ging das so. Seitdem war Grace Jiang nicht mehr in China. Die Pandemie bedeutete das Aus für ihr Unternehmen, und sie leitete den Neuanfang in Deutschland ein. Die 53-Jährige spricht von einem längeren Prozess. „Ich war etwas verunsichert. Sprache, Kultur, Umgebung, da musste ich mich dran gewöhnen. Ich habe mich anfangs gefühlt wie ein Gast.“
Integration und Unterstützung
Das Sprachcafé im Brinkumer Mehrgenerationenhaus sei eine große Hilfe für sie gewesen. Ehrenamtliche kümmern sich dort um Menschen, die die deutsche Sprache lernen wollen. Der Versuch, ein solches Angebot im Bürgerhaus Fahrenhorst zu etablieren, scheiterte. Für Teilnehmer aus anderen Ortsteilen sei der Weg dorthin einfach zu weit, sagt Grace Jiang.
Klar ist: Als Ehefrau Stüssels war Grace Jiang in einer ungleich komfortableren Situation als viele andere Menschen mit Migrationshintergrund. Sie hatte eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis und konnte sich Zeit lassen zu entscheiden, ob und wann der richtige Zeitpunkt für die Beantragung der deutschen Staatsbürgerschaft gekommen ist. Gleichwohl hatte diese Frage seit der Heirat im Raum gestanden, und bis zur Antwort dauerte es zwölf Jahre.
Deutschland als Zuhause
Dass ihre Eltern inzwischen gestorben und die Kontakte nach China weniger geworden waren, hatte zwar eine Rolle gespielt. Doch sie habe Deutschland auch immer mehr als ihr „wahres Zuhause betrachtet, weil die Familien, Freunde, Nachbarn und sogar Fremde, denen ich hier begegnet bin, so freundlich und herzlich waren“. Heute ist sie „dankbar für die Gelegenheit, in dieses Land einzuwandern und hier aufgenommen zu werden“.
Die Einbürgerungsprüfung hat sie nach eigener Auskunft mit voller Punktzahl bestanden. Während der Vorbereitung sei sie zum ersten Mal mit der deutschen Verfassung in Berührung gekommen. Dies habe sie motiviert, mehr über Meinungsfreiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Föderalismus zu erfahren. Sie sei tief eingetaucht in die europäische und amerikanische Geschichte.
„Wir Ausländer müssen nicht nur die deutsche Sprache, kulturellen Aspekte und Lebensgewohnheiten lernen, sondern auch die verschiedenen Faktoren, die Deutschland zu seinen heutigen zivilisatorischen Errungenschaften geführt haben.“ Der freie Zugang zu Informationen werde ihr helfen, Wurzeln zu schlagen.
Dass dies nicht allen Menschen gleich gut gelingt, erlebt Grace Jiang in ihrer unmittelbaren Umgebung. „Sehr nette“ Nachbarn hätten Diskriminierung und Verletzungen erfahren. „Das gab mir zu denken. Der Mensch neigt dazu, unbekannte Dinge abzulehnen.“ Nicht alle Chinesen seien Kommunisten und nicht alle Muslime Extremisten. „Wir müssen darüber nachdenken, wie wir das verständlich machen können.“
Zukunftspläne mit Kindern
In ihrer neuen Heimat möchte Grace Jiang mit Kindern arbeiten. Nur allzu gerne würde sie eine zweisprachige Kindertagespflege eröffnen. „Durch den Wechsel zwischen verschiedenen Sprachen wird das Gehirn in seiner Reaktions- und Konzentrationsfähigkeit gestärkt“, begründet Grace Jiang. „Das eröffnet ihnen mehr Möglichkeiten im Leben.“
Die Qualifikation zur Tagespflegeperson hat sie inzwischen erworben, ebenso erste Erfahrungen als Vertretungskraft. Dank des Vertrauens und der Unterstützung der Eltern habe sie eine „unvergessliche und wundervolle Zeit mit fünf kleinen Engeln“ verbringen dürfen. Unbeschreiblich sei auch das Glück gewesen, diese Kinder drei Monate später bei einem Besuch der Gruppe wiederzusehen.
Nun hofft Grace Jiang, dass ihr die Bürokratie nicht weiter Steine in den Weg legt und sie endlich Räume für ihr Vorhaben findet. Im Bürgerhaus etwa sei das Projekt nicht genehmigungsfähig. „Es gibt überall Probleme. Ich muss einfach weiter hart arbeiten und Wege finden, um sie zu überwinden.“ Dies mindere aber „in keinster Weise“ ihre Liebe und Dankbarkeit für dieses Land.
